TV-Objekte

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12. April 2008, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

„Seh-Kuh“ brüllt im Gasometer

Brüllende Kühe hat es im Gasometer Oberhausen noch nicht gegeben. Bis Alfred Grimm kam. Der Künstler aus Hünxe stellt in der gigantischen Tonne am Rhein-Herne-Kanal Kunstwerke mit Fernsicht aus. Unter den sieben „TV-Objekten“ ist auch seine „Seh-Kuh“ von 1988.

OBERHAUSEN/HÜNXE (ras) Seit zweieinhalb Jahren zählt der Gasometer zu den Ankerpunkten der „Europäischen Route der Industriekultur“ (ERIH). Eine Fotoausstellung zum europaweiten Netzwerk zeigt seitdem Meilensteine der Industriegeschichte. Zu sehen sind zum Beispiel die spektakuläre Ansicht eines Zinnbergwerks an der Küste Cornwalls, der Windmühlenpark „Zaanse Schans“ in Zaandam bei Amsterdam, der Kupfertagebau „Copper Kingdom“ Amlwch in Wales oder Schottlands einst profitabelste Baumwollspinnerei New Lanark. Jetzt wurde die Ausstellung neu inszeniert und die Fläche des ehemaligen Gasspeichers auf seiner zweiten Ebene um rund 1000 Quadratmeter erweitert.

Im Mittelpunkt: die Tonne

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht der Gasometer selbst. Die ERIH-Ausstellung mit großformatigen Fotografien von Thomas Wolf wurde durch weitere Aufnahmen historischer Industriestandorte ergänzt.

An sechs neuen Hörstationen können sich Besucher außerdem von Schauspieler Rufus Beck Geschichte(n) zu den jeweiligen Denkmälern europäischer Industriekultur erzählen lassen. An vier weiteren Hörstationen stellt die Oberhausener Kabarettistin und Regisseurin Gerbung Jahnke ihren Lieblingsplatz vor: den Gasometer. Mit gewohnter Ruhrpott-Schnauze empfiehlt sie, was man sich unbedingt in der Tonne ansehen sollte. Übrigens wahlweise auch im echten Ruhrpott-Englisch, bewusst nicht akzentfrei.

Dazu gibt es eine neu gestaltete Dokumentation, die mit großformatigen Bildern an Gasometer-Highlights wie „The Wall“ von Christo und Jeanne Claude, die Ausstellung „Blaues Gold“ oder Bill Violas „Five Angels For The Millenium“ erinnert. Eine neue Illumination lässt die riesige Stahlscheibe samt Stahlgerüst zudem in ganz neuem Licht erscheinen. Kunstvoll wird die Konstruktion akzentuiert, der Raum unterhalb der Manege strahlt jetzt in satten Rot.

Brüllendes Eutertier

Dort erzählt Alfred Grimm seine Stück Ruhrgebiets-Geschichte. Seine in Fernseher eingebauten Kunstwerke bieten eine ganz eigene Fern-Sicht. So ist zum Beispiel sein TV-Objekt „Ferienbeginn in NRW“ mit der Endlos gespiegelten Blechkarawane mit dabei. Die „Zwei Minuten Ruhrgebiet“ sind zu sehen, auch „Das Ruhrgebiet 3: Labor-TV“. Und natürlich die „Seh-Kuh“. Das Brüllen des Eutertiers (ein Bewegungsmelder löst es aus, sobald ein Besucher dem Objekt zu nahe tritt) sei markerschütternd, freute sich Grimm gestern. „Das hallt ungeheuer. Vor allem Kinder sind restlos begeistert.“ Neben den TV-Objekten ist Alfred Grimms „Arbeitertasche“ in der Ausstellung zu sehen.

Auf Flachbildschirmen lässt sich dreidimensional in die Geschichte des Gasometers reisen. Eine Animation, entwickelt von Wissenschaftlern der Hochschule Bochum, macht die Stahlwände der Tonne transparent, zeigt die Funktionsweise des Scheibengasbehälters und erklärt seine Rolle im Mittelpunkt eines Dreiecks großer Rohrleitungen, in denen Hochofengas, Kokereigas und Restgas an Verbraucher geliefert wurde.

30. September 2003, NRZ

Grimm zeigt Adam+Eva-Objekt

AUSSTELLUNG / Paradies im Fernseher nah gesehen. Erst- und einmalig in der Kunstgeschichte. Gespannt auf Resonanz.

VOERDE. „Kunst im Jahr der Bibel.“ Wir sollten „mutig rangehen an das Thema“, habe die Organisatorin aufgefordert, sagt der Hünxer Künstler Alfred Grimm. Und so ermuntert, habe er eine Idee umgesetzt, die eigentlich ein Geburtstagsgeschenk für Ehefrau Barbara werden sollte. Seit gestern steht die Idee als Objekt im Rathaussaal Voerde und wartet auf die Ausstellungseröffnung am Mittwochabend.

Barbara Grimm sammelt Adam-und-Eva-Motive. Alfred Grimms Beitrag ist der Zeugungsakt von Kain und Abel. Adam und Eva stellt er dar mit den Figuren von Barbie und Ken, die ein spezielles Sammelgebiet von ihm sind, erworben auf dem Trödelmarkt, in drei Abenden aufbereitet für das Objekt. – in einem ausrangierten Fernsehapparat, mit Urwald aus Plastik, einer ebensolchen Schlange, Apfel der Versuchung, mit Scheinwerfer ins rechte Licht gesetzt und Ton (Stöhngeräuschen) unterlegt.

In der Kunstgeschichte ist diese Form der Darstellung von Adam und Eva im Paradies laut Grimm „erst- und einmalig“. Er erwartet Resonanz, hat Zeitungen von der Bild bis zur Frankfurter Allgemeinen, Magazine von „Religion heute“ bis zum Stern angeschrieben – natürlich mit entsprechendem Anschauungsmaterial.

Ob er einen kleinen Kunstskandal inszenieren wolle? Grimm weist diesen Verdacht weit von sich. Er habe dieses Objekt gemacht, stelle es in der Ausstellung im Rathaussaal aus und warte die Beurteilungen ab – Wertungen von Kunstsachverständigen und der geneigten breiten Öffentlichkeit. (hap.)

30. September 2003, Rheinische Post

Kunst im Jahr der Bibel: Alfred Grimm präsentiert in Voerde sein neues TV-Objekt „Versuchtes Paradies“

Kleine Peep-Show: „Jenseits von Eden“

Von RALF SCHREINER

VOERDE. Vögel zwitschern, Bienen summen, ein Tiger brüllt und Eva stöhnt. Laut und Lustvoll tönt’ es aus dem illuminierten Farn. Die Versuchung ist blond und barbusig. Adam erliegt ihr stehend. Rhythmisch wackelt der Fernseher. Eden-TV. Alfred Grimms neustes Schau-Objekt „Versuchtes Paradies“ kratzt an einem Tabu. Der Hünxer Künstler zeigt Adam und Eva nach dem Sündenfall als quietschvergnügtes Pärchen, das sich ungeniert miteinander verlustiert.

Zeit des Erwachens

Es ist die Minute nach dem Apfelbiss, die Zeit des Erwachens aus unschuldigem Schlummer, des Einander-Erkennens, wie es in der Bibel heißt. Anders als van Eyck, Cranach und Michelangelo, Dürer, Rembrandt, Chagall und viele andere Künstler bedeckt Grimm die Szene nicht mit einem Feigenblatt. Im Gegenteil: Er legt den Schalter um. Spot an, willkommen zur Peep-Show. Zum ersten Mal in der europäischen Kunstgeschichte kein schamvoll gesenkter Blick, kein keusch bedecktes Geschlecht, keine Schuldgefühle. Grimms Eva schenkt dem Betrachter das zuckersüße Lächeln einer blond gelockten Barbie-Puppe, die wonnevoll ihren ebenfalls blonden Adam umarmt. Dieses Lächeln ist so künstlich wie alles in diesem Paradies. Der Frosch, die Maus, die Fliege auf dem Steinpilz. Die Bäume und Blumen. Erst recht die schwarze Gumminatter, die von außen ins Chassis kriecht.

Eine feine Leimrute hat der Hünxer Eulenspiegel da wieder ausgelegt. Grimm lockt den Betrachter, befriedigt aber nicht dessen voyeuristischen Blick. Ganz Spötter und Spaßvogel, enttarnt er die Peep-Show als harmloses Spiel. Dabei geht es ihm nicht um Mythen, sondern um farbenfrohe Tagesaktualität. Grimm sendet nicht live. Ein Bewegungsmelder lockt den Betrachter in die Endlosschleife jenseits von Eden. Und wieder dient ein ausgeweideter Fernseher als Rahmen und zugleich zeitgenössischer Bühne, um eine alttestamentarische Geschichte nicht neu, aber anders zu erzählen. Grimms Garten Eden ist eine Baustelle, und als solche macht er sie sichtbar. Es ist der künstlerische Versuch, Versuchung zu inszenieren. Klebepistole, Zange und Schraubendreher liegen noch auf dem Werktisch, gerade so, als habe der Meister sie soeben erst aus der Hand gelegt.

Weihnachtsgeschenk

Diplomatie war nie Alfred Grimms Sache. Der 60-jährige Beuys-Schüler arbeitet spontan, assoziativ, lustvoll und furchtlos. Dass er sein „Versuchtes Paradies“ – ein Objekt, das ursprünglich als Weihnachtsgeschenk für seine Ehefrau Barbara gedacht war – als Beitrag zur Kunstausstellung im Voerder Rathaus zum Jahr der Bibel präsentiert, ist nur konsequent. Grimm gefällt sich in der Rolle des Provokateurs. Und es wäre nicht das erste Mal, dass er mit einem Objekt in die Schusslinie selbst ernannter Sittenwächter gerät. Erinnert sei an den Skandal von 1998 in Rees und Meerbusch, als sein „Mutter-Erde-Stuhl“ der Zensur zum Opfer fiel und aus der jeweiligen Ausstellung entfernt werden musste.

„Versuchtes Paradies“ – eine weitere Geschmacklosigkeit? Unzumutbar? Obszön? Gar pornografisch? Grimm ist solche Anwürfe gewohnt. Er hält sie für abwegig. „Ich wollte nur etwas Menschlichkeit ins göttliche Umfeld bringen“, sagt Grimm und lächelt wissend. An seiner Kunst scheiden sich nun mal die Geister. Solange das so bleibt, können wir hoffen – auf immer neue Überraschungen.

26. Juli 1997, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Alfred Grimm zeigt in der Ausstellung „Kunst und Natur“ neue TV-Objekte

Verspiegelte Fernsichten

Von RALF SCHREINER

HÜNXE. Alfred Grimm hat den „Telefunken PALColor“ gründlich ausgeweidet. Nur das Chassis ist stehengeblieben. Sechs Spiegel baumeln darin. Sie ersetzen die Fernbedienung. Denn Programme hat dieses Gerät soviele, wie Zuschauer hineinblicken. Jeder einzelne wird reflektiert, kann betrachten, wie er aussieht, wenn er fernsieht. Und damit alles so ist wie zu Hause, darf auch die Bierflasche nicht fehlen, das Glas und der benutzte Aschenbecher. Grimm hält dem Betrachter mit seinem „Spiegel TV“ den Spiegel vor – und lächelt. Das Objekt ist Teil der Aktion „Kunst und Natur“, die am Samstag und Sonntag, 16. und 17. August zum zweiten Mal rund um das Landhotel Voshövel in Weserlerwald „Kunstspaziergänger“ anlocken will.

Der besondere Reiz des Grimmschen Alternativprogramms erschließt sich dem Betrachter erst in der Natur. „Man schaut nicht nur in das Gerät hinein“, sagt Alfred Grimm. „Man blickt auch hindurch und sieht natürliche Landschaft – Wald, Felder, Wiesen.“ Für gewöhnlich sehe man im Fernsehen nur Bilder, die zeigen, wie sich Menschen Landschaft vorstellen. „Viele haben keinen Blick mehr für das, was sich in der Natur bietet.“

Das „Spiegel-TV“ ist nur ein Objekt von vielen, mit dem der Bruckhausener Künstler Blicke schärfen und anregen will. Ausstellen will Grimm auch sein „Herbst-TV“, eine verspielte Arbeit mit fallenden Blättern und einem unermüdlichen Männerchor, Einsatz per Kontaktmelder. Einige andere Kunstfernseher sind noch in Vorbereitung. „Andere Inhalte, andere Formen“, mehr verrät Grimm nicht. Schließlich will er die Besucher mit seiner Kunst überraschen. Wer seine TV-Reihe kennt, weiß, daß ihm das gelingt. Erinnerungen an die prallen Euter der niederrheinischen „Seh-Kuh“ werden wach, an das erotische „Sahara-Projekt“ von 1988, wo kleine Männchen auf große sandene Brustberge blicken, an das Stau-TV mit den sich ins Nichts wälzenden, endlosen Blechlawinen und vieles mehr. Abschalten kann man woanders.