Schach

14. April 1994, Rhein-Sieg-Zeitung » Originalartikel öffnen

Sinnstiftendes Spiel mit Daseinsstufen

Martin Timm und Alfred Grimm zeigen im Torhausmuseum Arbeiten zu „Tarot und Schach“

Von Andrea Barthélémy

Sieburg. Ein Spiel mit dem Spiel. Mit den geheimnisvoll-sprechenden Karten des Tarots, mit der kühlen Strategie des Schach. Im Torhausmuseum fordern die Künstler Martin Timm und Alfred Grimm seit Dienstag zur Partie – und zur Parteinahme.

Mit verspielten Zufälligkeiten durfte dabei in beiden Fällen nicht gerechnet werden. Als Beuys-Schüler widmete sich Alfred Grimm, Jahrgang 1943, nicht nur der zwei-, sondern vor allem der dreidimensionalen Darstellung des Schachspiels: 64 Felder bilden das stets gleichbleibende, zugrundeliegende Raster, das es zu beleben gilt. Schach-Protagonisten tummeln sich darauf, die mit konventionellen Figuren wenig gemein haben, sich dafür – oftmals „getarnt durch Humor“, wie es Martin Müller zur Einführung nannte – in verschiedenster Weise in Szene setzen.

So beim „Veteranen-Schach“, in dem die Spielsteine durch Geschoßhülsen ersetzt, von Spinnweben überzogen und mit Schnapsglas, Kaffeetasse und abgelegter Brille dekoriert, zum Relikt ermüdender strategischer Kriegsführung werden. So auch beim „Technischen Schach“, bei dem die Feldfiguren am Tropf hängen – und den Lebenssaft für ihre Schachzüge aus Batterien beziehen.

Unterschiedlich sind dabei Gangart, Zielrichtung und Taktik: Im Sammelsurium aus Zivilisationsüberbleibseln und Zitaten des Alltagslebens agieren Grimms Protagonisten als metaphorische „Schachprobleme“ (so beim per Axt gespaltenen „Räuberschach“-Brett) oder auch als Platzhalter für „Lebensprobleme“ auf allgemein-gesellschaftlichem Spielfeld.

Teleologische Entwicklungen, zielgerichtete Wege sind für den Fotografen Martin Timm von besonderer Faszination. Der aus Hamburg stammende Wahl-Kölner widmet sich mit Vorliebe mythologischen, alttestamentarischen Themen – die Tarot-Karten sind für ihn jedoch gleichfalls eine Art „Initiationsweg“. In reduzierten, querformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien spürte er anderthalb Jahre lang den „Urbildern“ in den ehemals auch als Orakel benutzten Karten nach – „mit Esoterik habe ich jedoch nichts im Sinn“, beteuert der 33jährige.

22 ganz persönliche Abstraktionen – teils von Beginn an rational konzipiert, teils zunächst unbewußt assoziiert – sind dabei in Nachzeichnung des in den Karten vorgefundenen Entwicklungsweges herausgekommen. Da entbieten zwei prall-feuchte Äpfel einer sich stolz entfaltenden Orchidee einen fast bedrohlichen Schutz – Timms Adaption der Karte „Regentin“. Ihr männliches Pendant, der „Regent“, klammert sich angesichts soviel offensiv demonstrierter Weiblichkeit an (zweifelhafte) Herrschaftsinsignien: Neben einem Halsband-Orden strecken sich diverse Werkzeuge eines Taschenmessers empor – jedoch keine scharfe Klinge, sondern Maßlöffelchen und Schraubenzieher.

Nicht nur dank des extremen, breitgelagerten Querformats zwingen die Bilder geradezu zum ruhigen, fast kontemplativen Betrachten. Auch die Inszenierung ist statisch, wirkt wie die durch beharrliches Insistieren freigelegte Essenz diverser Daseinsstufen. Die reichen von der Karte des „Narren“, auf der bei Timm Plastikspielzeug zu sehen ist, bis zum „Welten-Ei“, das in der Nachfolge der „Auferstehung“ zwei Lämmer, wiederum Gummifiguren, zeigt. Der Kreis schließt sich: Teleogie oder Zyklus? Sinnstiftendes Spiel auf alle Fälle. Die Ausstellung „Tarot und Schach“ ist noch bis zum 8. Mai jeweils sonntags von 14.30 bis 17 Uhr und mittwochs von 9 bis 12 sowie 15 bis 17 Uhr zu sehen.

03. 1995, Rochade Europa » Originalartikel öffnen

Alfred Grimm – ein Künstler auch des Schachlichen

Egbert Meissenburg

„Die Zeit der gegenstandslosen, abstrakten Malerei ist vorbei“, sinniert der 1943 geborene, in Hünxe lebende und in Dinslaken als Kunsterzieher schulisch agierende Alfred Grimm, „die Dinge unserer realen Welt müssen wiederkommen und ihren Rang in der Kunst einnehmen. Der Mensch sieht doch die umgebende Wirklichkeit. Die innere Welt kann nicht alleiniger Gegenstand für den Künstler sein, das wäre krankhaft und ebenso einseitig wie die bloße Darstellung äußerlicher Eigenschaften“. Dem Künstler gilt es, sich der wesentlichen Aussage eines Dinges, eines Menschen, eines Sujets zu nähern, sich dem ganzen Sein zu öffnen; er könne weder den engen, kalten Weg der Realität gehen, noch sich der ausufernden, widerstandslosen Gefühlswelt verschreiben. Es seien umfassende Gestaltungsmöglichkeiten auszuschöpfen.

Eine dieser Gestaltungsmöglichkeiten ist für Grimm das Schachspiel.

Jedoch: Die Werke, die das Motiv Schach beinhalten, nehmen in dem künstlerischen Schaffen von Alfred Grimm den kleineren Teil ein. Schachmotive tauchen sporadisch, dann aber mit großer Intensität auf.

Das Schachspiel, das Schachspielen, die Schachfiguren, die Zugfolgen, die die Schachfiguren aus der Hand des Spielers am Schachbrett ausführen, waren schon immer – und die Literaturgeschichte wie die Kunstgeschichte geben hierfür viele Jahrhunderte zurückreichende Beispiele – Gegenstand von Metaphern und Allegorie. Das Bildhafte verknüpft sich mit dem Unsinnlich-Nichtbildhaften, was wieder zum Bildhaften zurückführt.

Neben Aktzeichnungen und Malereien beleuchtete Alfred Grimm die Objekte mit neuer Ideenhaftigkeit: Aus Spielzeugautos wurden Schrotthalden, Blechfriedhöfe komponiert; in einen ausgeweideten Fernseher setzte er die „Television Ruhrgebiet“ in der Form einer Zechenlandschaft.

Seit 1984 sind 19 Original-Schachspiele gestaltet worden. Auf genaue Schachbezüge nimmt der Künstler keine Rücksicht; ihm sind ästhetische Gesichtspunkte von vorrangigem Betracht.

Das „Natur-Schach“, Modellbäumchen, Streugras, Sprühlack, 14 × 30 × 30, soll das Wachsen von Bäumen und Sträuchern auf dem Schachbrett, ein Überwuchern der Figuren darstellen und Natur und Logik zueinander in eine neue Beziehung setzen.

Das „Montags-Schach“, 1985, Radio-Teile, Draht, Plastikband, Kugeln u.a., 14 × 30,5 × 30,5: Blaue Figuren greifen die geballte Masse des schwarzen Gegners an, obwohl diese sich noch nicht bewegt haben – eine unmögliche Konstellation zu Beginn des realen Schachs.

„Abräumen“, 1984, 2 Modellbagger, Plastikstaub, Sprühlack: Mit Kraft und Gewalt greift ein Bagger in das Spielgeschehen ein und räumt ab, die schwarzen Figuren sind umgefallen und liegen übereinander.

„Lustschach“, 1984, Klimperschmuck, Federn, Wolle, Glas, Fäden, Draht, Glühbirnen, Stoff-Fetzen verändern die Schachfiguren in freier und gewollt lustbetonter Variation.

Mit Hindergründigkeit gepaarter Humor, das Wollen um das „ganz andere“ bestimmten hier die gestaltende Hand des Künstlers.

Daneben entstanden munter veränderte Einzelfiguren als kleine Objekte. Schachszenen beklemmender, harter, blutiger oder freier humoristischer Art wurden, in kleine Holzkästen verpackt, als plastische Arbeiten hergestellt.

Die Serie „Schachzüge“ aus dem Jahre 1990, Acryl, 17 × 11, zu Dutzenden ins Werk gesetzt, sollte den Beginn des Schachkampfes, die Abwehr, die Verfolgung, das kämpferische Eindringen, sinnlich zeigen: Es wird munter gemalt, gekleckst, gewischt, gespritzt, die Figuren kippen, überlagern des Bildrand, springen in grellem Gelb, ziehen vor in markante Farbspur, stoßen tiefschwarz um, wehren sich seichtem Grau, verschwimmen in blasser Farbe, lösen sich auf – eine Ideenvielfalt tut sich auf.

1989 kam der Künstler bei seinem Gespräch mit einem ehemaligen Schüler in die Bredouille: Bei der künstlerischen Bearbeitung von Schachspielen müßten auch die Spielregeln genau beachtet werden; es müsse Schachkunst für Schachspieler gestaltet werden. Aus diesem Gespräch entwickelten sich neue Pläne: In der Italienischen Eröffnung, in Vereiste Stellung, Veteranenschach wurden reale Schachsituationen eingefangen, dann jedoch bildnerisch verändert und künstlerisch interpretiert.

Als „kruden Realismus“ hat man die Schaffensweise des Schach-Künstlers Alfred Grimm, dem nach eigenen Worten die höheren Weihen des Schachs versagt geblieben sind, bezeichnet. Nun: Nicht nur auf dem Schachbrett gibt es millionenfach Varianten als Weg zum Matt, auch dem Künstler öffnen sich millionenfache Wege, das Spiel, das wir Schach nennen, aus dem Bildhaften des Gewinnspiels in die Welt des schachlich Jenseitigen zu transportieren.