Zur Person Alfred Grimm

20. November 1980, NRZ » Originalartikel öffnen

Experiment Grimmscher Kau-Show bewirkte einen Kultur-Skandal

Dinslaken. Mit einem peinlichen Spektakel endete am Samstagnachmittag im „Museum der Stadt Dinslaken“ („Haus der Heimat“) die Eröffnung der Städtebundausstellung „Hommage á Picasso“, in der 60 Originalgrafiken „Picasso zu Ehren“ von 58 internationalen Künstlern gezeigt werden. Was war geschehen?

Zunächst einmal hatte Stellvertretender Bürgermeister Max Schneider in der üblichen (und erwarteten) Weise die Gäste begrüßt. Unerwartet gestaltete sich dann aber der Aufritt des von der Stadt verpflichteten Festredners: Kunsterzieher Alfred Grimm vom Theodor Heuss-Gymnasium hielt mitnichten eine „akademische Festrede“. Vielmehr trat er ans Podium und begann, indem er immer unverständlicher werdende Ausführungen zum Leben des großen Provokateurs machte, Blatt für Blatt seiner Notizen in Streifen zu reißen und das Papier zu zerkauen.

Unruhe und Hilflosigkeit, die bei einem derartigen Happening ja auch beabsichtigt sind, breiteten sich aus. Nachdem eine Besucherin demonstrativ die Veranstaltung verlassen hatte, Grimm seine Kau-Show aber fortsetzte, schaltete sich nun auch der Bürgermeister-Stellvertreter ein. Grimm möge doch endlich aufhören. Was das solle? Als Grimm antwortete, er werde es später erläutern, habe sich aber in der Tat Gedanken darüber gemacht, verließ schließlich auch Max Schneider, sichtlich überfordert die „heikle“ Szene.

Als Grimm gerade sein sechstes Blatt „verspeisen“ wollte, schaltete sich Beigeordneter Sampels ein. Der Ton wurde rüder; die Aufforderung, sich kurz zu fassen, war nicht mehr mißzuverstehen. Nun aber trat Grimm eine Flucht nach vorne an, wie es sie auf der Dinslakener „Kulturszene“ bisher nicht gab: Die „billig zu habende“ Städtebundausstellung, wie verdienstvoll sie auch sei, könne man nur als Alibi sehen, weil es ein aktives Kunstleben in Dinslaken nicht gebe! Damit schien das „Maß voll“. Beigeordneter Sampels, nun in der Rolle des Hausherrn, baute sich vor dem kulturellen „Eulenspiegel“ auf und verwies ihn des Ortes. Nicht ohne mit dem Hinweis auf die Sekttheke eine Art von Frieden wieder herzustellen…

Es entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik, wenn ausgerechnet Picasso, der sein Leben lang Bürgern vor den Kopf gestoßen hat, in Dinslaken zu dieser Provinzposse herhalten mußte. Wieso eigentlich konnte über Grimms Absichten (die sonst so beliebte „Symbolik“) eigentlicht nicht, wie es eine andere Besucherin vorschlug, ruhig geredet werden? In jeder mickrigen Galerie wäre das kein Problem gewesen!

Dieter G. Ebert

01. März 1991, Elmshorner Nachrichten » Originalartikel öffnen

Zur Ausstellung Alfred Grimm beim Kunstverein Elmshorn

Rheinischer Provokateur wandelt im Torhaus auf Dadas Spuren

Von DIERK WULF

Elmshorn. Kommt doch einer daher aus Hünxe, jenem Nest im Winkel vom Rhein und Lippe (und wo wir schon einmal beim X sind: Xanten ist nicht weit) und will den Elmshornern ein U für ein X, also Unsinn für Xunst vormachen. „Provokation“ hat der 1943 in Dinslaken geborene Künstler Alfred Grimm weithin sichtbar auf seine Fahne geschrieben. Und um zu provozieren, ist ihm (fast) jedes Mittel recht. Knallharte Beweise liefert Grimm zur Zeit im Torhaus, wo der Kunstverein Elmshorn dem rheinischen Beuys-Schüler (Aha!) eine kunterbunte Ausstellung einrichtete und somit ein ebenso schrilles wie auf seine Art gelungenes Kontrast-Programm zur vorherigen, eher biederen Modersohn-Vorstellung anbietet. Und dies vorweg: Wer’s mag, wer offen ist, für das (ihm) Unbekannte in der Kunst, kommt auf seine Kosten.

Alfred Grimm, dessen Arbeiten bei zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen Beachtung fanden (und zur Freude des Künstlers auch immer wieder mal Ärger erregten), zeigt im Torhaus Zeichnungen, Malerei und Objekte.

Und gerade oft die skurrilen Objekte sind es, die jedem Besucher sogleich ins Auge fallen, über die er schier zu stolpern droht. Die gefangenen oder zu bürstenden Pflastersteine rechts in der Ecke wirken noch harmlos. Etwas ungemütlicher geht es schon auf einem Operationstisch zu, wo ein Stück Schwarzwaldlandschaft auf das Skalpell des Chirurgen wartet. Verunsicherung herrscht bei vielen Besuchern spätestens dann, wenn sie vor einem komplett montierten WC stehen, dessen angeschmuddelte Schüssel einem Stück Landschaft Heimat gibt. Ein Druck auf den Knopf, und die Klo-Idylle würde im Orkus verschwinden – wie so manches schöne Stück Natur draußen im Lande auch. Und an diesem Beispiel wird einer der künstlerischen Ansatzpunkte des Radikalisten Alfred Grimm deutlich: Hinzuweisen auf die Vernichtung von Natur, die Schäden aufzuzeigen, die der Mensch seiner Umwelt in immer schwererem Maße zufügt.

Bei alledem ist Alfred Grimm eigentlich genau das, was sich die Nordlichter unter einer „rheinischen Frohnatur“ vorstellen. Über diese lockere Seinsbefindlichkeit geben die Tortenstücke Auskunft, die der Künstler in vielen Variationen und mit den unterschiedlichsten Zutaten versehen im Angebot führt – vom sportlichen Springturnier in Aachen bis hin zum drastisch-direkten Reeperbahn-Detail.

Ein so radikaler Künstler wie Grimm, der stets auf emotionale und zelebrale Wirkung aus ist, läßt natürlich auch die wunderbare Gelegenheit einer Ausstellungs-Eröffnung nicht ungenutzt. Am Montagabend im Torhaus machte es sich der hauptberuflich als Gymnasiallehrer tätige Rheinländer nicht nur Gedanken über die relativen Wirklichkeiten des Lebens und der Kunst, sondern lieferte seinen teils irritierten, teils amüsierten Publikum einen Auftritt in allerbester Dada-Manier: Grimm hantierte mit Rasseln und Windmühlen, ließ Luftballons platzen, entzündete Wunderkerzen, schoß mit einer Wasser- und knallte mit einer Spielzeugpistole („Wenn die Kunst zu schwach ist, um sich zu verteidigen, muß sie zum Angriff übergehen“) und unterlegte seine „Rede“, die er mit vollem und später mit zugeklebtem Mund hielt, mit herzhaftem Schweinegrunzen vom Tonband. „Dies waren Andeutungen dessen, was mich zutiefst bewegt“, schloß Alfred Grimm seine ironisch-exzentrischen Ausführungen.

Die Ausstellung im Torhaus läuft bis zum 16. März. Geöffnet Dienstag bis Freitag 10–12 und 16–18 Uhr, Sonnabend 10–12 Uhr, Sonntag 11–13 Uhr.

… und wälzte sich auf dem Boden. Spektakuläre Aktionen dieser Art führten bereits während und nach dem Ersten Weltkrieg zu Irritationen und Protesten. Damals pflegte die Künstlergemeinschaft der Dadaisten in Zürich, Berlin und New York ihr Publikum auf ähnliche Art und Weise zu erschrecken.

15. April 1997, NRZ » Originalartikel öffnen

Von Ekel und Alfred

Warum der Beuys-Schüler Grimm vor gar nichts zurückschreckt

Von WOLFGANG HELLMICH

Seinen Briefkopf pflegt Alfred Grimm zuweilen mit einem Zusatz zu versehen. Er sei der „7531. Beuys-Schüler“. Das mit dem Beuys-Schüler ist korrekt, die Angabe „7531.“ Ironie. Hier weht ein Hauch jener Provokationslust, die den Kunsterzieher am Dinslakener Theodor-Heuss-Gymnasium auszeichnet. Dem 53jährigen aus Hünxe-Bruckhausen stinkt das alles, diese Leute, die sich mit dem Namen Beuys schmücken, nur weil sie irgendwann einmal ein paar Semester bei ihm studiert haben. So verspottet er sie. Vor allem stinkt dem Beuys-Schüler Beuys. Dessen Aktionen der spätphase nennt er „heillose Onanie“. Beuys habe zum Ende hin nur noch politisch agitiert. Nur: „Wie ein Philosoph keiner mehr ist, sobald er politisch eingreift, ist derjenige kein Künstler, der politisiert.“

So gesehen ist Grimm ein Künstler. In politischen Dingen hat er sich Abstinenz verordnet. Indes, nur in den parteipolitischen. Ansonsten geht es ihm um nichts weniger als ums Ganze. Grimm ist ein Provokateur, einer der wenigen, die es am Niederrhein gibt.

1968, dem Jahr der Revolte, hat Grimm, damals 24jährig,

LEUTE VON NEBENAN

die Bühne des öffentlichen Kunst-Lebens betreten. In Wesel. Was er dort auslöst, verdient das Wort Skandal. Ausstellungsbesucher empören sich über die Grimmschen Akte im Rathauskeller. Die Kreis Reeser Post spricht ihm die Berufsbezeichnung „Künstler“ ab, weil sich seine Kunst auf die „Darstellung des weiblichen Körpers in obszönster Form“ konzentriere, und fragt sich: „Wann endlich wird gegen die Verseuchung unserer Jugend protestiert?“ Der Name Grimm ist ruiniert, bevor er sich überhaupt einen Namen machen kann.

Grimm lächelt. Lange her, das. Wie auch jene Ausstellungseröffnung in Dinslaken, im Jahre 1972. Seine Heimatstadt schmückt sich damals mit einer Picasso-Retrospektive. Grimm soll die Festrede halten. Weil er dem Publikum vermitteln will, wie revolutionär Picassos Kunst um die Jahrhundert-Wende war, tut er dies: Er ißt sein Redemanuskript auf, nach zwei Sätzen. Und kassiert dafür 100 Mark: Redehonorar. Der damalige Kulturdezernent spricht von einer „Weltschande“.

Grimm lächelt wieder. Leuten vor den Kopf zu stoßen – das ist sein Ding. Er holt einen Brief hervor, adressiert an den Oberbergischen Kunstverein Gummersbach, der 1986 Objekte des Hünxer Künstlers ausgestellt hat: „Bin ich denn in einem Kunstverein oder in der Düngemittelbranche (Kuhmist) oder auf einer Mülldeponie (Mullbinden, Sardinenbüchsen, Kanister, Drahtstücke, WC-Becken).“ Die Verfasserin ist so empört ob des Gesehenen, daß sie ihren Austritt aus dem Kunstverein erklärt. Wg. Grimm.

1993 bedroht Grimm bei einer Vernissage in Siegen das Publikum mit Wasserpistolen und Konservendosen. Weil er sich außerstande sieht, über seine Kunst zu referieren, stopft er sich den Mund mit Brot zu, so daß das Publikum nur noch ein Grunzen vernimmt. Am meisten fühlt es sich jedoch belästigt von stinkender Buttersäure, die Grimm benutzt hat, um einem Blutroten Faden den richtigen Hauch verdorbener Spaghetti zu verleihen.

Solche Aktionen deuten darauf hin, welche Auffassung von Welt Grimm hat: Sie ist ein grandioser Saustall. In aller Deftigkeit führt er mit seiner Kunst vor, was er davon hält, von den miesen Geschäften des Kapitals, von Diplomaten, die in ihren Koffern die Waffe bereit liegen haben. Wie mensch die Natur mordet, Stück um Stück. Und wer die Verantwortlichen sind: Wir selbst. Wir sind die Erfüllungsgehilfen des eigenen Untergangs, eine These, die Grimm illustriert, indem er Menschen ins Fernsehgerät drängt, auf Flaschen zieht oder aufs Schachbrett nagelt.

Diese durch und durch düstere, mit einer gehörigen Portion Zynismus gewürzte Weltsicht korrespondiert mit dem Material, das er benutzt: Plunder vom Dachboden, Sperrmüll, ausgediente Untersuchungsgeräte aus dem Krankenhaus, Kippen, Aschenbecher, Gliedmaßen von Barbie-Puppen, Kruzifixe, Lippenstifte, Plastikeier, Vogelmumien – Überreste einer technischen Zivilisation, die munter der Devise frönt: „Weiter so!“

So viel Untergang bedarf eines positiven Gegenstücks. Grimm findet es in der Erotik. Die Frau, mit Vorliebe die nackte, ist für ihn der Fetisch, vielleicht auch eine Utopie, die Rettung. Er hat unzählige Akte geschaffen, von Beginn an, hervorragende Zeichnungen. Auf die Frage, warum um die Erotik in seinem Werk eine solch zentrale Rolle spiele, pflegt er mit einer Gegenfrage zu antworten: „Ist das nicht bei allen Männern so?“

Grimm lebt in einem alten Bauernhaus in Bruckhausen, umgeben von 21 Schafen, 17 Hühnern, sieben Gänsen, fünf Puten, einer Katze, einer Frau und zwei Söhnen. Neben dem Unterricht an der Schule und der Kunst sammelt er, seit 30 Jahren. Waschmittelpakete (6000 an der Zahl). Cola- und Limodosen. Tiefkühlkostdosen, Plastikflaschen, Puppenstuben, Playmobil-Figuren, Plastiktüten, Barbie-Puppen (500 an der Zahl).

Seine Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen sind kaum mehr zu zählen. 1992 hat die Stadt Dinslaken in Rathausnähe ein Bronzemal von Grimm aufgestellt, das an die ehemalige jüdische Gemeinde in Dinslaken erinnert. Für die evangelische Kirche in Bruckhausen hat er ein „Objektfenster“ geschaffen. Allein, auf den sogenannten großen Durchbruch wartet er noch.

Unlängst hat Grimm in Wesel ausgestellt. Im Gegensatz zum Jahr 1968 ist es ruhig geblieben. Was wohl daran gelegen hat, daß Grimms vielleicht provozierendstes Objekt überhaupt, die „Mutter Erde“, ein stilisierter Gynäkologenstuhl, der die Zerstörung durch die Industrie symbolisiert, nicht ausgestellt werden konnte, dafür hat sich Wesels Kulturdezernent persönlich ins Zeug gelegt.

Gestatten: Grimm, 7531. Beuys-Schüler. Bei Alfred Grimm sitzen Sie in der ersten Reihe.

01. Februar 1994, Erfurter Allgemeine » Originalartikel öffnen

Eröffnung mit einer spannenden Kunst-Lektion

ERFURT. Wer hat nicht schon selbst eine Ausstellungseröffnung erlebt, wo der Künstler zur Nebensache aber das Sehen- und Gesehenwerden zur Hauptsache wird. Bei einem Alfred Grimm ist das – Gott sei Dank – ganz anders. Der Beuys-Schüler, der als Kunsterzieher am Theodor-Heuss-Gymnasium in Dinslaken tätig ist, braucht keinen, der über ihn einen Wortschwall ergießt. Vielmehr schaffte es der 50jährige am Samstagabend im Waidspeicher in der Großen Arche selber, und ohne viel Worte, daß die Eröffnung seiner eigenen Ausstellung von Objekten zu einem Erlebnis wurde. Zum Thema, was Kunst vermag, erteilte er eine lebendige Lektion. Er schonte sich wahrlich nicht, als er Seifenblasen in’s Foyer schickte, Wunderkerzen entzündete, Wollfäden durch die Reihen der Gäste flocht, eine Kollektion Reizwäsche an eine Leine zwickte, klassische Musik, verflochten mit Geräuschen aus einem Sauenstall, ertönen ließ.

Bei Ihnen würde ich auch gern Unterricht haben, meinte zum Schluß ein kleines Mädelchen zu dem Künstler, der schon vielerorts mit seiner Arbeit für Furore sorgte. Da solch ein Wunsch jedoch nicht so einfach zu erfüllen ist, gibt es zum Glück für alle bis zum 25. Februar die „Lehrstücke“ im Waidspeicher. Seine Tortenstücke zum Thema „Ein schönes Stück Deutschland“, die „Schwarzwaldklinik“, der Weltkasten mit zwölf Flaschenì, „Die Axt im Wald“ usw., oftmals mit Materialien gefertigt, die man landläufig auf Flohmärkten oder Müllkippen findet bringen einen zum Schmunzeln oder machen betroffen. Geistige Auseinandersetzung ist angesagt.

Ursula HOFFMANN

08. Januar 1994, Thüringische Landeszeitung

Objekte eines Beuys-Schülers im Foyer des Waidspeichers

Von einer nichtalltäglichen Art, das Leben zu sehen

Erfurt (bp). Wie wäre es mit „Einem schönen Stück Deutschland“ vom Niederrhein mit grüner Landschaft, einer Plastikkuh, einem Milchstrom oder aus der Lüneburger Heide mit Moos und Heidegewächs? Insgesamt sechzigmal hat Alfred Grimm das genannte Thema in Objekten variiert und serviert davon einige Beispiele auf Keramiktellern im Foyer des Theaters Waidspeicher, nicht zum Verzehr, sondern zum vergnüglich-nachdenklichen Betrachten.

Unerschöpfllich scheinen die skurrilen Ideen, mit denen der in Hünxe lebende Künstler sein Publikum überrascht und die zurecht plaziert scheinen in einem Haus, in dem auf ganz andere künstlerische Weise menschliche Schwächen und Verhaltensweisen aufs Korn genommen werden.

Das Schachspiel hat es Alfred Grimm besonders angetan. Er setzt die Schachfiguren in Beziehung zu alltäglichen, oft auch nicht alltäglichen Gegenständen, die er irgendwo im Abfall, im Hof oder auf dem Dachboden gefunden hat – eine uralte Brille, ein nostalgisch wirkendes Schnapsglas, kalter Kaffee in einer dickwandigen Tasse; den Schachfiguren stehen Patronen gegenüber und das Ganze wird übersponnen vom Netz einer Spinne. Auf einem anderen Schachbrett ist alles in dickem Eis erstarrt.

Spritze, Laborteile, Brille, Teelöffel, Aschenbecher, Tampon… liegen auf einem „Fixerboard“. Ein altes Vogelhaus umgibt das mit Akribie gepflegte „Eigenheim“. Im „Deutschen Kulturbeutel“ findet man Seiftuch und andere Toilettenutensilien einträchtig neben kleinen Skulpturen der Freiheitsstatue und des Steffel. Im Wagen mit technischem Gerät aller Art, „konserviert“ in einer Flüssigkeit, liegt das „Wunschkind“ – irgendwann bleibt dem Betrachter das Lachen im Halse stecken. Denn hinter all dem scheinbar so heiter Dargestellten steckt eine tiefsinnige Bissigkeit, mit der Grimm die Schwächen seiner Zeitgenossen und der Gesellschaft aufs Korn nimmt. Er hält einen Zerrspiegel vor, in dem sich mancher gar nicht so gern wiedererkennen möchte.

Der in Dinslaken Geborene studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie u. a. bei Josef Beuys und legte ein Staatsexamen für das Künstlerische Lehramt ab. Erste Aktionen bei Ausstellungen veranstaltete er 1980, danach weitete er seine künstlerische Tätigkeit aus, beteiligte sich an Ausstellungen in Duisburg, Heidelberg, New York, Dortmund. Eigene Präsentationen gestaltete er in Elmshorn, St. Wendel, Essen und Rees. Über Kontakte zum Südthüringer Kunstverein kam er auch nach Thüringen, wo er vor zwei Jahren erstmals in Mühlhausen ausstellte.

Dieter Hennig, der für das Theater Waidspeicher die Konzeption von Ausstellungen übernommen hat, lud ihn nach Erfurt ein. Nicht nur seine Objekte allein stellt Alfred Grimm vor, er veranstaltet auch am Sonnabend, dem 29. Januar, ab 18.30 Uhr eine Aktion, bei der Gelegenheit ist, ihn vor der Aufführung des Puppentheaters „Biografie – ein Spiel“ zu beobachten und kennenzulernen.

07. Februar 2001, Le Sud Ouest » Originalartikel öffnen

Humour noir en couleur

Les œuvres d’Alfred Grimm étonnent, font sourire ou même rire.
Puis le rire se fige : malgré la couleur tonitruante, l’humour est noir et quelque peu désespéré

JUSQU’AU 18 FÉVRIER. Le centre culturel accueille une exposition de peinture et de sculpture rassemblant 17 artistes remarquables de la région : Bahi, Vincent Barrère, Paul Bellivier, Henri Boixel, Jean-Albert Bourgade, Jean-Pierre Dall’Agnese, Jacques Fondecave, Jean-Jacques Lantourne, Chantal Lanvin, Eve Legay-Veaux, Noska, Danielle Oizan-Chapon, Corine Olivier, François Peltier, Christian Pradier, Beradette Serbat et Geneviève Tixador. Et deux «invités européens» particulièrement réputés : l’Espagnol Raimundo de Pablos et l’Allemand Alfred Grimm. A visiter sans attendre.

CHRISTINE CAUBET

Il parait que nous avons toujours besoin de mettre des étiquettes sur les gens et sur les choses, comme si tout cataloguer était nécessaire à notre équilibre psychique. Ainsi, quand on découvre un nouveau peintre, on découvre un nouveau peintre, on n’a de cesse de le ranger in petto dans une catégorie aisément identifiable. Or, c’est une impression curieuse qui saisit le spectateur quand il se retrouve devant une composition de l’Allemand Alfred Grimm. L’artiste est plutôt inclassable!

D’abord, le spectateur accueille ce qu’il voit avec jovialité : la couleur est intense et souvent chaleureuse, gaie; l’image évogue le style BD et l’artiste a le goût du détail cocasse.

La première réaction est done une attirance amusée. Mais un amusement… retenu, car dans le même temps qu’il s’impose, s’impose aussi une impression contraire gravité, d’oppression qui donne envie de se détourner.

«CONSERVE DE NU»

Un poisson qui fronce les sourcils (si tant est que les poissons puissent froncer les sourcils) parce qu’un pétrolier est en train de couler dans son aquarium ?X’?t plutôt marrant. Et dans le même temps cet aquarium souillé est sinistre. Tout comme sont marrantes et sinistres ces scènes de voitures accidentées qui évoquent en même temps les cascades fantaisistes des polars à grand spectacle où le héros ne meurt jamais et les vrais drames de la route qui font la une des quotidiens. Faut-il rire ou pleurer? : cet antagonisme déroute le spectateur.

Un antagonisme qui est tout simplement celui de l’humour noir – un genre pas vraiment répandu dans le domaine des arts plastiques –. Alfred Grimm pratique également la dérision (voir la «Femme se déshabillant») et donne corps aux idées les plus inattendues (consultez aussi ses catalogues pour découvrir la «Conserve de nu», le «Plus petit couple du monde» ou encore la série des soixante «Tartes»)…

S’il peint des accidents de voitures, c’est peut-être parce qu’il en a eu trois. S’il peint des tracteurs, c’est parce que son voisin en a un (il vit à la campagne). Mais il peut aussi être lyrique : s’il peint des arbres, c’est un hommage aux arbres. Et s’il peint des femmes, c’est un hommage aux femmes: «Que de??????? nous sans les femmes» Elles sont importantes pour moi, et elles sont importantes pour le monde».

«TERRIBLEMENT CONSCIENT»

Alfred Grimm lui-même ressemble assez à ses tableaux et à ses sculptures. Ambivalent. Les Agenais qui ont pu le rencontrer vendredi ou samedi (puisqu’il est resté deux jours à Agen pour le vernissage de l’exposition), ont vu un homme ouvert, malicieux et néanmoins trés courtois, l’œil attentif, le sourire direct, le rire sonore. Et visiblement ravi d’engager des conversations malgré le barrage (merci aux interprètes!) de la langue. Sans aller plus loin, de quoi le cataloguer (encore cette manie!) comme «sympathique et rigolo», surtout en le voyant arborer une énorme cravate aux couleurs vives représentant, encore, des voitures. Mais ce serait faire de lui un portrait bien incomplet que de s’arrêter là. Une boutade et un éclat de rire reviennent certes de loin en loin. Mais c’est comme pour dérider un instant une conversation des plus graves. L’artiste parle de ce qui l’effraie dans notre société et dont il est «terriblement conscient»: la violence de notre ???? d? ??? ???????? les ???? ?? pressantes, la science qui déshumanise, l’industrialisation outrancière et le recul de la nature, le massacre de l’environment. Autant de thèmes récurrents dans ses œuvres. L’art, pour Alfred Grimm, ce n’est pas simplement une recherche esthétique; ça sert avant tout à exprimer des choses. Si c’est un «engagement politique», il est cependant sans illusion: «je sais que je ne peux rien changer». C’est plutôt, tout simplement, un témoignage personnel, un cri qui doit sortir…

MONSIEUR LE PROFESSEUR

Dans la vie, M. Alfred Grimm enseigne les arts plastiques au lycée Theodor-Heuss à Dinslaken: ça, c’est son métier pour vivre – un métier qu’il aime beaucoup, mais qui ne le comble pas totalement–ñ. Privez-le de ses pinceaux de ses tubes de couleur et interdisez-lui de peindre et de créer : il serait perdu, peut-être en mourrait-il…

Tiens, il y a au moins cinq minutes qu’on n’a pas rigolé du tout L’humour reprend le dessus. J’ai demandé à Alfred Grimm oú il allait chercher ces couleurs. Il a répon??????? «dans les tubes»!

24. Mai 1997, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Alfred Grimm: Längst nicht jeder ist ein Künstler

„Bei Beuys war alles viel zu vernebelt“

Die einen sprechen von „Kunst für die Welt“, die anderen schütteln verständnislos den Kopf: An Joseph Beuys scheiden sich weiter die Geister. Alfred Grimm, Beuys-Schüler und Kunsterzieher in Dinslaken, will in den Jubel anläßlich der Eröffnung des Museums Schloß Moyland nicht einstimmen. RP-Redakteur Ralf Schreiner fragte nach den Gründen.

Sie haben einmal gesagt, Beuys habe der Kunst großen Schaden zugefügt. Wie ist das zu verstehen?

Ich sage das als jemand, der selbst künstlerisch tätig ist, nicht als Sammler, nicht als Galerist, der den Preis hochhalten muß. Als Beuys die Fluxus-Richtung eingeschlagen hat und behauptete, jeder Mensch sei ein Künstler, haben das einfach alle nachgeplappert anstatt zu überlegen, was das überhaupt heißt. Diese Aussage ist doch höchst zweifelhaft.

Er hat das Schöpferische betont. Glauben Sie, daß die künstlerische Aussage darunter gelitten hat?

Ich bin Kunsterzieher. Wenn ich sehe, was bei einem Leistungskurs an Qualität herauskommt, sehe ich: Der eine hat eine größere Begabung, der andere kann es nicht. Aber es ist doch nicht jeder Schüler ein Künstler.

Nach Beuys schon. Ob ein guter oder schlechter, das ist eine andere Frage. Beuys wollte zu einer neuen Kategorie von Kunst finden, die Seele, Leben und Geist fördert.

Ist ein Künstler dazu da, Kunstbegriffe zu erweitern? Der hat zu zeichnen, zu malen und Plastiken zu machen. Was er darüber hinaus tut, macht er als Philosoph.

Beuys war Philosoph und Künstler. Und er war Lehrer. Glauben Sie, daß viele seiner Schüler den erweiterten Kunstbegriff als Alibi mißbraucht haben, um sich lästigen Qualitätsforderungen zu entziehen?

Ich habe mal eine Ausstellung seiner Schüler in Frankfurt gesehen. Das war so dilettantisch und schlecht, Schund. Später habe ich Beuys noch einmal in der Akademie erlebt. Er stand in einer großen Gruppe von Schülern. Was er da korrigierte, hätte er uns drei Jahre vorher noch um die Ohren gehauen.

Sie kritisieren auch Beuys’ politisches Engagement. Halten Sie Kunst und Politik nicht miteinander vereinbar?

Wo hat denn Beuys zuletzt überhaupt noch Politik gemacht? Ist der Aufwand für die eine Minute überhaupt gerechtfertigt? Vieles ist zu aufgeblasen, ist ein Nichts, wenn man es vor die Schärfe des Verstandes holt. Beuys hat vieles in eine Richtung gedrängt, wo gesellschaftliches Geplänkel mehr wirkt als künstlerische Substanz. Bei ihm war alles zu vernebelt.

Ihnen wirft man häufig vor, Wirklichkeit zu direkt, zu durchsichtig, zu banal abzubilden, anstatt sie sichtbar zu machen.

Ich wiederhole nicht bloß Vorhandenes. Ich übersetze es in anderes Material, in andere Größen. Beim Anschauen meiner Arbeiten braucht man nicht viel Theorie, die kommen direkt rüber. Sie sind nicht kopflastig. Aber nehmen Sie mal bei Beuys die Theorie und das Biographische weg. Was bleibt denn da übrig?

Das ist doch bei anderen Künstlern genauso, bei den Konstruktivisten etwa.

Da bleibt gar nichts.

Damit stellen Sie aber die gesamte Kunst in Frage?

Nur bestimmte Strömungen des 20. Jahrhunderts.

Zwischen Ihnen und Beuys gab es immer schon Differenzen. Warum bezeichnen Sie sich trotzdem als „Beuys-Schüler“? Fördert das den Verkauf ihrer Arbeiten?

Der Name ist zugkräftig, erregt Aufmerksamkeit. Außerdem bin ich nun mal Sohn meines Vaters. Das bedeutet aber nicht, daß ich alles von ihm beweihräuchern muß.

16. Juli 2003, NRZ

Die NRZ gratuliert

Alfred Grimm – ein sensibler Berserker

60. Geburtstag/Langjähriger Wegbegleiter würdige das Schaffen des Künstlers

Dieter G. Eberl

Dinslaken/Hünxe. Es ist ein Kreuz mit dem Mann! Alles sammelt er. An keinem Trödelmarkt, an keinem Sperrmüllhaufen kann er vorübergehen, ohne etwas Wiederverwertbares zu entdecken. Was andere wegwerfen (Spiegelglasreste, rostige Schrauben, Kabel, alte Elektrogeräte, Plastikfiguren und Blechspielzeug) – bei ihm wartet es in Schränken und Regalen auf seine Auferstehung als Kunst-Objekt. Dass in den letzten Jahren auch Kruzifixe kein Tabu mehr sind, mag manchen ärgern: Für Alfred Grimm, den Zeichner, Objektemacher und Kunsterzieher am Theodor-Heuss-Gymnasium, der heute sein 60. Lebensjahr vollendet, ist es nur konsequent.

Spektakulärer Auftritt

Ein Provokateur, einer der mit dem Mittel der Kunst Reaktionen hervorruft, war er schon immer. Man denke nur an seinen spektakulären Auftritt zu einer Picasso-Ausstellung im Jahre 1980, als er in aller Ruhe sein Redemanuskript zerkaute und schließlich nur noch unverständlich vor sich hin brabbelte. Genau das verschlug den Vertretern der Stadt endgültig die Sprache und endete mit einem mehr als peinlichen Platzverweis. Alfred Grimm nahm die Geschichte gelassen. Als ehemaliger Schüler von Joesph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie kannte er sich aus in Sachen Kunst-Eklat.

Der besondere Reiz mag für ihn wohl darin gelegen haben, dass er ihn der Stadt zumutete, in der er im Schatten der Lohberger Fördertürme aufgewachsen und Schüler derselben Schule gewesen war, an die er nach seinem Studium als Lehrer zurückkehrte. An Rilkes „Leben in wachsenden Ringen“ muss man ohnehin denken, sucht man nach einer Formel für diese oft ungestüme, immer jedoch ihrem Mittelpunkt verhaftete Künstler-Existenz.

Mit Pinsel und Schneidbrenner

Als er zusammen mit seiner Ehefrau und Kollegin Barbara in Bruckhausen, ganz in der Nähe seines Elternhauses, einen aufgelassenen Bauernhof erwarb, spielten natürlich vor allem praktische Erwägungen eine Rolle. Wo sonst kann man all den Zivilisationsmüll lagern, der für die Grimm’sche Kunstproduktion unerlässlich ist? Vermutlich steckt jedoch auch anderes dahinter. Denn irgendwo braucht dieser sensible Berserker, der mit Blei und Schneidbrenner ebenso umgehen kann wie mit Pinsel und Zeichenstift, „seine“ Topographie, um den Spagat zwischen Natur und Zivilisation immer wieder zu versuchen.

Golgatha in der Gegenwart

Denn was sonst sind diese optischen Metaphern, diese Vereinigungen des Unvereinbaren, denen er ironische, oft sarkastische Titel gibt wie „Schwarzwaldklinik“, „Lüneburger Heide“ oder auch – mit Blick auf das Ruhrgebiet – „Ein starkes Stück Deutschland“. „Existenziell treffen“ sollen nach Grimms eigenen Worten den Betrachter auch die (jüngeren) Kruzifixe – Golgatha, die „Schädelstätte“, verlegt in eine technisierte und oft nicht minder grausame Gegenwart. Zu ihr im weiteren Sinne gehört auch der „Leiterwagen“ im Stadtpark, Denkmal für die von den Nationalsozialisten deportierten jüdischen Waisenkinder.

Ein umfangreiches, auch zeichnerisch-malerisches Werk hat Alfred Grimm in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in vielen Städten Deutschlands (u. a. Essen, Düsseldorf, Köln, Berlin, Flensburg im Norden bis Garmisch-Partenkirchen im Süden), des europäischen Auslands (Frankreich, Österreich, Schweiz) und sogar in New York bekannt gemacht. In einem weiten Radius haben sich selbst Kirchen seiner unkonventionellen Darstellung der menschlichen Leidengeschichte angenommen – in Werke, die „Christus auf der Intensivstation“ oder „Chemie-Christus“ heißen.

Beharrlich Kreise gezogen

Wahrlich, dieser Alfred Grimm hat beharrlich seine Kreise gezogen, ohne je für mehr als einen Urlaub seinen Wohnort zu verlassen. Als Lehrer hat er Generationen von Schülern die Augen geöffnet für das, was sich gerade hinter den banalen Dingen des Alltags verbirgt. Als Mitbegründer des „Kulturkreises“ und begehrter Festredner bei Ausstellungseröffnungen hat er mit Eloquenz und großem kunstgeschichtlichen Sachverstand den Besuchern den Weg zum Kunstwerk gewiesen.

Das alles, in seiner Summe, hat ihn für Dinslaken unentbehrlich gemacht. Obwohl es, wie gesagt, mitunter „ein Kreuz mit dem Mann“ ist. Möge er uns und dieser Stadt noch lange erhalten bleiben. Denn ohne ihn wäre das öffentliche Leben hier farbloser und – „ein starkes Stück“ ärmer.

Herbstbeilage 2008, NRZ/WAZ » Originalartikel öffnen

Alfred Grimm aus Hünxe: „Unfall im Parkverbot“

Ob er ein Provokateur ist? Alfred Grimm zögert. „Na ja, ich bin nicht auf den Skandal aus.“ Pause.
„Aber ich habe auch nicht unbedingt etwas dagegen.“ Also schafft der 65-Jährige aus Hünxe Kruzifix-Objekte, die Jesus in nicht gerade klassisch biblischen Situationen zeigen: den „Chemiechristus“, den „Hockerchristus“, den „Schlachtbankchristus“. Lässt Adam und Eva in einem ausgedienten Fernseher kopulieren („Versuchtes Paradies“) und zeigt auf der Vorderseite eines anderen TV-Objektes einen röhrenden Hirsch, um ihn auf der Rückseite zu schlachten („Hirschleben“). Er ist eben nicht nur Niederrheiner, er ist auch Schüler eines anderen kontroversen Niederrheiners: Von 1964 bis 1970 studierte er bei Joseph Beuys in Düsseldorf.

Niederrhein, sagt Grimm, sei für ihn Lebensqualität, „diese wundervolle Verzahnung von Landschaft und Metropole“. Aber: „Niederrhein, das sind für mich auch Autounfälle. Ich hatte drei-, viermal Erlebnisse, wo ich hätte sterben können.“ Deshalb findet er auch sein Objektbild „Unfall im Parkverbot“ von 1997 typisch niederrheinisch: Acrylfarbe, ein altes Verkehrsschild, Autoteile. Und ein Statement: „Die Idylle hier ist durchaus gefährdet.“ hha / Foto: M.A.

5. Mai 2012, NRZ » Originalartikel öffnen

Kunst als Baustelle

Kein anderer Künstler ist im Dinslakener Stadtbild so präsent wie Alfred Grimm

Von Bettina Schack

Dinslaken. Das Mahnmal in Erinnerung an die jüdische Gemeinde in Dinslaken im Stadtpark, die Gedenkstätte für die selige Schwester Euthymia im Park des St. Vinzenz-Hospitals, die „Baustelle“ vor den Stadtwerken, die Außenplastik zu 100-jährigen Bestehen der Firma Steinhoff, im nächsten Jahr die Mahnsteine für jüdische Handwerker und Geschäftsleute. Kein anderer Künstler ist im Stadtbild Dinslakens so präsent wie Alfred Grimm.

Aber Kunst im öffentlichen Raum entsteht im Spannungsfeld des individuellen Künstlers und der Öffentlichkeit. Und dieses bedeutet zunächst die öffentliche Hand. „Das Konzept entwickelt der Auftraggeber“, so Alfred Grimm, „steht es, werden Künstler direkt angesprochen oder es kommt zu einer Ausschreibung.“ So war es mit dem „Judenkarren“, dem Mahnmal am Rande des Stadtparks, bei dem der Entwurf Grimms aus den Vorschlägen von fünf Künstlern ausgewählt wurde.

Die Schaffung eines Kunstwerkes, bzw. des in sich geschlossenen Entwurfs, der dann im langwierigen Prozess vom Modellieren in Wachs bis zum Bronzeguss Gestalt an nimmt, vergleicht Alfred Grimm mit der Geburt eines Babies. „Im glücklichen Fall ist die künstlerische Arbeit eines Abends, ein komplettes Wesen zu erschaffen. Wie bei einem Neugeborenen ist dann bereits alles dran“. Das Kunstwerk hat Hand und Fuß, muss durch die weiteren Arbeitsprozesse nur noch wachsen und groß werden.

Bronze für die Ewigkeit

Doch entsteht dieses „Wesen“ nicht isoliert von seinem späteren Umfeld. Kunst und thematischer Inhalt bzw. Deutung sind eine Sache. Die Verantwortung, ein Objekt öffentlich und unbewacht aufzustellen eine andere. Aufstellung, Verankerung nicht nur aus Gründen der Stabilität, sondern auch aus Schutz vor Diebstahl, Sicherheit. „Eine Plastik darf nicht zum Unfallrisiko für spielende Kinder werden, keine beweglichen Teile haben, mit denen unabsichtlich oder absichtlich Verletzungen herbeigeführt werden können“, so Grimm.

Auch Holz lehnt er ab: „zu witterungsanfällig“. Grimm bevorzugt Bronze. Denkmäler für die Ewigkeit. In diesem Zusammenhang spricht der Beuys-Schüler recht desillusionierend über die Werke seines alten Professors, deren Margarine im Museum nur durch elektrische Kühlung erhalten wird.

Bronze also. Oder Stahl. Die Kehrseite der Medaille ist der Preis. Alfred Grimm betont, dass er die Werke für Dinslaken trotz alle Sponsorengelder nicht hätte realisieren können, wäre er freischaffender Künstler und somit auf das Honorar als Sicherung seines Lebensunterhaltes angewiesen.

Öffentliche Aufträge sind für Künstler Renommee und Werbung für ihre weitere Arbeit, aber in den Zeiten städtischer Sparzwänge werden sie für freischaffende Künstler zunehmend zur kaum zur stemmenden Belastungsprobe.

Provokation und Publicity

Hintergründe die die Öffentlichkeit nur selten wahrnimmt. Was nach außen zählt ist die Wirkung. Alfred Grimms „Baustelle“ wurde in Dinslaken so heiß diskutiert, dass sie Kultcharakter bekam. „Was soll der Mist“ fragte der damalige Dinslakener Baudezernent, als er 2001 vor die Haustür trat und dort die Grimmsche Baugrube fand. Gut abgesperrt am Fahrbahnrand der Althoffstraße, aber nicht als Straßenbaumaßnahme genehmigt.

Die täuschend echt aussehende Baustelle war Kunst, politisch zudem, da sie einen getöteten Soldaten des 2. Weltkrieges freizulegen schien. „Mist“ oder gelungener „Kunstgriff“. Dinslaken diskutierte in der Presse, auf Straßen, im Internet. Dann fanden sich für alle Objekte des Skulpturenwegs Sponsoren. Nur die „Baustelle“ blieb einer Baustelle.

Schließlich habe Bürgermeisterin Sabine Weiß Dr. Thomas Götz direkt angesprochen, erinnert sich Alfred Grimm. Dieser habe erklärt, dass Baustellen zum Alltagsgeschäft der Stadtwerke gehörten und ließ das gesamte Objekt in Bronze gießen. „Und damit wurde es zum teuersten Kunstwerk des ganzen Skulpturenwegs“, freut sich Alfred Grimm.

Provoziert ein Kunstwerk, bringt es Publicity. Doch ist es nicht das, was Alfred Grimm sich für seine Kunst vor Ort wünscht. Als er das Objektfenster für die ev. Kirche in Bruckhausen schuf, wurde die Gemeinde eingeladen, bereits im Atelier Zugang zu den Ideen hinter den Star-Wars-Figuren und Heroinspritzen zu bekommen. Als das Fenster dann enthüllt wurde, wurde es sofort akzeptiert, da es verstanden wurde.

Kunst für die Öffentlichkeit ist auch die Kunst, die Öffentlichkeit auf dem Wege zur Kunst mitzunehmen.

22. September 2012, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Mit Alfred Grimm auf Expedition

Alfred Grimm erzählt gern. Anders als seine berühmten Namensvettern Jacob und Wilhelm hält es der 69-jährige Künstler aus Hünxe-Bruckhausen allerdings lieber mit der Wahrheit. Dass einige der Kunstgeschichten, denen Teilnehmern der Emscher-Expedition heute lauschen werden, dennoch etwas Märchenhaftes anhaftet, liegt daran, dass Grimm (er ist vor einer Woche Opa geworden) allerlei wunderliche Dinge zu berichten weiß.

Als Sohn eines Bergmanns in Lohberg geboren und aufgewachsen, kennt er nicht nur die Geschichte des Ortsteils bestens, sondern auch eine Menge Geschichten, die sich im vergangenen Jahrhundert dort zugetragen haben.

Dönnekes von Onkel Paul, in dessen Zwei-Zimmer-Wohnung sommers wie winters ein Küppersbusch-Emailofen vor sich hin bollerte. Oder von dem alten Kumpel, für den der kleine Junge diskret Liebesbriefe an eine junge Verkäuferin im Konsum überbringen musste. Den Botenlohn – 50 Pfennig – setzte Grimm an dem Büdchen an der Hünxerstraße (es steht noch) in Lakritz und Salmiakpastillen um. Alfred Grimm kann über die Cowboy-Filme im Deli-Kino und Theater-Aufführungen der Burghofbühne im Ledigenheim erzählen, aber auch über Lohberg als architektonisches Glanzstück und wirtschaftliches Zentrum vielseitiger Berufe.

Die Teilnehmer der Rad-Expedition (Start ist um 11 Uhr am Bahnhof Dinslaken), werden Grimm aber auch als Künstler erleben. In der evangelischen Kirche Unsere Arche in Bruckhausen wird der Mann, der an der Düsseldorfer Akademie bei Karl Bobeck und Joseph Beuys studierte, das große Objektfenster vorstellen. Anschließend wird das Geheimnis um den Titel der Emscher-Tour „Vom Klärwerk zum Tanzsaal“ gelüftet. Alfred Grimm führt die Besucher durch sein Atelier, das zugleich Kunst- und Materialarchiv ist. Es befindet sich im ehemaligen Tanzsaal der Gaststätte Baßfeld und ist vollgestopft mit Kunst. Einige der wandschrankgroßen Kisten wird der Künstler öffnen.

(ras) Ralf Schreiner

20. Juli 2013, NRZ » Originalartikel öffnen

Das Emscher-Idyll

Fachwerkhäuser und alte Bäume: Alfred Grimm stellt den malerischen Ursprung des Flusses vor

Von Bettina Schack

Dinslaken. Ausgerechnet Holzwickede! Malerische Fachwerkhäuser, idyllische Natur. Was jeden Landschaftsmaler der Romantik entzückt hätte, ließ Alfred Grimm die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Wie gerne hätte er für seine Installation die Emscher von ihrer hässlichen Seite zugeteilt bekommen: Ein Gewässer, von Menschen in einen Kanal wie in ein Korsett gepresst und nach einer kritischen künstlerischen Auseinandersetzung geradezu gluckernd und schäumend. Aber nein, ausgerechnet Alfred Grimm, der es doch liebt, mit unbequemer Objektkunst Denkanstöße zu geben, ihm wird die Emscherquelle zugeteilt.

„Schöne, sorgfältig restaurierte, schwarz-weiß gehaltene Fachwerkhäuser, die heute einer Tagungsstätte gehören und nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind, umrahmen die kreisrunde , ganz unscheinbare Quelle“, beschreibt der Beuys-Schüler, dessen Ouevre sich von den Mahnmalen für jüdische Opfer des Nationalsozialismus in Dinslaken über Kruzifix-Objekte bis zu Autounfall-Serie erstreckt, den malerischen Fleck bei Holzwickede und spielt mit den Bildern auf, die man als Mensch aus dem Ruhrgebiet von dem Abwasserfluss vor Augen hat. „Es gibt nicht das leiseste Anzeichen dafür, dass HIER die Emscher entspringen soll“

Quelle der Inspiration

Viel zu simpel und zu verspielt erschien die friedliche, schöne und naturreiche Umgebung Alfred Grimm zunächst als Grundlage für eine künstlerische Gestaltung. Aber als er mit seiner Frau Barbara, ebenfalls Künstlerin und durch die Ironie des Glücksloses ausgerechnet für die Ausstellung Em.share mit der Emschermündung betraut, vor Ort diskutierte, wurde ihm das noch von Menschenhand unberührte Wasser zur Quelle der Inspiration. In ihm entstand eine Bildvorstellung und der vage Plan zu einem möglichen, spannenden Objekt: Einige typische Fachwerkbauten, den Bäumen, dem tief unten liegenden Wasser und dem hinführenden Steg bilden das formale Gerüst zu seinem Objekt. Jeder Besucher im Voswinckelshof kann so den Quellort selbst nachempfinden.

Die Emscherquelle sei gut zu erreichen, so Alfred Grimm, es gibt in der Nähe Parkmöglichkeiten, für die Anreise mit dem PKW sei allerdings ein Navigationsgerät zu empfehlen. Die Adresse lautet Quellenstraße 3, 259439 Holzwickede

06. August 2013, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Reden wir doch mal über Schafe und Ziegen

Interview Barbara und Alfred Grimm

In den RP-Sommerinterviews reden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens über Themen, zu denen sie sonst nicht befragt werden.

Das Künstlerehepaar Barbara und Alfred Grimm aus Bruckhausen hält seit 42 Jahren Schafe.

Es heißt, Schafe seien dumm, duldsam, gleichmütig, friedfertig. Sie halten seit über 40 Jahren an Ihrem Haus in Bruckhausen ein paar Schafe. Welche Erfahrungen haben Sie mit den Tieren gemacht?

BARBARA GRIMM Dumm bleibt dumm. Jedes Schaf hat seine eigenen Macken.

Welche sind das?

ALFRED GRIMM Wir haben derzeit neun Schafe, vier alte, fünf junge. Jetzt im Sommer grasen sie tagsüber auf der Wiese, sie können aber bei schlechtem Wetter jederzeit in den Stall. Eins von den Jungen nutzt jede Lücke im Zaun, um durchzukommen, nur weil dahinter frisches Gras wächst. Dieses Böckchen durchbricht jede kleine Öffnung. Böcke sind eben insgesamt durchtriebener als Weibchen. Aber auch die sind nicht ohne. Wir haben ein Einjähriges, das wird von der eigenen Mutter entsetzlich gemobbt. Obwohl die Alte genug zu fressen hat, frisst sie dem Nachwuchs alles weg.

Wie sind Sie aufs Schaf gekommen?

BARBARA GRIMM Wir sind 1971 hier hierhergezogen. Wenig später hatten wir unsere ersten Schafe. Die hießen Tarzan und Agathe. Es waren aber beides zwei Weibchen. Die liefen frei herum. Es gab ja noch keinen Garten. Die konnten also nichts kaputt machen. Heute ist das anders. Wir haben mehrere tausend Quadratmeter Wiese eingezäunt. Die müssen abgegrast werden. Also kamen immer ein paar Tiere mehr hinzu.

Die Schafe dienen in erster Linie als Rasenmäher?

ALFRED GRIMM Ja. Wir halten sie auch als Nutztiere. Wir essen gerne Lammfleisch. Wir brutzeln gerne mal ein Lammkotelett in der Pfanne oder schieben eine Schulter in den Ofen. Dazu gibt es frische Böhnchen aus dem Garten. Das ist ein Genuss, den wir auch gerne mit Freunden teilen.

Was benötigt ein Schaf, um glücklich zu sein?

ALFRED GRIMM Stroh, um darauf zu schlafen. Frisches Heu – die Ballen liefert unser Nachbar bis in den Stall hinein – manchmal etwas trockenes Brot, Gras, Kraftfutter für die Muttertiere und reichlich Wasser. Außerdem muss man die Tiere regelmäßig entwurmen, die bekommen dann eine Spritze ins Maul. Man muss sie scheren, ihnen die Klauen schneiden.

Das klingt nach viel Arbeit. Wie sieht es aus, wenn die Schafe lammen: Betätigen Sie sich als Geburtshelfer?

BARBARA GRIMM Wenn wir Glück haben, gebären die Tiere, ohne dass wir es mitbekommen.

Und wenn nicht?

BARBARA GRIMM Dann helfen wir. Das klappt in der Regel. Es gibt aber auch schon mal Komplikationen. Wir hatten mal eine Geburt, da ging’s zwei Stunden nicht voran. Da habe ich den Tierarzt gerufen. Der machte dann einen Kaiserschnitt. Bei einer anderen Geburt hat das Mutterschaf den Tierarzt in den Finger gebissen. Da musste ich den Arzt verarzten.

Schafe beißen?

ALFRED GRIMM Oh ja, die haben hinten kräftige Mahlzähne. Das tut richtig weh. Manchmal tauchen auch nach der Geburt Probleme auf. Wenn etwa ein Junges nicht in den ersten Stunden die Zitzen der Mutter findet, hat es keinen Saugreflex mehr. Wir haben schon mal ein Lamm mit der Flasche aufgezogen.

Wie funktioniert das?

BARBARA GRIMM Im Kühlschrank wird Schafaufzuchtmilch eingelagert. Wenn das Lamm trinken will, gibt man ihm im Abstand von mehreren Stunden das Fläschchen mit erwärmter Milch.

Und die Mutter?

ALFRED GRIMM Die hat das Lamm verstoßen. Das Kleine hatte aber schnell raus, dass wir es versorgen. Sobald wir die Terrassentür öffneten, begann im Stall das Blöken. Und wenn man nicht aufpasste, stand das Lamm im Wohnzimmer.

Und bekam das Fläschchen…

BARBARA GRIMM Ja. Und es pinkelte alles voll. Das war ich irgendwann leid. Wir haben dem Böckchen Pampers angezogen. Nach einigen Wochen wurde es langsam wieder ausgewildert.

Was geschieht mit der Wolle der Schafe?

ALFRED GRIMM In den 1970er Jahren konnte man die Wolle noch direkt vor der Haustür verkaufen, in Lohberg wurde sie gerne genommen. Oder wir haben die Vliese zum Gerber nach Ringenberg gebracht. Heute ist das anders. Allein das Säubern macht zu viel Arbeit. Heute kann man froh sein, wenn überhaupt die Wolle noch jemand haben will.

Hatten Sie nicht auch mal einen Ziegenbock?

ALFRED GRIMM Ja, der hieß Doktor Bock und konnte Auto fahren. Der Vorbesitzer war ein Dompteur, der hatte ihm allerlei Kunststücke beigebracht. Irgendwann hatte unser Postbote die Autotür aufgelassen und Doktor Bock sprang, wie er es gelernt hatte, auf den Fahrersitz und guckte durch die Windschutzscheibe.

Und dann steckte er den Schlüssel ins Schloss und fuhr los…

BARBARA GRIMM Nein, das nicht. Aber es war schon ein eigenwilliges Tier. Der Bock konnte einfach die Terrassentür aufdrücken und spazierte dann durchs Wohnzimmer. Einmal hat er mir von einem herrlichen Baccararosenstrauß sämtliche Köpfe abgebissen. Und irgendwann hat er sich über die Pfirsiche hergemacht. Die abgelutschten Steine lagen überall auf dem Boden herum. Wir konnten Doktor Bock auch geduldig an einer Leine führen. Wir spazierten dann mit ihm und unserem Sohn im Kinderwagen durch Bruckhausen.

Wie ist Doktor Bock geendet?

Er hat irgendwann angefangen die Rosen in den Anlagen zu fressen und unsere Obstbäume anzuknabbern. Und seine Fluchtversuche waren wir auch leid. Wir haben ihn verkauft.

RALF SCHREINER FÜHRTE DAS GESPRÄCH
RP ONLINE Alle Sommerinterviews lesen Sie auf: www.rp-online.de/dinslaken

06. September 2013, NRZ » Originalartikel öffnen

Bekenntnisse eines „Serientäters“

70 Jahre Alfred Grimm – Eine Ausstellung lünkert in die verschiedenen Schaffensperioden hinein

Von Bettina Schack

Am Niederrhein. 70 Jahre – 70 Arbeiten. Am 16. Juni feierte Alfred Grimm seinen runden Geburtstag, nun schenkte er sich und den Kunstinteressierten in Dinslaken eine kleine Ausstellung in der Hauptstelle der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe. Ein Künstlerleben rückwärts auf Papier und Leinwand.

Alfred Grimm, Objektkünstler, Kunsterzieher, Beuys-Schüler. In Dinslaken stolpert man über seine Werke im öffentlichen Raum: Mahnmal und Mahnsteine, die an das jüdische Leben und dessen Vernichtung durch die Nazis erinnern. Grimm, der Mahner. Die jetzige Ausstellung zeigt die vielen anderen Seiten des Künstlers.

Grimms Mädchen zum Beispiel. Junge Mädchen in Jeans und Pulli, mal mit Handtasche, mal mit Freund. Ihre Körper oft in mehreren Bewegungen skizzenhaft überblendet, ihre Gesichter oft nur angedeutet. Ein Eindruck des Flüchtigen. Oder bricht da doch wieder unterschwellig der „typische Grimm“ durch? Der, dem Provokationen keine Angst machen, der mit seinen Werken aufrüttelt, wie es seinem eigenen Charakter entspricht?

Auf der Rückseite der Stellwand bekommt die Idylle Risse. Denn wer kann einem Wald trauen, wenn sich auf den Bildern links und rechts Autowracks um Bäume biegen?

Grimm liebt das Spiel mit Brüchen. Er spielt gerne. Und sammelt. Solche Leidenschaften kreieren „Serientäter“. Beispiele seiner Objektkunst zeigt er in einer Vitrine: Eine „Landschaft in Öl“. Ganz wörtlich genommen: ein Baum aus dem Zubehör für Modelleisenbahnbauer in einer zur Hälfte mit präpariertem Motorenöl gefüllten Glasflasche. Verspielte Schachfiguren und die Objekt-Torten, die niemals aus Marzipan, aber in ihrer teils verstörenden Originalität allererste Sahne sind.

Alles Grimm

Die Serien des Alfred Grimm. 1989 stellte er sich selbst in den Mittelpunkt einer Reihe von Zeichnungen. Selbstportrait hinter aufgerissenem Gitter, hinter zerbrochenem Glas, mit vor das Gesicht geschlagenen Händen. „Wahrscheinlich vor dem Elend dieser Welt“, sinniert er beim Gang durch die Ausstellung, „ich habe in dieser Phase zeichnerisch Dinge gelöst, die mir sonst auf der Seele gelastet hätten“.

Kunst als Selbstreinigung. Eine Phase im Leben. Beglückend muss die Erfahrung als Oberstufenschüler am städt. mathematisch-naturwissenschaftlichen Jungen-Gymnasium in Dinslaken gewesen sein. Dort war Helmut Drees Kunstlehrer aus Leidenschaft. Nahm seine Schüler mit in die Museen, ermutigte sie zum Malen in der Natur. Das prägte. Nach dem Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf. Wo Alfred Grimm seine Ehefrau Barbara kennenlernte, kehrte er als Kunsterzieher an seine alte Schule – inzwischen in Theodor-Hess-Gymnasium umbenannt – zurück. Und half dort selbst neuen Künstlergenerationen auf den Weg. „Über 50 % meines ersten Leistungskurses blieb bei der Kunst.“ Die bekanntesten Grimm-Schüler: Disney-Zeichner Andreas Deja und der Fotograf Thomas Heinser, beide leben heute in den USA.

Das eigene Frühwerk. Hier erleben auch ausgemachte Grimm-Kenner Überraschungen. Die „Drei Pferde“ von 1962 könnten von Mataré sein. Sind aber echt Grimm. Wie die Radierung „Paar“ von 1961. Aktmalerei, ein roter Faden im Gesamtwerk. Die Ausstellung zum 70. Alles drin. Alles Grimm.

DIE AUSSTELLUNG ZUM JUBILÄUM

■ Alfred Grimm, 1943 in Dinslaken geboren, feierte in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. In der Ausstellung werden 70 Arbeiten aus seinen verschiedenen Lebensabschnitten gezeigt. Die frühesten stammen aus seiner Schülerzeit am Städt. math.-naturw. Gymnasium in Dinslaken.

■ Er studierte an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf, u.a. bei den Professoren Karl Bobek und Joseph Beuys. 1972 kehrte Grimm an seine alte Schule, das heutige Theodor-Hess-Gymnasium, zurück. Neben seiner pädagogischen Tätigkeit als Kunsterzieher hat Grimm intensiv seine künstlerische Arbeit fortgesetzt.

■ 70 Jahre – 70 Arbeiten zu sehen vom 9. bis 27. September in der Hauptstelle der Sparkasse in Dinslaken, Friedrich-Ebert-Straße 31–37.

18. September 2013, Niederrhein Anzeiger » Originalartikel öffnen

Mit 70 hat man noch Träume…

Beuysschüler und Ausnahmekünstler Alfred Grimm zeigt 70 Arbeiten aus seinem großen Werk

Wir sprachen mit dem niederrheinischen Ausnahmekünstler im Nachgang zu seiner Ausstellungseröffnung in Dinslaken.

Niederrhein Anzeiger: In der letzten Woche wurde von Ihnen in der Hauptstelle der Sparkasse Dinslaken eine Ausstellung zu Ihrem runden Geburtstag eröffnet: 70 Jahre – 70 Arbeiten. Wie kam es zu dieser Ausstellung?

Alfred Grimm: Bei der Reflexion über meinen Geburtstag kam es mir in den Sinn, ob das nicht ein günstiger Zeitpunkt für eine Präsentation meiner Arbeiten in Dinslaken sei. Nach kurzer Rücksprache mit den Herren der Sparkasse war klar, man müsse die Altersangabe mit der Zahl der auszustellenden Arbeiten verbinden. So wurde diese Ausstellung „70 Jahre – 70 Arbeiten“ lange vor dem endgültigen Ausstellungstermin geboren.

Was wird in dieser Ausstellung gezeigt?

Grimm: Wir waren uns einig, dass die Präsentation ein breites Spektrum meiner künstlerischen Entwicklung zeigen soll. So finden wir eine Anzahl von Werken aus meiner Schulzeit am Städt. math. nat. Gymnasium für Jungen. Dort hatte ich neun Jahre lang Kunstunterricht bei Helmut Drees. Ich könnte ganze Seiten darüber schreiben, was ich in dieser gymnasialen Zeit, besonders in der Oberstufe, bei diesem Mann erfahren und gelernt habe.

Das war für Sie also eine fruchtbare Zeit?

Grimm: Wenn man daraus einen Superlativ bilden könnte, würde das noch besser passen. So zeigt diese Ausstellung einen kleinen Blick in die damalige Arbeit im Kunstunterricht, etwa zwischen 1961 und 1963. Manche Sachen habe ich seit einem halbe Jahrhundert nicht mehr angeschaut. Darunter finden sich etliche Leckerbissen. Diese Bilder wurden bisher noch nie öffentlich gezeigt. Na ja, und jetzt kann man mit dem Abstand von unglaublichen 50 Jahren diese frühen Sachen sich ansehen.

Und worauf darf man sich noch freuen?

Grimm: Zu Beginn meines Abiturs im Jahre 1963 hatte ich solch einen dicken Stapel an Arbeiten, dass ich drei Bewerbungsmappen für die Kunstakademien in Berlin, Düsseldorf und Mainz zusammenstellen konnte. Düsseldorf hat mich dann genommen. Dort habe ich auch als Hauptfach studiert und recht früh – vielleicht zu früh – im 9. Semester das erste Staatsexamen gemacht. Aus diesen Studienjahren zeige ich einige Leckerbissen: Einige Selbstbildnisse, die nicht so sehr das äußere Bild, sondern seelische Zustände aufzeigen. Diese Bilder kann man dann mit anderen Selbstdarstellungen aus späteren Jahren vergleichen. Ich empfand diesen Kontrast beim Zusammenstellen der Sparkassenausstellung mit dem Abstand von so vielen Jahren als ausgesprochen spannend. Ich denke…

…dass auch aus den folgenden Jahren Werke von Ihnen zu sehen sind?

Grimm: Natürlich! Exemplarisch ausgesuchte Sachen, die zur Zeit meines Lehrerdaseins am Theodor-Heuss-Gymnasium entstanden sind, werden selbstverständlich auch gezeigt. Es soll ja ein kontinuierlicher Überblick gegeben werden. Aus der Serie „Wieder ein Vogel…“ sind fünf Beispiele zu sehen. Dieser Offsetdruck aus dem Jahre 1982 wurde in Zusammenarbeit mit dem Dinslakener Autor Dieter G. Eberl in einer Auflage von 300 Exemplaren herausgegeben. In einem einzigen Schaffensrausch habe ich anschließend mehr als 60 Variationen zu diesem Thema in Bleistift-, Gouache- und Arcyltechnik erstellt. Es würde zu weit führen hier jedes Werk aufzuführen. Am Eröffnungsabend hat Joachim Schneider, ein Kunsthistoriker aus Münster, der meine Arbeiten kennt, in einer lebendigen, spannenden Einführung, sehr sachkundige Informationen zu den einzelnen Werk- und Lebensabschnitten gegeben.

Sind die einzelnen Werke auch verkäuflich?

Grimm: (lächelt) Ja, denn man freut sich, wenn man auch von der finanziellen Seite einige Streicheleinheiten empfängt. Wegen der Größe der vorgegebenen Stellwände können nur Arbeiten im kleinen und mittleren Format gezeigt werden. Die Preise bleiben daher moderat.

Ein abschließendes Wort zu Ihrer Dinslakener Ausstellung in der Hauptstelle der Sparkasse…

Grimm: Sparkassendirektor Ralf Salewski machte in seiner Begrüßung darauf aufmerksam, dies sei meine 68. Einzelausstellung und die dritte in der Sparkasse in Dinslaken. Selbstverständlich hätte ich gerne zu meinem 70. In Köln oder München ausgestellt. Aber solch eine Privatgalerie hätte sich schon weit aus dem Fenster lehnen müssen, wenn sie das ausstellungsmäßige Niveau, das die Sparkasse Dinslaken ermöglichte, hätte erreichen wollen. Daher bin ich mit dieser schönen Präsentation und der reibungslosen Zusammenarbeit rundum zufrieden. Und ich bin sicher dass die Kunden der Sparkasse genauso empfinden werden, die meine Ausstellung bis zum 27. September zu den Geschäftszeiten ansehen können.

Führungen mit dem Künstler persönlich

Für kunstinteressiere Besucher werden zur Ausstellung zwei Führungen mit Alfred Grimm persönlich angeboten: Am Freitag, 20. September, um 14.30 Uhr und am Donnerstag, 26. September, um 15.00 Uhr. Anmeldungen werden freundlich unter E-Mail: kunst[at]alfred-grimm.com erbeten, da die Teilnehmerzahl auf 12 Personen begrenzt ist. Treffpunkt: Schalterhalle der Sparkasse Dinslaken an der Friedrich-Ebert-Straße. Alfred Grimm wird detaillierte Hintergründe zu den ausgestellten Arbeiten und zu deren Entstehung geben und manche biografische Besonderheit miteinflechten.

Siehe auch auf der NA-Homepage: Lokalkompass.de/275648 und (/344216)

11. Juli 2014, NRZ » Originalartikel öffnen

Diese Nachbarn sind einfach füreinander da

Alfred und Barbara Grimm fühlen sich in Bruckhausen rundum wohl. Die Vermutung, sie lebten abgeschieden und allein, ist völlig falsch. Die Gemeinschaft hilft sich und feiert gerne zusammen.

Von Andreas Rentel

Hünxe. „Um diese vitale, lebendige Nachbarschaft kann uns jeder Großstädter beneiden“, versichert Alfred Grimm. Über die Vermutung, er und seine Frau Barbara lebten ohne direkte Nachbarn einsam, können die beiden nur lachen. Das denkmalgeschützte, ehemalige Bauernhaus von 1650 liegt also nur scheinbar sehr abgeschieden.

1971 bezogen die beiden Kunsterzieher das Gebäude, kauften es ein Jahr später. „Das war eine richtige Ruine“, erinnert sich der 71-Jährige. „Wir haben mit wenigen Hilfen vier Jahre lang daran gebastelt“, ergänzt Barbara Grimm. Eines ging damals wesentlich zügiger: „Wir wurden schnell in die Nachbarschaft aufgenommen“, betonen beide. Mit einer Flasche Schnaps unterm Arm führte einer der ersten Wege zur Familie Bruckmann. „Willst du mein Notnachbar sein?“, lautete die entscheidende Frage. Hätte die Antwort damals „Nein“ gelautet, „wir hätten hier keinen Kontakt bekommen“, ist Grimm nach wie vor fest überzeugt.

Geburtstage und Ehejubiläen

Dabei begleitet die überaus intakte Nachbarschaft ihre Mitglieder von der Wiege bis zur Bahre. Beim „Babypinkeln“ treffen sich die Väter. Geburtstage und Hochzeiten werden gefeiert, Ehejubiläen sowieso und bei Beerdigungen ist es üblich, dass sechs Männer aus der Nachbarschaft den Sarg tragen. „Früher mit Zylinder“, ergänzt der 71-Jährige.

Und für die Geburtstage gibt es eine praktische Vereinbarung: Damit es niemand als Gastgeber über- oder untertreibt, steht die Speisefolge fest. Auf den Tisch kommen eine Suppe, belegte Brötchen und später Kaffee und Kuchen. Etwas entschärft haben die Nachbarn das „Neujahrsjagen“. Dabei ging’s früher oft bei Eis und Schnee zu Fuß von Haus zu Haus, die Gruppe wurde immer größer und die Stimmung bei Bier und Schnäpschen immer besser. Heute machen alle die Runde meist mit dem Auto.

Die Frauen sind regelmäßig mit dem Fahrrad unterwegs, reisten bereits gemeinsam an die Nordsee. Vor 20 Jahren trafen sich die Familien zum Fußball-Spielen auf einer nahen Wiese und die WWK (steht für „Wiesenköttelkicker“) waren geboren. Grimm weiß: „Einige spielen immer noch.“

Erleichtert wird der gute Kontakt dadurch, dass die Nachbarn alle etwa der gleichen Altersgruppe angehören, ebenso ihre Kinder. Die tragen die Gemeinschaft jetzt weiter. Sohn Lukas Grimm und Frau Simone wohnen mit Enkel Jakob ebenfalls auf dem idyllischen Hof.

Alfred Grimm verrät ein weiteres Geheimnis, warum das Miteinander so gut funktioniert: „Auch zwischen Nachbarn sollen hohe Mauern sein.“ Trotz der regelmäßigen Kontakte können alle eine wohltuende, räumliche Distanz wahren. Denn die Häuser und Höfe liegen teils einige Kilometer auseinander.

Zur Familie Eickhoff haben Grimms eine besondere Beziehung. Eine Tante wurde im Krieg ausgebombt und bekam auf dem Hof Zimmer zugewiesen. Die Familie litt dadurch keinen Hunger und der gebürtige Lohberger bekam zudem später den guten Tipp, sich sein jetziges Haus anzuschauen. Denn: „Der Kontakt war da.“

Die Familie fühlt sich auf ihrem Hof rundum wohl: Sie sieht ihre Nachbarn nicht immer, aber alle sind stets füreinander da.

Diese Familien helfen sich, feiern zusammen und das schon seit vielen Jahren: Wilhelm und Helga Bruckmann, Hannes und Ilse Heskamp, Gerd und Anneliese Eickhoff, Annegret Berger-Lohr, Fritz und Erna Benninghoff-Rotthaus, Erich und Magdalene Schulze-Hockenbeck, Honny und Gerda Driesen, Elisabeth und Ernst Kempmann, Gerd und Anneliese Hesselmann, Horst und Liesel Bergmann, Hermann und Lisbeth Rösel sowie Hanni und Gerd Lindenkamp.

7. Oktober 2014, NRZ » Originalartikel öffnen

Wo Beuys den Hut abnahm

Familie Hülsermann, Verwandtschaft von Joseph Beuys, lebt in Spellen. Erinnerungen an den Künstler privat

Von Bettina Schack

Voerde. Der Bentley hält schräg gegenüber der Kirche in Spellen. Ein Mann steigt aus, geht ins Wohnhaus des Haushaltwarengeschäfts an der Ecke und nimmt seinen Hut ab. „Der Joseph ist wieder da“. Wie so oft, wenn er es einrichten kann, „einfach um abzuschalten“, wie sich Anna Hülsermann erinnert. Denn sobald der Mann seinen Hut wieder aufsetzt, verschmelzen Mensch und Erscheinungsbild zu einem der bekanntesten – und polarisierendsten Künstlerpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Joseph Beuys (1921–1986), Schöpfer der Fettecke, Akademieprofessor in Düsseldorf, ein Vordenker, der den Kunstbegriff zum „Jeder Mensch ist ein Künstler“ erweiterte und der sich mit den Grüne für Umweltthemen engagierte. In Spellen war er einfach nur der Joseph. Der Cousin von Norbert Hülsermann.

Als Beuys noch lebte, wurde auf dem Grundstück der Hülsermanns auch noch geschmiedet, wenn auch schon nicht mehr dort, wo Anna Hülsermann, Tochter Gudrun und Schwiegersohn Wolfgang und die Enkel Stina und Michel am Wohnzimmertisch zusammensitzen, um die Erinnerungen an Joseph Beuys lebendig werden zu lassen. Wie er zum Beispiel mit Norbert zusammen seine Spaten-Objekte schmiedete, eine der seltenen Gelegenheiten, dass Kunst zwischen den Cousins überhaupt ein Thema war. Auch wenn es auch in Spellen nicht ganz ohne die typischen Geschichten geht. Wie sich Beuys zum Beispiel von Schreiner Max Gockel eine Kiste anfertigen ließ. „Ganz akkurat“, so Anna Hülsermann. Um sie dann mit Teer zu bepinseln und auf dem ungepflasterten Hof durch den Dreck zu ziehen. „So weit die Akkuratesse“.

Doch solche Erinnerungen bleiben eher die Ausnahme. Andere Bilder blieben haften: Beuys mit dem Hut in der Hand am Grab der Oma. Beuys am Straßenrand, während sein Cousin mit den Schützen durchs Dorf zieht. Joseph Beuys und seine Frau Eva Wurmbach am Küchentisch. „Er war ein ganz angenehmer Mensch“, so Anna Hülsermann. „Hat sich in der Familie so gegeben, wie man ist. Nicht stolz, nicht eingebildet. Er hat auch nur über Privates gesprochen“. Und manchmal über Politik. Norbert Hülsermann sorgte sich, wenn sein Cousin „so aneckte“. „Das ist die beste Reklame“, habe er geantwortet, erinnert sich Anna Hülsermann.

Ein Anzug zur Hochzeit

Ein Anzug zur Hochzeit Als Beuys 1955 nach dem Scheitern einer Verlobung eine seelische Krise durchlebte, hätte ihm sein Cousin beigestanden, so Anna Hülsermann. Als Beuys aus der Schwermut heraus diesem sein ganzes Frühwerk geben wollte, lehnte er ab. Ein Angebot, das die Brüder van der Grinten annahmen, wie die Hülsermanns heute berichten. Was Norbert Hülsermann gerne als Geschenk akzeptierte, war ein schwarzer Hochzeitsanzug. „Ich habe ihn einmal getragen und ich werde ihn nicht mehr anziehen“, so der Mann, der mit einer Fischerweste berühmt wurde. Sein Cousin trug den Anzug 1963 bei der Hochzeit mit Anna.

Diese kramt in alten Familienfotos. Aber wie das so ist, wenn jemand selbstverständlich dazugehört, es finden sich keine Souvenirs. Den Anzug lieh sich mal jemand für den Spellener Karneval aus, seitdem verliert sich seine Spur.

Von Michel gibt es ein aktuelles Foto: Der Junge neben Beuys – bei Madame Tussaud’s in Berlin. Und Stina wandelte als Vierjährige auf Beuys Spuren: Nach einem Besuch in Moyland schraubte sie ein Spielzeugauto und zwei Kaninchenpfoten auf eine Holzplatte.

7. Oktober 2014, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Grimms denken an ihre „wilde“ Studienzeit zurück

Hünxe (B.S.) Sie war einer der spannendsten Kunstorte des letzten Jahrhunderts: die Düsseldorfer Kunstakademie in den 60er Jahren. Joseph Beuys formulierte seine Theorien zur anthropologischen Kunst und sozialen Plastik, öffnete die Türen der Akademie für alle, die an der neuen Offenheit und dem Happening teilhaben wollten. In dieser Atmosphäre bereitete sich ein junges Paar auf seine Staatsexamen zu Kunsterziehern vor: Barbara und Alfred Grimm. Die Akademie war von 8 bis 21 Uhr für die Studierenden geöffnet, Beuys für sie fast täglich ab der Mittagszeit dort erreichbar.

„Wir kriegten keine Anleitungen“, so Barbara Grimm, die bei Beuys ihr erstes Staatsexamen machte, „keine technischen Anleitungen, keine Korrekturen. Alles mussten wir selbst entwickeln“. Natürlich gab es für die, die auf Lehramt studierten, Vorlesungen. Kunstgeschichte, Philosophie, Anatomie, Perspektive. „Aber nicht bei Beuys. Er war nur für sein Atelier zuständig.“ Was aber keineswegs bedeutete, dass der Mann mit dem Hut seiner eigenen Maxime getreu „Jeder Mensch ist ein Künstler“ alles für schön und gut befand, was man ihm vorsetzte. So fand Barbara Grimm zwei noch feuchte Ölbilder morgens mit den bemalten Seiten „aneinander geklatscht“ und damit ruiniert im Atelier vor – „da wusste ich, was er davon hielt“. Einen weiblichen Akt aus Ton von Alfred Grimm schlug er mit dem Beil zum Torso. Beuys Kunstthesen bedeuteten also keineswegs die Beliebigkeit, die ihnen manchmal angehängt wird. Wenn es um Aktmalerei, also das grundlegende Verständnis des menschlichen Körpers ging, konnte Beuys sogar zur Furie werden. Wie Alfred Grimm seinen Professor charakterisieren würde? „Ein fleißiger Mann, keine Frage, aber es hat ihn gereizt, Trouble zu machen.“ Gegen Ende der Studienzeit der Grimms öffnete Beuys sein Atelier für alle, die in den wilden Zeiten nach ‘68 dabei sein wollten. „Die kamen angekifft und warteten auf den großen Meister“, so Grimm. Doch als einer von ihnen Beuys den Hut vom Kopf riss, „da hat er ihm eine geschallert“.