Mahnsteine

25. August 2011, NRZ » Originalartikel öffnen

Mahnsteine für Dinslaken

Alfred Grimm plant Erinnerung an jüdische Geschäfte in der Innenstadt

Bettina Schack

Dinslaken. Mit ihren Geschäften mitten in der Innenstadt waren sie fest im Dinslakener Leben verwurzelt. Man kaufte Anzüge und Krawatten bei den Geschwistern Salomon. auf der Neustraße oder einen neuen Hut bei Hermann Eichengrün. Brauchte man einen Installateur, rief man Julius Isaacson und mit den Angeboten im Kaufhaus von Siegfried Bernhard konnte man seine komplette Wohnung einrichten. Die Genannten gehörten zur Dinslakener Geschäftswelt, wie viele ihrer jüdischen Glaubensgenossen. Bis die Nazis die Macht ergriffen und Vertreibung und Tod brachten.

Erst in den letzten Jahren wurden Grundbesitz und Einzelhandelstätigkeiten jüdischer Bürger in Dinslaken wissenschaftlich aufgearbeitet und dokumentiert. Nun soll die Erinnerung an sie wieder im Stadtbild sichtbar werden. 20 Jahre nach der Einweihung des bronzenen Mahnmals im Stadtpark plant Alfred Grimm die Realisierung von Mahnsteinen in der Innenstadt. Kleine Mahnmale aus Stein und Bronze, die an die jüdischen Mitbürger von einst in ihrem beruflichen Kontext erinnern, Orte von zwei Metern mal 70 Zentimetern Fläche, die mit Sitzsteinen zum Verweilen einladen, lebendige Orte der Erinnerung, neue Stationen des Skulpturenwegs.

Die Mahnsteine – jedes dreiteilige Ensemble wird mit Kosten in Höhe von 7500 Euro veranschlagt, soll ausschließlich aus Sponsorengeldern und privaten Spenden finanziert werden. Das Projekt wird vom Kulturkreis Dinslaken betreut und von der Verwaltung begleitet. Die Kirchen sind mit eingebunden. Gestern stellte Alfred Grimm Idee und Geschichte gemeinsam mit dem Leiter des Fachdienstes Kultur Klaus-Dieter Graf und der Vorsitzenden des Kulturkreises Gabriele Scholz der Öffentlichkeit vor.

Gedenkjahr 2013

Die Idee wuchs seit 2007, bereits 2008 zeichnete Alfred Grimm einen ersten Entwurf. Damals verlief das Projekt im Sande, doch der Gedanke blieb bei Museumsleiter Dr. Peter Theissen und Stadtarchivarin Gisela Marzin wach. Nun ist das Jahr 2013 anvisiert. Dann jähren sich das Gedenken an 80 Jahre Machtergreifung und 75 Jahre Pogromnacht, der „Judenkarren“ im Stadtpark erinnert seit 20 Jahren an das Schicksal der jüdischen Gemeinde Dinslaken.

Sieben mögliche Orte für die Aufstellung hat Alfred Grimm gemeinsam mit Jürgen Grafen erarbeitet. Sie sollen heute der Feuerwehr vorgelegt und auf ihre Machbarkeit geprüft werden. Zwei Mahnsteine sind bislang durch Sponsoren finanziert, Alfred Grimm hofft auf die Realisierung von insgesamt vier Plastiken im Bereich Neustraße und Altstadt.

Grimms Mahnsteine sind derzeit nicht das einzige dauerhafte Projekt, mit dem sich der Dinslakener Arbeitskreis „Gegen das Vergessen“ beschäftigt. Wie gemeldet wird Anne Prior einen Verein gründen, der die Verlegung von „Stolpersteinen“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig auch in Dinslaken verwirklichen möchte.

Mahnsteine, Stolpersteine oder beides? Im Bereich der Neustraße wird es zu Überschneidungen kommen. Klaus-Dieter Graf gibt sich zuversichtlich, im Arbeitskreis habe man bislang zu einem harmonischen Miteinander gefunden.

Alfred Grimm nennt das doppelte Engagement „eine unglückliche Entwicklung“, spricht sich bei den konkreten Fällen für ein Entweder-Oder aus. Seine Plastiken beinhalten ebenso wie die „Stolpersteine“ Platz für Gravuren, in denen dem dokumentarischen Aspekt des Gedenkens Rechnung getragen wird.

Kommentar:
Bausteine des Gedenkens

Bettina Schack

Mahnsteine, Stolpersteine. So ist das in Dinslaken: Jahrelang passiert nichts, und dann werden innerhalb von nur einer Woche gleich zwei Konzepte zur Erinnerung an das jüdische Leben in Dinslaken vorgestellt. Ein unglückliches Konfliktpotenzial ausgerechnet bei einem derart wichtigen wie sensiblen Thema? Nur auf dem ersten Blick.

Da sind auf der einen Seite die Mahnsteine von Alfred Grimm. Plastiken aus Stein und Bronze. Sie erinnern an die jüdischen Mitbürger nicht als Opfer, sondern als aktive Teilhaber am Dinslakener Arbeits- und Geschäftsleben. Kleine Gedenkstätten vor ihren früheren Geschäften, die mit ihren jeweils zwei Sitzsteinen bewusst und ausdrücklich einladend sind – eine lebensnahe Ergänzung zum 18 Jahre alten Mahnmal, das den Betrachter mit der „Täterperspektive“ verstört.

Doch gerade in der Größe liegt die Einschränkung: nur eine Handvoll Mahnsteine wird es geben. Hier werden Gunter Demnigs deutschlandweit vertretene Stolpersteine wichtig: Sie können die umfassende Dokumentation auf Dinslakens Straßen gewährleisten, nicht nur für die jüdischen Mitbürger, sondern für alle Opfer der Nationalsozialisten. Mahnmal, Mahnsteine und Stolpersteine fügen sich so zu einem Gesamtkonzept zusammen. Und das kann Dinslaken in Sachen Aufarbeitung und Erinnerung vorbildlich werden lassen.

25. August 2011, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Mahnen mit Bronze und Stein

Erinnerungsstätten für jüdische Bürger will der Künstler Alfred Grimm in der Dinslakener Innenstadt schaffen. Geplant sind Plastiken aus Stein und Bronze. Die ersten vier will er auf der Neu- und Duisburgerstraße aufstellen.

Von Ralf Schreiner

DINSLAKEN. Erinnerungsarbeit kann mehr sein als Dokumentation. Alfred Grimm versteht seine Mahnsteine als „lebendige und sinnlich wahrnehmbare Plastiken“. Sie sollen Auskunft geben über den Wohnbereich jüdischer Bürger in Dinslaken und zugleich über den Beruf informieren, den diese Menschen ausgeübt haben, bevor sie von den Nazis vertrieben und ermordet wurden. Die Kosten pro Mahnsteinensemble belaufen sich auf 7500 Euro. Darin enthalten sind der Kauf der Steine, der Bronzeguss, Transport und Honorar. Finanziert werden die Gedenkstätten über Spenden und Sponsoren, die Stadt gibt kein Geld. „Die Anschubfinanzierung für zwei Mahnsteine steht“, sagte Alfred Grimm gestern im Pressegespräch.

In Ruhe betrachten

Jedes Kunstwerk besteht aus einem dreiteiligen Ensemble aus Basaltsteinen, von denen der mittlere als Bronzeplastik gestaltet wird. Die beiden flankierenden Steine dienen als Sitzgelegenheiten, von denen aus der Betrachter das Werk mit seinen bildlichen und textlichen Aussagen auf sich wirken lassen kann. Alfred Grimm arbeitet nicht abstrakt. Wie schon beim jüdischen Mahnmal im Stadtpark und der „Baustelle“ vor den Stadtwerken kommt es ihm darauf an, dass die Mahnsteine ihre Botschaften anschaulich transportieren.

Anschubfinanzierung steht

Der für Herrmann Eichengrün, der an der Duisburgerstraße 8, gegenüher der Stadtücherei, ein Hutgeschäft betrieben hat, zeigt einen in Bronze gegossenen Hut und ebensolche Handschuhe. In die Plastik für den Installateur Julius Isaacson, der sein Geschäft an der Eppinghovener Straße 4 hatte, hat Grimm Wasserhahn und Abflussrohr eingearbeitet. Jeder Mahnstein erhält neben diesen „plastischen Durchformungen“, wie es der Künstler nennt, eine Bronzetafel mit Angaben zum Lebenslauf desjenigen an den erinnert wird.

Geplant sind zunächst vier Gedenksteine, die bis 2013 auf der Neu- und Duisburger Straße aufgestellt werden sollen. 2013 ist auch für Dinslaken ein besonderes: Hitlers Machtübernahme jährt sich zum 80. Mal, die Reichspogromnacht zum 75. Mal. Hinzu kommt, dass das Mahnmal im Stadtpark, das Alfred Grimm zur Erinnerung an das Schicksal der von den Nazis vertriebenen Juden geschaffen hat, vor 20 Jahren eingeweiht wurde. Diese Gedenktage waren es auch, die Gisela Marzin (Stadtarchiv) und Dr. Peter Theißen (Museum Voswinckelshof) bereits 2007 auf die Idee brachten vor Wohnhäusern in der Dinslakener Innenstadt „plastische Gedenkstätten zu jüdischem Leben“ zu errichten. Das Projekt wurde damals nicht weiter verfolgt.

Neuer Anlauf

Anfang dieses Jahres gab Alfred Grimm einen neuen Anstoß, konkretisierte das Ganze mit Skizzen und Details zu Planung und Aufbau – und hatte Erfolg. Rat und Verwaltung der Stadt Dinslaken sind im Rahmen des Projekts „Wider das Vergessen“, der auf das Gedenkjahr 2013 hinarbeitet, in das Vorhaben eingebunden. Die beiden christlichen Kirchen, die schon 1993 dafür gesorgt haben, das Mahnmal zu verwirklichen, unterstützen jetzt auch die Mahnsteine. Der Ausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit und die jüdische Gemeinde Oberhausen/Duisburg beteiligen sich an dem Vorhaben. Der Kulturkreis Dinslaken wird das Projekt vertraglich abwickeln.
www.rp-online.de/dinslaken

Sieben Standorte möglich

DINSLAKEN (ras). Für die Aufstellung der Steine sind bislang sieben mögliche Orte im Gespräch. Neben den beiden genannten kommen in Frage: Neustraße 7 (Erinnerung an Richard und Berta Salomon), Neutraße 15 (Bernhard Davids), Brückstraße 1 (Josef und Julius Jacob), Neutraße 70/Friedrich-Ebert-Straße 47 (Siegfried Bernhard), Neustraße 50 (Rudolf Hellmann).

Ob die Mahnsteine tatsächlich dort zu stehen kommen, ist nicht nur eine Frage des Geldes. Die zwei Meter breiten und 70 Zentimeter tiefen Kunstwerke dürfen keine Zufahrten für Rettungsfahrzeuge blockieren. Für die Aufstellung ist eine Sondernutzungsgenehmigung der Verwaltung notwendig. Außerdem sollten sie nicht unbedingt dort installiert werden, wo der Kölner Künstler Gunter Demnig seine „Stolpersteine“ verlegen wird. Wie berichtet, will ein Initiativkreis um Buchändlerin Anne Prior mit diesen Steinen auf deren Oberfläche eine Messingtafel mit Namen, Geburts- und Todesdatum angebracht ist an die Dinslakener Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft erinnern.

Klaus-Dieter Graf, in der Stadtverwaltung Leiter des Geschäftsbereichs Bildung, Kultur, Freizeit und Sport, erklärte, dass sich der Arbeitskreis „Gegen das Vergessen“ und der Verein Stolpersteine sicherlich „in harmonischem Miteinander“ darauf verständigen werde, wo Stolper- und wo Mahnsteine an die Dinslakener Juden erinnern sollen.

„Man kann das eine machen, ohne das andere zu lassen“, sagte Graf. In den Mahnsteinen sieht er auch eine gelungene Erweiterung des Dinslakener Skulpturenwegs. „Die Steine haben einen direkten Bezug zum Mahnmal“, fügte Künstler Alfred Grimm hinzu. „Und sie erinnern an die Juden ohne drohenden Zeigefinger.“

INFO

Bronzeguss

Die Plastiken wird Alfred Grimm bei der Bronze- und Kunstgießerei Butzon & Becker in Kevelaer in Auftrag geben.

Das Unternehmen hat bereits Grimms „Baustelle“ und die Gedenkstätte für Schwester Euthymia am Vinzenz-Hospital in Dinslaken realisiert.

31. August 2011, NRZ » Originalartikel öffnen

Erinnern auf der Shoppingmeile

Die „Mahnsteine“ des Hünxer Künstlers Alfred Grimm sollen in der Dinslakener City an jüdische Einzelhändler erinnern

Bettina Schack

Dinslaken. Ein Leiterwagen voller Schuhe, Taschen, Kleidung und Knochen durchbricht eine Mauer, davor klafft ein Loch in einer mannshohen Wand: die hohle Silhouette eines SS-Wachmanns. Seit 1993 erinnert das bronzene Mahnmal des Hünxer Künstlers Alfred Grimm an das Schicksal der jüdischen Gemeinde Dinslakens, zwischen Rathausvorplatz und Stadtpark, in unmittelbarer Nähe des früheren jüdischen Friedhofs, wo heute Autos in einem großen, zentralen Kreisverkehr ihre Runden drehen.

Dinslaken tat sich jahrzehntelang schwer, sich mit seiner braunen Vergangenheit auseinander zusetzen. Und so erinnert sich Alfred Grimm heute noch gut daran, wie der damalige Superintendent Ulrich Bendokat bei der Einweihung des Mahnmals überraschend forderte, die Besitzverhältnisse jener Immobilien zu klären, die vor Tod und Vertreibung jüdischen Dinslakenern gehörte.

Verein zur Verlegung von Stolpersteinen

Seitdem ist in Dinslaken viel geforscht, aufgearbeitet, publiziert worden. Von Privatpersonen wie der Buchhändlerin Anne Prior, die derzeit einen Verein zur Verlegung von „Stolpersteinen“ des Künstlers Gunter Demnig gründet, von der städtischen Seite durch die Stadtarchivarin Gisela Marzin und Museumsleiter Dr. Peter Theissen. 2008 erschien das Buch „Nationalsozialismus in Dinslaken und seine Nachwirkungen“, die derzeit ausführlichste Publikation zur Aufarbeitung der. NSZeit in Dinslaken. Zudem ist im Archiv ein Plan der Innenstadt erhältlich, in dem Immobilien in jüdischen Besitz vor 1938 in einem aktuellen Luftbild der Fußgängerzone und Umgebung verzeichnet sind.

Hier setzt ein neues Projekt an, das Alfred Grimm, der Kulturkreis Dinslaken und der Leiter des städtischen Fachdienstes Kultur, Klaus-Dieter Graf, vorige Woche vorstellten: Entlang der Dinslakener Fußgängerzone sollen „Mahnsteine“ an das jüdische Geschäftsleben vor der Machtergreifung der Nazis erinnern. „In plastischer, sinnlicher Präsenz“, wie es Grimm formuliert. Sieben mögliche Aufstellungsorte werden derzeit auf ihre Machbarkeit hin überprüft, vier Mahnsteine sollen nach dem Wunsch des Künstlers realisiert werden.

Für zwei der 7500 Euro teuren und etwa zwei Meter mal 70 Zentimeter großen Ensembles ist die Finanzierung bereits gesichert: sie soll ausschließlich aus privater Hand erfolgen, die Stadt begleitet das Projekt. Unterstützt werden die Mahnsteine aus dem Dinslakener Arbeitskreis „Gegen das Vergessen“, den Kirchen vor Ort und der jüdischen Gemeinde Oberhausen/Duisburg.

Alfred Grimm studierte bei Joseph Beuys, wurde als Objektkünstler bekannt. Einer, der mit scheinbar unbedeutenden Alltagsgegenständen in der Lage ist, klare, manchmal provozierend deutliche Inhalte und Aussagen zu transportieren. In der evangelischen Kirche Hünxe-Bruckhausen füllte er ein von ihm entworfenes Glasfenster unter anderem mit Getreidekörnern und Star-Wars-Figuren, für Dinslaken schuf er neben dem „Judenkarren“ der an die Verbrechen in der Pogromnacht erinnert, und dem Denkmal für Schwester Euthymia eine täuschend echte Straßenbaustelle, die das Grab eines toten Soldaten freilegt.

Bronzener Wasserhahn für den Installateur

Die Mahnsteine sollen direkten, lebendigen Bezug zu denen aufnehmen, an die sie erinnern: in Bronze gegossene Handschuhe und Hüte für das Hutgeschäft, das einst gegenüber der heutigen Stadtbibliothek stand, ein bronzener Wasserhahn für den Installateur in der Altstadt. Flankiert werden die Mahnsteine aus Basalt mit ihren Bronzeapplikationen von jeweils zwei kniehohen Sitzsteinen. Sie laden zum Verweilen ein, zum Innehalten auf Dinslakens Shoppingmeile, die vor 1933 von jüdischen Einzelhändlern mitgeprägt wurde.

Orte der Erinnerung, keine zwei Quadratmeter gorß, aber mitten im Alltagsleben an ein zerstörtes Alltagsleben erinnernd. „Ohne erhobenen Zeigefinger“, wie Grimm betont, künstlerisch gestaltet, über das rein Dokumentarische hinausgehend, ein wenig Zeit einfordernd. Zu den berufsbezogenen, plastischen Stillleben, gehören Bilderrahmen, die über die jüdischen Geschäftsleute, deren hier gedacht wird, informieren. Die ersten Mahnsteine sollen 2013 aufgestellt werden. 20 Jahre nach der Einweihung des „Judenkarrens“ und 75 Jahre nach der Pogromnacht.

31. August 2011, Niederrhein Anzeiger » Originalartikel öffnen

Grimms Mahnstein

Alfred Grimm will vier Mahnsteine zum Gedenken an die jüdische Bevölkerung in der Dinslakener Innenstadt aufstellen:

DINSLAKEN. Schon seit Jahren wird in verschiedenen Gremien über Mahnmale, die an die jüdische.Bevölkerung Dinslakens erinnern sollen, nachgedacht. Mittlerweile hat Alfred Grimm zwei Wachsmodelle seiner „Mahnsteine“ fertig gestellt. Zwei weitere folgen. Sie sollen vor den ehemaligen Häusern der jüdischen Bewohner aufgestellt werden und weisen auf deren Berufe hin. Angedacht ist, bis 2013 vier Gedenksteine in der Neustraße und der Duisburger Straße aufzustellen. Die Mahnsteine sind etwa zwei Meter breit, 70 Zentimeter tief und 95 Zentimeter hoch. Auf einem Basaltstein steht eine Bronze mit Symbolen des Berufes, den die jüdischen Bewohner ausgeübt haben, dazu ein kleines Hinweisschild. Umrahmt wird das Kunstwerk von zwei Sitzsteinen. Die Finanzierung für zwei Kunstwerke ist bereits gesichert und wird ausschließlich von Sponsoren geleistet. Alfred Grimm kalkuliert mit 7500 Euro pro Skulptur.
Die Abwicklung des gesamten Projektes hat der Kulturkreis Dinslaken übernommen. Unterstützt wird das Vorhaben von den beiden christlichen Kirchen. Beteiligt sind auch der Ausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit und die jüdische Gemeinde in Oberhausen/Duisburg. Alfred Grimm hat für seine vier Mahnsteine sieben Aufstellungsflächen auf der Neustraße und der Duisburger ins Auge gefasst. Nun will er mit der Feuerwehr klären, welche davon für seine vier Mahnsteine infrage kommen.

Hu/Foto: Kunkel

25. Januar 2012, Niederrhein Anzeiger » Originalartikel öffnen

Dinslakener Mahnsteine

Unsere Stadt stellt sich der braunen Vergangenheit und erinnert an das große Leid seiner jüdischen Einwohner

Traurige Gedenktage 2012: · 1933 / 80 Jahre Machtergreifung Hitlers · 1938 / 75 Jahre Reichprogromnacht und · 1993 / 20 Jahre Einweihung des Dinslakener Mahnmals.

Von Caro Dai

DINSLAKEN. Der schwarze schwere Leiterwagen rechts vor dem Rathaus erinnert an die unmenschliche Vertreibung u.a. der Kinder des jüdischen Waisenhauses in Dinslaken 1938, die mit nackten Füßen in der Kälte stehend, mit Ansehen mußten, wie ihr Zuhause verwüstet wurde, um dann auf einem Leiterwagen durch die johlende Menge zum Abtransport ins KZ gezwungen zu werden. Beschimpft und verhöhnt mußten die größeren Kinder die Kleineren zum Bahnhof ziehen. Was waren das für Menschen, die sich auch an den Schwächsten vergriffen haben, elternlosen Kindern das Zuhause zerstörten und sie wie Vieh in die Vernichtungslager trieben?

Diese Frage steht für immer im Raum auch für uns Nachgeborene hier in Dinslaken. Und wie wichtig es ist, auf dem rechten Auge eben nicht blind zu sein, beweisen die Untaten des Nationalsozialistischen Untergrundes der sogenannten Zwickauer Terrorzelle, deren Mitglieder über 10 Jahre unendeckt „Nichtdeutschstämmige“ und eine Polizistin ermorden konnten. Unerkannt wohl auch deshalb solange, weil niemand sich vorstellen konnte, dass brauner Terror heute überhaupt noch existiert.

Runder Tisch

Dinslaken stellt sich nicht nur durch diese aktuellen Ereignisse alarmiert, seiner gesellschaftspolitischen Verantwortung: Ein „runder Tisch“ unter Einbindung von Stadtarchiv, Museum, den ev. und kath. Kirchen, dem Ausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der Israel-AG des Theodor-Heuss-Gymnasiums und der jüdischen Gemeinde Oberhausen-Mülheim bereitet seit einigen Jahren Aktivitäten zu den anstehenden Gedenktagen vor. Den Vorsitz hat Dinslakens neue 1. Beigeordnete Christa Jahnke-Horstmann übernommen.

Auch Leiterwagen-Mahnmal-Schöpfer Alfred Grimm ist es eine Herzenssache wieder dabei zu sein. Vier seiner Entwürfe zur Erinnerung an Dinslakens jüdische Einwohner sind in Auftrag gegeben und z.T. schon realisiert: So erinnert die Bronze „Putzmacherin“, das vor der Duisburger Straße 8 (heute Jack Wolfskin gegenüber der Stadtbücherei) aufgestellt werden soll, an das Hut- und Putzmachergeschäft von Hermann Eichengrün.

Jüdisches Leben in DIN

Weitere Mahnsteine Grimms sollen einmal vor der heutigen Santander-Bank (Eckhaus Neustraße/Friedrich-Ebert-Str.) an das Kaufhaus Siegfried Bernhard erinnern, welches Wohnungseinrichtungen, Küchen, Bettwäsche, Stiefel, Gardinen und Damen- und Herrenbekleidung führte. Auch an der Brückstraße 1, wo heute Rahmen und Drucke verkauft werden, wird ein Mahnstein an die Viehhändler Josef und Julius Jacob erinnern. Und an der Eppinghovern Str. 4 (heute eine Physiotherapie-Praxis) wird des Installateurs Julius Isaacsons gedacht werden. Dieser Mahnstein ist ebenfalls schon fertig. Die Mahnsteine werden jeweils auch von zwei Sitzsteinen umrahmt sein und auch von den Schicksalen derer erzählen, an die sie erinnern.

WDR-Film am 27. 1. 12

Ein Team des WDR hat einen Film-Bericht über die Entwicklung der „Mahnsteine“ in Dinslaken und auch deren Abguss und die Realisierung in der Bronzegießerei Butzon und Becker Kevelaer gemacht. Zu sehen am „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ (siehe lnfokasten) am Freitag, 27. Januar, in der „Lokalzeit Duisburg“ zwischen 19.30 und 20 Uhr im WDR-Fernsehen.

27. Januar:

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar ist in Deutschland seit 1996 ein staatlicher Gedenktag: Der Tag erinnert an alle Opfer des Nationalsozialismus: Juden, Christen, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, politisch Andersdenkende sowie Männer und Frauen des Widerstandes, Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Kriegsgefangene und Deserteure, Greise und Kinder an der Front, Zwangsarbeiter und an die Millionen Menschen, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet wurden. Die Vereinten Nationen erklärten den 27. Januar im Jahr 2005 zum internationalen Holocaust-Gedenktag. Der 27. Januar ist kein Feiertag im üblichen Sinn. Er ist ein „DenkTag“: Gedenken und Nachdenken über die Vergangenheit schaffen Orientierung für die Zukunft.

25. Januar 2012, NRZ » Originalartikel öffnen

Erinnerung in Bronze gegossen

Die Mahnsteine für jüdische Geschäftsleute in Dinslaken von Alfred Grimm nehmen in Kevelaer Gestalt an

Bettina Schack

Dinslaken. Gerade einmal 60 Sekunden dauert der eigentliche Guss, der übers Gelingen entscheidet: Dann wird die Form aus verstärktem Silikon abgeschlagen und die Bronze liegt goldig schimmernd offen. Ein großer Augenblick für jeden Künstler.

Am Montag war es Alfred Grimm, der in der Werkstatt von Butzon und Bercker in Kevelaer voller Spannung verfolgte, wie die Bronzeteile seines Mahnsteins „Putzmacherin“ gegossen und aus der Form geschlagen wurden. In sechs Einzelteile wurde sein Wachsentwurf zerlegt, die einzelnen Teile Hut, Schal, zwei Handschuhe, ein Band und der Träger in einer Form aus Silikon gehüllt und herausgeschmolzen, der Hohlraum – um Material und Gewicht zu sparen – mit Schamott gefüllt und schließlich mit Bronze ausgegossen. Die einzelnen Teile werden zusammengeschweißt. „Die Griechen konnten ihre antiken Plastiken nur nieten, das heutige Verfahren hält bestens und die Schweißnähte sind nicht erkennbar“, erklärt Grimm.

2013 ist dreifaches Gedenkjahr

Die Mahnsteine – neben der der „Putzmacherin“ ist der des „Installateurs“ durch Sponsorengelder finanziert und kann realisiert werden – sind nicht die ersten Großplastiken von Grimm, die die Werkstatt verlassen. Die „Baustelle“ und das Denkmal für Schwester Euthymia wurden ebenfalls dort gegossen.

Bis die Mahnsteine unter Federführung des Kulturkreises übergeben werden, verstreichen noch 20 Monate. 2013 gedenkt Dinslaken 80 Jahre Machtergreifung, 75 Jahre Pogromnacht und der Einweihung des Mahnmals vor 20 Jahren. Nun also die Mahnsteine, die jüdischer Dinslakener weniger als Opfer, sondern als prägende Mitglieder des Geschäftslebens erinnern.

Die Mahnsteine mit ihren mit langen Eisenstiften diebstahlgesicherten Bronzeapplikationen sind circa 80 Zentimeter hoch. Flankiert werden sie zu beiden Seiten von niedrigeren Steinen, die zum Verweilen einladen. Die „Putzmacherinnen“-Plastik soll am 9. November 2013 auf der Duisburger Straße im Bereich des Bürgerbüros enthüllt werden, in räumlicher Nähe des ehemaligen Hutgeschäftes von Hermann Eichgrün.

In der Altstadt erinnert der zweite bereits finanzierte Mahnstein vor der Eppinghovener Straße 4 an den Installateur Hermann Eichengrün.

Sponsoren gesucht

Derzeit ist Alfred Grimm auf Sponsorensuche für zwei weitere, mit jeweils 7500 Euro kalkulierte Mahnsteine: Für die Viehhändler Josef und Julius Jacob an der Stadtkirche gegenüber der Brückstraße 1 und für Siegfried Bernhard, der im Eckhaus an der Neustraße, in dem sich heute die Santander-Bank befindet, ein Kaufhaus für Möbel, Küchen, Heimtextilien und Herrenbekleidung führte. Ursprünglich wollte Alfred Grimm auch auf der Neustraße Mahnsteine errichten. Doch bislang gibt die Polizei wegen eingeschränkter Flucht- und Rettungswege keine Erlaubnis.

Seine Mahnsteine, die zweite Auseinandersetzung mit den Opfern des Nationalsozialismus nach dem „Judenkarren“ in der Innenstadt, betrachtet Alfred Grimm im harmonischen Einklang mit den „Stolpersteinen“, die Gunter Demnig ab dem 7. Februar im Stadtgebiet verlegt.

25. Januar 2012, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Grimm gießt zwei Mahnsteine

Mahnsteine für jüdische Bürger will der Künstler Alfred Grimm in der Dinslakener Innenstadt schaffen. Die Bronzegüsse für zwei der vier Plastiken sind fertig. 2013 werden sie auf der Neu- und Duisburger Straße aufgestellt.

Von Ralf Schreiner

DINSLAKEN Alfred Grimm vertraut auf Butzon und Bercker. Die Kunstgießerei in Kevelaer hat für ihn bereits zwei große Bronzearbeiten gefertigt: die „Baustelle“ vor dem Sitz der Stadtwerke und die Euthymia-Gedenkstätte am Vinzenz-Hospital. Am Montag sah Grimm dem Gießmeister dabei zu, wie er die bronzenen Bekrönung für zwei Mahnsteine aus der Form schälte. „Die Oberfläche glänzt. Das wirkt sehr lebendig“, sagte Grimm gestern im Pressegespräch. Die Plastiken werden als Erinnerungsstätten gestaltet. Sie geben Auskunft über den Wohnbereich und den Beruf jüdischer Bürger in Dinslaken.

Der erste Mahnstein erinnert an Hermann Eichengrün, der an der Duisburger Straße 8, gegenüber der Stadtbücherei, ein Hutgeschäft betrieb. Es zeigt einen in Bronze gegossenen Hut, Handschuhe, einen Schal.

Jede Plastik besteht aus einem dreiteiligen Ensemble

Die zweite Plastik ist dem Installateur Julius Isaacson gewidmet, dessen Geschäft an der Eppinghovener Straße 4 lag. Hier hat Grimm Wasserhahn und Abflussrohr in die Plastik eingearbeitet.

Der Guss erfolgte in Einzelteilen, die nach dem Erkalten zusammengeschweißt werden. Die Nähte seien „unsichtbar“, erklärte der Künstler. Die Bronze wird anschließend an eine Basaltstele angepasst. Beim Aufstellen wird sie von innen mit einem Edelstahlzapfen im Boden verankert. Jede Plastik besteht aus einem dreiteiligen Ensemble aus Basaltsteinen, von denen nur der mittlere als Bronzeplastik gestaltet wird. Die beiden flankierenden Steine dienen als Sitzgelegenheiten, von denen aus der Betrachter das Werk auf sich wirken lassen kann. Die Kosten belaufen sich pro Ensemble auf 7500 Euro inklusive Bronzeguss, Transport und Honorar. Zwei Steine sind bislang über Sponsoren finanziert.

Zwei weitere Steine sind in Vorbereitung. Sie erinnern an die Viehhändler Josef und Julius Jacob (geplanter Standort Brückstraße 1, im Bereich der jetzigen Grüneinfriedung an der evangelischen Stadtkirche) und an das Kaufhaus von Siegfried Bernhard (vorgesehener Standort Neustraße Ecke Friedrich-Ebert-Straße, Grünfläche vor der Santander-Bank).

Der Kölner Künstler Gunter Demnig wird die ersten 22 von über 100 „Stolpersteinen“ – auch sie erinnern an jüdische Naziopfer – am 7. Februar in Dinslaken verlegen. Alfred Grimm und der für das Projekt zuständige Kulturkreis Dinslaken warten mit der Übergabe der Mahnsteine bis zum nächsten Jahr. 2013 ist ein geschichtsträchtiges Jahr. Hitlers Machtübernahme jährt sich zum 80. Mal, die Pogromnacht zum 75. Mal. „Und 1993 wurde das jüdische Mahnmal im Stadtpark eingeweiht, erklärte Grimm. Der Bronzekarren hält die Erinnerung an die Vertreibung jüdischer Waisenkinder aus Dinslaken wach.

www.rp-online.de/dinslaken

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Mahnsteine: Arbeit geht voran

Erinnerungsstätten nehmen langsam Form an und sollen 2013 stehen

DINSLAKEN – Schon 2007 hatten Stadtarchivarin Gisela Marzin und Museumsdirektor Dr. Peter Theißen den Plan gefasst, plastische Gedenkstätten zu jüdischem Leben vor ausgewählte Dinslakener Häuser zu setzen. Ein Jahr später setzte sich Alfred Grimm an Entwürfe und Pläne…

Und die gedeihen immer weiter. Bis zum Herbst 2013, ein Jahr, in dem sich u.a Hitlers Machtergreifung (vor 80 Jahren) und die Reichspogromnacht (vor 75 Jahren) jähren, sollen die plastischen „Mahnsteine“ gestaltet und errichtet sein. Unter der Leitung der Beigeordneten Christa Jahnke-Horstmann ist die Projektentwicklung für das Gedenkjahr an einem runden Tisch koordiniert worden. Zusammen mit Kulturkreis, Stadt, Feuerwehr und Polizei sind bereits vier Standorte ausgewählt, an denen die Mahnsteine von Alfred Grimm aufgestellt werden können. Diese Mahnsteine sollen in lebendigen und sinnlich warnehmbaren Plastiken über den Wohnbereich ehemaliger jüdischer Bürger informieren und über deren Leben und Arbeit in der Stadt Auskunft geben. Begleitet werden die Plastiken von zwei Sitzsteinen, auf denen man die Kunstwerke in Ruhe auf sich wirken lassen. Die ersten zwei bronzenen Bekrönungen für die Berufe Putzmacherin und Installateur sind bereits gegossen. Die beiden anderen Modelle werden noch realisiert. Pünktlich zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ hat der Westdeutsche Rundfunk einen Bericht gedreht, der am Freitag, 27. Januar, zwischen 19.30 und 20 Uhr in der Lokalzeit läuft.

Mehr Informationen gibt es natürlich auch im Internet unter der Adresse: www.alfred-grimm.com.

2. August 2012, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Ein unbequemer Mahner

Vor 20 Jahren schuf Alfred Grimm mit einer großen Bronzeplastik eine zentrale Gedenkstätte für Nazi-Opfer in Dinslaken: Jetzt setzt der Künstler (69) seine Erinnerungsarbeit mit Mahnsteinen fort.

Von Ralf Schreiner

Niederrhein Alfred Grimm mag Skandale. Als der Künstler anlässlich einer Picasso-Ausstellung in Dinslaken einmal eine Rede halten sollte und sah, dass drei der Bilder auf dem Kopf hingen, stopfte er sich sein zehnseitiges Manuskript in den Mund, kaute darauf herum und spuckte es den Besuchern aus Protest vor die Füße. Der Eklat war perfekt.

Das Ereignis liegt über dreißig Jahre zurück. Vergessen ist es nicht. Wie könnte es das auch bei einem Künstler, der seit Beginn der 80er Jahren mit seinem Werk in Dinslaken und am Niederrhein derart präsent ist, wie Alfred Grimm. 1943 in Dinslaken geboren, studierte der Pädagoge von 1964 bis 1970 an der Kunstakademie Düsseldorf, unter anderem bei Karl Bobek und Joseph Beuys. 1981 begann es an überregionalen Ausstellungen teilzunehmen. Heute blickt Grimm auf 66 Einzelausstellungen in Deutschland und den Niederlanden sowie 120 Gemeinschaftsausstellungen unter anderem in Luxemburg, Frankreich, der Schweiz und den USA zurück.

Der Arbeitseifer des 69-jährigen ist enorm, Er malt, zeichnet, fertigt Objekte, Plastiken, Installationen. Grimm provoziert gerne; seine Gesellschaftskritik verpackt er in Kruzifix- und TV-Objekte, öltriefende Tortenstücke oder einen umgebauten gynäkologischen Stuhl. Hunderte und Aberhunderte von Arbeiten hat Grimm aus Alltagsschrott geschaffen, allesamt sperrig und oftmals raumgreifend; es ist Kunst, die sich niemand ins Wohnzimmer stellt, die aber gern in Museen, Galerien, in Kirchen und auf Kunstmessen zeigt wird. Etwas verbindlicher ist Grimms zeichnerisches und malerisches Werk – viele seiner Aquarelle, Pastelle, Acrylbilder und Bleistiftzeichnungen befinden sich in Privatbesitz. Im öffentlichen Raum ist der Künstler mit einer Reihe von Großplastiken präsent.

Als Alfred Grimms Mahnmal am 4. November 1993 im Dinslakener Rathauspark aufgestellt wurde, war dies für die Stadt ein Meilenstein. Der bronzene Leiterwagen, der an die Pogromnacht von 1983 erinnert, ist die zentrale Gedenkstätte für die Opfer der NS-Gräueltaten in Dinslaken. Jetzt setzt Alfred Grimm seine Erinnerungsarbeit fort. Er schafft vier Mahnsteine für die Dinslakener City. Die Bronzeplastiken sollen dort stehen, wo jüdische Bürger gelebt und gearbeitet haben.

Alfred Grimm arbeitet nicht abstrakt, Die Mahnsteine – gegossen werden sie in der Kunstgießerei Butzon und Bercker in Kevelaer – sollen ihre Botschaften anschaulich transportieren. Der erste Stein – er zeigt Hut, Handschuhe, einen Schal – erinnert an Hermann Eichengrün, der in Dinslaken ein Hutgeschäft betrieb. Die zweite Plastik – mit Wasserhahn und Abflussrohr – ist dem Installateur Julius Isaacson gewidmet. Beide Steine sollen im Oktober aufgestellt werden.

Zwei weitere sind in Arbeit – darunter der für die Viehhändler Josef und Julius Jacob. Das Wachsmodell zeigt einen dicken Strick, einen abgetrennten Kalbskopf, zwei kleine Kühe, einen Bullen, Messer, Geldbörse. Es steht in Grimms Atelier in Hünxe-Bruckhausen. Die 350 Quadratmeter große Halle, ein ehemaliger Tanzsaal, ist bis unters Dach vollgestopft mit Kunst. Tausende Zeichnungen lagern in Mappen, Schubladen und Schränke, viele Hunderte Objekte, verpackt und verschraubt in riesigen Holzkisten. Das Refugium ist zugleich ein riesiges Materiallager. In den Regalen stapeln sich unzählige Kistchen und Kästchen, Kartons und Schachteln, in denen Grimm all die Dinge aufbewahrt, von denen er glaubt, dass sie mal zu Kunst werden können: Haare, Operationsbesteck, Wiese, Damenschuhe, tote Vögel, Patronenhülsen, Bauklötze, Schädel, Schaufensterpuppen. Grimm hat den Zivilisationsmüll tonnenweise zusammengetragen. Was andere wegwerfen, dient ihm als Rohstoff für seine Arbeiten.

Manchmal wird daraus etwas ganz Großes. Das farbenprächtige Objektfenster, das der Künstler 1990 für die evangelische Kirche Unsere Arche in Hünxe-Bruckhausen geschaffen hat, belegt dies in eindrucksvoller Weise. Es ist das wohl einzige Kirchenfenster, bei dem die Gottesdienstbesucher auf Fliegendraht, Kohlebrocken, Plastikfische und tote Mäuse blicken.

20. Oktober 2012, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Zwei Mahnsteine für Dinslaken

Gestern wurden sie aufgestellt. Am Dienstag, 23. Oktober, wird der Künstler Alfred Grimm zwei seiner Mahnsteine zur Erinnerung an ehemalige Familien jüdischen Glaubens der Öffentlichkeit übergeben. Die Gedenkfeier findet in der Dinslakener Altstadt statt.

Von Ralf Schreiner

Dinslaken Drei kniehohe Basaltblöcke, einer trägt eine Bronzeapplikation – Handschuhe und Hüte –, die anderen laden zum Sitzen ein. Das Ensemble steht vor dem Haus Duisburger Straße 8. Es erinnert an die Putzmacherin Elly Eichengrün, die hier einmal gewohnt hat. Ein zweites Ensemble hat der Hünxer Künstler Alfred Grimm gestern vor dem Haus Eppinghovener Straße 3 in den Boden eingelassen. Der bronzene Wasserhahn und die Rohrzange stehen für den Installateur Julius Isaacson. Grimm wird die beiden Mahnsteine, die an ehemalige Familien jüdischen Glaubens erinnern, am Dienstag, 23.Oktober, ihrer Bestimmung übergeben. Die Gedenkfeier beginnt um 16.30 Uhr vor dem Haus Duisburger Straße 8, am Eingang zum Bürgerbüro.

Bronzeplastiken

Seit dem Mittelalter erstreckt sich die Neustraße östlich der Altstadt, seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist sie Geschäftsstraße und mit den anliegenden Straßen Zentrum der Kleinstadt. Eine Entwicklung, an der die Mitglieder der jüdischen Gemeinde einen bedeutenden Anteil hatten. Nun will Alfred Grimm mit einer Serie von Bronzeplastiken an das jüdische Geschäftsleben und Handwerk in Dinslaken erinnern, das nach 1933 in Vertreibung und Tod ein Ende fand.

Bereits 1993 schuf der Beuys-Schüler für den Platz vor dem Dinslakener Rathaus ein Mahnmal im Gedenken an die Kinder des ebenfalls an der Neustraße gelegenen jüdischen Waisenhauses. Eine schonungslose, verstörende Großplastik: Durch die ausgesparte Silhouette eines SS-Manns blickt man auf einen Leiterwagen voller Koffer und Schuhe. Das Denkmal war das erste seiner Art in Dinslaken, lange tat man sich dort mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit schwer. Zur Enthüllung des Mahnmals 1993 wurden dann auch ehemalige Dinslakener jüdischen Glaubens eingeladen. Eine Geste der Versöhnung. Die damals gewachsenen Kontakte bestehen bis heute, einige Juden kommen nun immer wieder gerne in die Stadt ihrer Kindheit zurück.

Auch arbeiten engagierte Dinslakener Bürger und Vereine seit einigen Jahren die Zeit des Nationalsozialismus und das Schicksal der jüdischen Bevölkerung systematisch wissenschaftlich auf und publizieren die Ergebnisse. Dabei wurde bewusst, wie tief verwurzelt die jüdische Gemeinde und die Geschäftswelt in Dinslaken war. Alfred Grimms Mahnsteine wollen dies sichtbar machen – als plastische Kunstobjekte, die zum Verweilen einladen.

2013 zwei weitere Steine

Zwei weitere Mahnsteine für die Viehhändler Julius und Josef Jacob und den Kaufhausbesitzer Siegfried Bernhard sollen bis 2013 realisiert sein, wenn Dinslaken an 80 Jahre „Machtergreifung“, 75 Jahre Pogromnacht und 20 Jahre Mahnmal am Rathaus gedacht wird.

Ein gemeinsames Projekt wider das Vergessen

Dinslaken (RP) Die offizielle Übergabe der Mahnsteine soll im Rahmen einer Gedenkfeier geschehen. Unter Federführung des Kulturkreises Dinslaken wird das Vorhaben, das ausschließlich von Sponsorengeldern finanziert wird, begleitet von der Projektgruppe „Wider das Vergessen“ unter Leitung der ersten Beigeordneten der Stadt Dinslaken Christa Jahnke-Horstmann, dem die beiden christlichen Kirchen, das Stadtarchiv, das stadthistorische Museum Voswinckelshof, die Israel-AG des Theodor-Heuss-Gymnasiums, der Ausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit des Kirchenkreises Dinslaken und die jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen angeschlossen sind. Die stellvertretenden Bürgermeister Thomas Groß und Margarete Humpert nehmen ebenfalls teil. Humpert wird in einer kurzen Ansprache auf den besonderen Anlass eingehen. Danach wird auch der Mahnstein vor dem Haus Eppinghovener Straße 3, vor der Weinhandlung Henneken am Altmarkt, der Öffentlichkeit übergeben.

Am Aufbau der Steine waren gestern auch der Duisburger Steinmetz Hans-Gerd Berns und der DIN-Service beteiligt. Alfred Grimm wird die Steine der Stadt Dinslaken überlassen, die ihrerseits die Haftpflichtversicherung und die Unterhaltung der Unikate übernimmt.

Info

Bronzetafeln

Jeder Mahnstein enthält einen Bronzerahmen mit Text, der über die jüdischen Familien Auskunft gibt, den Künstler und den jeweiligen Sponsor nennt. Der Mahnstein für Elly Eichengrün wurde mit Unterstützung der Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe, der für Julius Isaacson mit Unterstützung der Wohnbau realisiert.

24. Oktober 2012, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Bronze gegen das Vergessen

Der Künstler Alfred Grimm hat seiner Heimatstadt zwei Mahnsteine übergeben. Sie erinnern an ehemalige jüdische Mitbürger. Rabbiner Paul Moses Strasko nannte die Bronzeskulpturen „von unschätzbarem Wert“ für Dinslaken.

Von Ralf Schreiner

Dinslaken Die kleine Kröte ist leicht zu übersehen. Paul Moses Strasko, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Duisburg/Mülheim/Oberhausen entdeckte sie auf Anhieb. Alfred Grimm hat sie in die Bronzeskulptur eingearbeitet, die seit gestern vor dem Haus Eppinghovener Straße 8 an den Klempner und Installateur Julius Isaacson erinnert. „Sie steht für die Unkenrufe in der damaligen unseligen Zeit, die ungehört verhallten“, sagte der Rabbiner. Dann schickte er ein leises „Shalom“ hinterher. Das ist Hebräisch und bedeutet „Frieden“.

„Heute stehen wir auf der richtigen Seite“

Es war das richtige Wort, um eine Gedenkstunde zu beenden, die auf eindrucksvolle Weise deutlich machen sollte, wie Dinslaken heute mit seiner jüngeren Vergangenheit umgeht: würdig an die Opfer des Nazi-Terrors erinnernd, ohne die Rolle der Täter und Mitläufer zu verschweigen. Stellvertretende Bürgermeisterin Margarete Humpert hatte zuvor bei der Enthüllung des Mahnsteins für die Putzmacherin Elly Eichengrün vor dem Haus Duisburger Straße 3 der Opfer der Pogromnacht von 1938 gedacht. „Damals standen hier genau so viele Dinslakenerinnen und Dinslakener und sahen zu, wie die Nazis ihre jüdischen Mitbürger aus der Stadt und in den Tod jagten. Heute treffen wir uns auf der richtigen Seite.“ So wie bereits vor 19 Jahren bei der Einweihung von Alfred Grimms jüdischem Mahnmal im Stadtpark. Es habe die Zeit ohne Beschädigungen und ohne Schmierereien überstanden, sagte Humpert. Stattdessen hätten Unbekannte immer wieder Kerzen und Blumenschmuck abgelegt.

Kerzen flackerten auch gestern auf den Basaltsteinen der Mahnsteine. Margret Humpert betonte, wie wichtig es sei, dass Grimm mit seiner Kunst Erinnerungs- und Ruhepunkte in die Stadt bringe. Ebenso wie es gut und richtig sei, dass sich Dinslaken an der bundesweiten Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig beteilige und im Gedenken an ehemalige jüdische Bürger Stolpersteine verlege.

Das sah Alfred Grimm auch so. Stolper- und Mahnsteine „liefern wirkliches Material wider das Vergessen“, sagte er. Gemeinderabbiner Paul Moses Strasko wurde noch ein Stück konkreter. Mir seinen Skulpturen gebe Alfred Grimm den Menschen, die einmal hier gelebt haben, wieder Gesicht, Geist, Gegenwart und Stimme. „Diese beiden Mahnsteine sind von unschätzbarem Wert für die Opfer, ihre Familien und für uns, die wir hier leben.“

Info

Zwei weitere Steine

Zwei weitere Mahnsteine für die Kaufleute Anna und Siegfried Bernhard (Standort Neustraße Ecke Friedrich-Ebert-Straße, Grünfläche vor der Santander-Bank) und die Viehhändler Julius und Josef Jacob (Standort Brückstraße 1, vor der evangelischen Kirche) werden im März 2013 realisiert.

Erinnerung an zwei jüdische Familien

Dinslaken (ras) Alfred Grimm will seine Mahnsteine nicht als Ehrfurcht einflößende Denkmäler oder dokumentierende Stolpersteine verstanden wissen. Auch unauffällige Gedenktafeln hielt er nicht für den richtigen Weg, um zu zeigen, wie tief verwurzelt die jüdische Gemeinde und die Geschäftswelt in Dinslaken waren. Deshalb hat der Künstler seine Skulpturengruppen als plastische Kunstobjekte realisiert, die zum Verweilen einladen. Die Information kommt dennoch nicht zu kurz. In die Bronzeplastiken integriert sind gerahmte Texte mit biografischen Angaben zu den jeweiligen Personen, denen die Steine gewidmet sind. Mahnstein eins: „Familie Eichengrün, Duisburger Straße 8, Elly Kann, geb. 1888, Putzmacherin, verheiratet mit Hermann Eichengrün, geb. 1880, Kaufmann. 1941 Flucht über die Niederlande in die USA, 1942 wurde ihr Sohn Erwin in Auschwitz ermordet. Tochter Thea überlebte“. Mahnstein zwei: „Familie Isaacson, Eppinghovener Straße 4, Julius Isaacson, geb. 1875, Klempner und Installateur, verheiratet mit Selma Luhs, geb. 1878, 1940 Flucht nach Buenos Aires, Tod beider in den 1940er Jahren. Neun Kinder: Frieda und Paul starben in Dinslaken, Günter und Werner wurden im KZ ermordet, Hans, Ilse-Henriette, Kurt, Max und Otto überlebten.

24. Oktober 2012, NRZ » Originalartikel öffnen

Orte des Erinnerns

Die Mahnsteine von Alfred Grimm laden seit gestern zum Verweilen ein

Von Bettina Schack

Dinslaken. Hut und Handschuhe, Werkzeug und ein Wasserabflussrohr. Zwei Denkmäler fürs Handwerk auf den ersten Blick. Doch bei näherem Hinsehen zwei Mahnsteine an das dunkelste Kapitel auch der Dinslakener Geschichte. Die Symbole der Putzmacherin und des Installateurs nehmen Bezug auf konkrete Personen, die in der Duisburger Straße tätig waren, bis sie aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit vertrieben wurden. Gestern wurden die Mahnsteine für Elly Eichengrün und Julius Isaacson gegenüber der Stadtbibliothek bzw. auf der Eppinghovener Straße in einem kleinen Gedenkakt der Öffentlichkeit übergeben. Geschaffen hat die Bronzeplastiken Alfred Grimm. Sie sollen an das einst florierende jüdische Geschäftsleben in Dinslakens Zentrum erinnern.

„erinnern ist ein zentraler Bestandteil unserer Religion“, begann Paul Moses Strasko seine erste offizielle Amtshandlung als Rabbiner der jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen in Dinslaken, „die, die nicht mehr sind, sind ein unauslöschlicher Teil der Gemeinde“. Deshalb seien die Mahnsteine von unschätzbarem Wert für die Opfer, deren Angehörige und uns alle. Das Erinnern gebe den Menschen ein Gesicht. Elly Kann wurde 1888 geboren. Sie lernte das Handwerk der Putzmacherin und heiratete den acht Jahre älteren Hermann Eichengrün, einen Kaufmann. Im Hutgeschäft auf der Duisburger Straße fertigte sie Kreationen für die Dinslakenerinnen, bis die Nazis Arbeiten und Leben für die Juden in der Stadt unmöglich machten. 1941 floh sie über die Niederlande in die USA, 1942 wurde ihr Sohn Erwin in Auschwitz ermordet. Tochter Thea überlebte.

Julius Isaacson wurde 1875 geboren. Der Klempner und Installateur heiratete die drei Jahre ältere Selma Luhs. Neun Kinder gingen aus der Verbindung hervor. Frieda und Paul starben in Dinslaken, Günter und Werner wurden im KZ ermordet. Julius und Selma Isaacson gelang die Flucht nach Buenos Aires, wo sie kurz hintereinander noch im selben Jahrzehnt starben. Die weiteren Kinder Hans, Ilse-Henriette, Kurt, Max und Otto überlebten.

Wie wichtig es ist, an Einzelschicksalen von damals zu erinnern, da dies dazu führe, den Menschen zu sehen „und nicht den Juden, den Nazi, den Türken, den Amerikaner, den Kapitalisten oder den Hassprediger“ betonte die stellvertretende Bürgermeisterin Margarete Humpert.

Shalom und shalem

Nachdenklich stimmten auch die dem vorhergehenden Worte Humperts: Während Rabbiner Strasko Dinslaken als vorbildlich in der Erinnerungskultur aus allen Kreisen der Gesellschaft heraus lobte, fragte sie kritisch: „Aber wr will sagen, ob wir damals die Kraft und den Mut gehabt hätten, um auf der richtigen Seite zu stehen?“ Eine kleine Kröte in Abflussrohr erinnert an einst überhörte Unkenrufe.

Alfred Grimm zeichnete die Schritte zur Realisierung der Mahnsteine nach, bedankte sich beim Kulturkreis, der Projektgruppe Wider das Vergessen und den Sponsoren Sparkasse Dinslaken-Voerde-Hünxe und Wohnbau Dinslaken.

Die Wurzel des Wortes Shalom-Frieden liege im Hebräischen und bedeute „ganz sein / komplett machen“, so Paul Moses Strasko. Als Reinhardt Schmitz nach dem Friedenssegen „Shalom cheverim“ spielte, stimmten die Anwesenden spontan in das Lied ein.

24. Oktober 2012, Niederrhein Anzeiger » Originalartikel öffnen

Ja, die wohnten einmal hier…

Mahnsteine von Alfred Grimm erinnern an jüdisches Leben in Dinslaken

Seit dem Mittelalter erstreckt sich die Neustraße östlich der Altstadt, seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist sie Geschäftsstraße und mit den anliegenden Straßen Zentrum der Kleinstadt. Eine Entwicklung, an der die Mitglieder der jüdischen Gemeinde einen bedeutenden Anteil hatten. Nun will Alfred Grimm mit einer Serie von Bronzeplastiken an das jüdische Geschäftsleben und Handwerk in Dinslaken erinnern, das nach 1933 in Vertreibung und Tod ein Ende fand.

Bereits 1993 schuf der Beuys-Schüler für den Platz vor dem Dinslakener Rathaus ein Mahnmal im Gedenken an die Kinder des ebenfalls an der Neustraße gelegenen jüdischen Waisenhauses. Eine schonungslose, verstörende Großplastik: Durch die ausgesparte Silhouette eines SS-Manns blickt man auf einen Leiterwagen voller Koffer und Schuhe. Das Denkmal war das erste seiner Art in Dinslaken, lange tat man sich dort mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit schwer.

Zur Enthüllung des Mahnmals 1993 wurden dann auch ehemalige Dinslakener jüdischen Glaubens eingeladen. Eine Geste der Versöhnung. Die damals gewachsenen Kontakte bestehen bis heute, einige Juden kommen nun immer wieder gerne in die Stadt ihrer Kindheit zurück.

Auch arbeiten engagierte Dinslakener Bürger und Vereine seit einigen Jahren die Zeit des Nationalsozialismus und das Schicksal der jüdischen Bevölkerung systematisch wissenschaftlich auf und publizieren die Ergebnisse. Dabei wurde bewusst, wie tief verwurzelt die jüdische Gemeinde und die Geschäftswelt in Dinslaken war. Alfred Grimms Mahnsteine wollen dies sichtbar machen – als plastische Kunstobjekte, die zum Verweilen einladen.

Unter Federführung des Kulturkreises Dinslaken wird das Vorhaben, das ausschließlich von Sponsorengeldern finanziert wird, begleitet von der Projektgruppe „Wider das Vergessen“ unter Leitung der ersten Beigeordneten der Stadt Dinslaken Christa Jahnke-Horstmann. Die beiden christlichen Kirchen, das Stadtarchiv, das stadthistorische Museum Voswinckelshof, die Israel-AG des Theodor-Heuss-Gymnasiums, der Ausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit des Kirchenkreises Dinslaken und die jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen sind angeschlossen.

Hintergrund

In Bronze gegossene Handschuhe für die Putzmacherin Elly Eichengrün – Wasserhahn und die Rohrzange stehen für den Installateur Julius Isaacson erinnern an die ehemaligen Bewohner. Flankiert werden die Mahnsteine aus Basalt mit ihren Bronzeapplikationen von jeweils zwei kniehohen Sitzsteinen. Zwei weitere Mahnsteine für die Viehhändler Julius und Josef Jacob und den Kaufhausbesitzer Siegfried Bernhard sollen bis 2013 realisiert sein, wenn Dinslaken an 80 Jahre „Machtergreifung“, 75 Jahre Pogromnacht und 20 Jahre Mahnmal am Rathaus gedacht wird.

Fotos der feierlichen Einweihung durch Bürgermeisterin Margarethe Humpert finden Sie auf unserer Internetseite unter: lokalkompass.de/222569

19. März 2013, NRZ » Originalartikel öffnen

Kalbskopf und Küchenschrank

Alfred Grimm erinnert mit zwei weiteren Mahnsteinen an das Kaufhaus von Siegfried Bernhard und an die Viehhändler Julius und Josef (Bernhard) Jacob. Sie wurden von den Nazis ermordet.

Von Bettina Schack

Dinslaken. Ein Küchenschrank, ein Bett, eine Kaffeetasse. Die ersten beiden zu Modellen verkleinert, letztere neben Häkeldeckchen in Originalgröße. Sie erinnern an das, was die Dinslakener einst im ersten Kaufhaus der Stadt lange vor dem Bau der Hertie-Filiale erwerben konnten. Und an die, die dieses Geschäft betrieben: Siegfried Bernhard und seine Ehefrau, ermordet in Auschwitz. Dem Jahre 2013 mit seinen traurigen Gedenktagen an die Machtergreifung der NSDAP vor 80 Jahren und der Pogromnacht vor 75 Jahren steht die zweite große Übergabe von Kunst, die mit ihrem Aussagegehalt das Gesicht der Stadt verändert, bevor.

Zwei Mahnsteine für die Putzmacherin Elly Eichengrün und den Installateur Julius Isaacson, wurden bereits im letzten Jahr auf der Duisburger Straße im Bereich der Wasserspiele und am Eingang der Eppinghovener Straße aufgestellt.

Nun folget der Mahnstein für Siegfried Bernhard vor seinem einstigen Kaufhaus an der Neustraße Ecke Friedrich-Ebert-Straße. – heute eine Bank, und ein weiterer neben der Ev. Stadtkirche in Gedenken an die Vettern Julius und Josef Jacob, die mit ihren Familien auf der Brückstraße 1 bzw. der Duisburger Straße 7 lebten.

Künstlerische Zeichen

Auf dem ersten Blick ein typischer, weil mit drastischen Mitteln provozierender Grimm: ein abgeschlagener Kalbskopf, daneben das große Fleischermesser und deine Börse mit Münzen. Aber genau das war es, was Dinslaken um die Jahrhundertwende vor der Industrialisierung groß gemacht hat: Julius und Josef Jacob gehörten zu den vielen Viehhändlern, die Dinslaken zum größten Umschlagplatz der Region machten. Die beiden Vettern teilten sich ihr Verbreitungsgebiet auf: Der eine bediente den rechten, der andere den linken Niederrhein.

Julius war der ältere der Vettern. Er wurde 1887 geboren, heiratete die 12 Jahre jüngere Frieda Coppel. Das Ehepaar und ihre 1911 geborene Tochter Elisabeth wurden in Riga und Stutthoff ermordet, den Kindern Fritz (Jahrgang 1913) und Trude (Jahrgang 1919) gelang getrennt voneinander in den Jahren 1937 und ’38 die Flucht nach Uruguay. Josef Jacob, Jahrgang 1983, seine 1896 geborene Frau Amanda Gompertz und die gesamte Familie des Ehepaars wurden 1941 nach Litzmannstadt (Lodz) deportiert und ermordet.

Mit den Mahnsteinen setzt Alfred Grimm nach seinem vor 20 Jahren errichteten Mahnmal am Platz d´Agen weitere zur Auseinandersetzung mit der Geschichte auffordernde künstlerische Zeichen in der Innenstadt von Dinslaken.

Unterstützung fand das Projekt bei der Arbeitsgruppe „Wider das Vergessen“, den beiden christlichen Kirchen, dem Museum, dem Stadtarchiv, der Israel AG und bei den privaten und institutionellen Spendern, die dessen Verwirklichung erst finanziell möglich machten.

ÜBERGABE AM 20. MÄRZ

Alfred Grimm übergibt am Mittwoch, 20. März, um 16.30 Uhr der Stadt die Mahnsteine für die Familien Bernhard und Jacob. Bronzeplastiken, die ganz anschaulich und individuell auf Leben und Arbeit jüdischer Mitbürger vor 1933 eingehen und flankiert von zwei Sitzsteinen zum Verweilen einladen.

20. März 2013, Niederrhein Anzeiger » Originalartikel öffnen

Erinnern und Mahnen

Alfred Grimm bei der Aufstellung seines vierten „Mahnsteins gegen das Vergessen“ der Naziopfer.

DINSLAKEN. Heute um 16.30 Uhr übergibt der Dinslakener Künstler im Beisein vieler Ehrengäste den Gedenkstein an die Viehhändler Julius und Joseph Jacob der Stadt. Er soll – 80 Jahre nach der Machtergreifung durch die Nazis – an die einst blühende jüdische Gemeinde hier erinnern. Ausführliche Informationen finden Sie im lokalkompass.de 275648.

21. März 2013, NRZ » Originalartikel öffnen

Mahnsteine enthüllt

Plastiken von Alfred Grimm erinnern an zwei jüdische Familien in Dinslaken

Von Bettina Schack

Dinslaken. Der Schneeregen rieselt auf den verhüllten Mahnstein von Alfred Grimm an der Friedrich-Ebert-Straße Ecke Neustraße. Ein trauriger, einsamer Anblick.

Die Menschen, die sich an diesem trüben Mittwochnachmittag versammelt haben, um die Enthüllung dieses Mahnsteins und einem weiteren auf der Brückstraße neben der evangelischen Stadtkirche beizuwohnen, haben sich zunächst ins Trockene verzogen. Im Bürgerbüro gegenüber wurde improvisiert und die Lautsprecheranlage aufgebaut.

Drinnen herrscht einiges Gedränge. Im Gedenkjahr 2013 ist die Anteilnahme an jedem weiteren Beitrag zur Erinnerungskultur groß. Und ebenso groß ist der Kreis derjenigen, die sich seit Jahren unermüdlich für diese Kultur einsetzen.

Stella Seitz und Michael Lex spielen Klezmerklänge auf Violine und Akkordeon, die Schola Spiritus Sancti singt dazu einen Text aus dem Alten Testament. Margarete Humpert verweist in ihrer Ansprache als stellvertretende Bürgermeisterin nicht nur auf die Enthüllungen der ersten beiden Mahnsteine im letzten Oktober, sondern auf die inzwischen vielen Zeugnisse jüdischen Lebens und dessen Verfolgung im Dinslakener Stadtgebiet. „Alle, die mit offenen Augen durch die Stadt gehen, können diese Spuren der Erinnerung sehen.“

„Sinnlich und erkennbar“

Humpert dankte den privaten und institutionellen Spender und Sponsoren der Mahnsteine ebenso wie denen, die sich ehrenamtlich für das Gedenken einsetzen. Generationsübergreifend.

Magdalene Schwan-Storost spricht als Vorsitzende des Kulturkreises Dinslaken, der das Projekt Mahnsteine abwickelte. Die Biografien der Familien, denen die neuen Mahnsteine gewidmet sind, verlesen Mitglieder der Israel-AG. Siegfried Bernhard führte bis 1935 das erste Dinslakener Kaufhaus, in dem man laut Werbung der 20ger Jahre die komplette Aussteuer und Wohnungseinrichtung erwerben konnte. Die Vettern Julius und Josef Jacob waren Viehhändler. „Familien, die maßgeblich zum Wohlstand Dinslakens zu Beginn des 20 Jahrhundert beigetragen haben.“, so Margarete Humpert. Ermordet in Auschwitz, Riga, Stutthoff und Lodz.

Wie mache ich Geschichte greifbar? Alfred Grimm sprach über seine künstlerische Herangehensweise. „Sinnlich und erkennbar sollen die Objekte von der Lebenswirklichkeit Zeugnis geben.“

Dann ging es hinaus in die Kälte. Die Mahnsteine wurden enthüllt. An der Brückstraße endete die Feierstunde mit einem Gebet um Gottes Segen von Michael Rubinstein von der jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen.

WEG DER ERINNERUNG

Von Alfred Grimms Mahnmal und Mahnsteine, über die Stolpersteine und die Gedenktafel für das jüdische Waisenhaus bis zu den Gräbern für Fremd- und Zwangsarbeiter und dem jüdischen Friedhof. Die Stätten gegen das Vergessen in Dinslaken sind zahlreich. „Damit ist der Weg der Erinnerung in unserer Innenstadt wieder reicher und aussagekräftiger, so Margarete Humpert. Sie regte in der Feierstunde an, alle Gedenkorte gemeinsam in einem „Weg der Erinnerung“ ähnlich der historischen Stadtführungen und dem Skulpturenweg in Rundgängen mit Faltblättern oder einer App für Smart-phones erfahrbar zu machen.

21. März 2013, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Mahnsteine mit Messer und Kaffeepott

Der Künstler Alfred Grimm hat Dinslaken zwei weitere Plastiken übergeben. Sie erinnern an den Kaufhausbesitzer Siegfried Bernhard und die Viehhändler Julius und Josef Jacob – jüdische Bürger, die von den Nazis ermordet wurden.

Von Ralf Schreiner

Dinslaken Heftiger Schneeregen, die Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt – nicht das beste Wetter, um Kunst im öffentlichen Raum zu enthüllen. Zur Übergabe der beiden Mahnsteine von Alfred Grimm waren gestern trotzdem gut 60 Interessierte gekommen. Um sie vor den Wetterkapriolen des Dinslakener Frühlings zu schützen, hatte der Künstler die Feierstunde kurzerhand ins Bürgerbüro verlegt.

„Der Weg der Erinnerung ist ein Stück reicher geworden“

Margarete Humpert
Stellvertretende Bürgermeisterin

Wie bereits bei der Enthüllung der beiden Mahnsteine für die Putzmacherin Elly Eichengrün und den Klempner Julius Isaacson im Oktober, fiel erneut der erneut der stellvertretenden Bürgermeisterin Margarete Humpert die Aufgabe zu, über die Bedeutung der Bronzeskulpturen zu sprechen. „Der Weg der Erinnerung in Dinslaken ist ein Stück reicher und aussagekräftiger geworden.“ Überall in der Stadt finde man mittlerweile Haltepunkte, die jüdisches Leben dokumentieren. „Wer mit offenen Augen durch unsere Stadt geht, kann die Spuren der Erinnerungen deutlich sehen.“

Auch die beiden neuen Plastiken – sie sind als dreiteilige Basaltsteinensembles ausgestattet, der mittlere Stein trägt jeweils eine Bronzekrone – sollen keine Ehrfurcht einflößende Denkmäler sein. Sie sollen die Erinnerung an die ehemalige blühende jüdische Gemeinde in Dinslaken wachhalten. Alfred Grimm hat eine “optisch griffige Lösung“ finden wollen, sagte er den im Schneeregen frierenden Menschen. Der dritte und der vierte Mahnstein geben Auskunft über die Viehhändler Julius und Josef Jacob und den Kaufhausbesitzer Siegfried Bernhard.

Zunächst aus Wachs geformt, dann in Bronze gegossen, führt der Künstler plastisch vor Augen, was man bei Siegfried Bernhard, der das größte Kaufhaus in Dinslaken vor dem zweiten Weltkrieg betrieb, erwerben konnte: Schränke, Tücher, Betten und Geschirr, also vollständige Haushaltseinrichtungen. Die Aufstellung dieses Ensembles erfolgte genau neben dem ehemaligen Kaufhaus an der Friedrich-Ebert-Straße, in der sich heute die Filiale der Santander-Bank befindet.

Die vierte Mahnsteingruppe steht neben der Evangelischen Stadtkirche an der Brückstraße, genau gegenüber dem Haus, aus dem die beiden Viehhändler Julius und Josef Jacob in der Pogromnacht vertrieben wurden. Die beiden waren Vettern. Der eine betrieb Handel am rechten, der andere am linken Niederrhein. Plastisch-sinnlich können Betrachter auch bei dieser Plastik sehen, worum es geht: Ein abgetrennter Kalbskopf, ein Viehstrick und ein Messer weisen auf das Tier hin, „das zur Schlachtbank geführt wurde“, erklärte Grimm. Auf den Viehhandel der beiden Vettern deutet eine Geldbörse und entsprechendes Zahlungsmittel hin.

Margarete Humpert war von den Kunstwerken beeindruckt. Sie lobte das „vorbildliche“ Engagement der Dinslakener. Die Mahnsteine sind ausschließlich über Sponsorengelder finanziert. Die Stadt hat lediglich bei der Verankerung der Plastiken geholfen. Humpert regte an, für diesen „Weg der Erinnerung“, zu dem auch das von Alfred Grimm 1993 im Stadtpark enthüllte Mahnmal gehört, ein Informationsblatt mit Erklärungen und Fakten zur Historie aufzulegen. Damit alle, die diesen Weg ablaufen wollen, die Zeichen jüdischen Lebens, denen sie begegnen, richtig zu deuten verstehen.

DIE STANDORTE

Ein Kaufhausbesitzer und zwei Viehhändler

Der dritte Mahnstein (Standort Neustraße Ecke Friedrich-Ebert-Straße) erinnert an Siegfried Bernhard, der an der Neustraße 70 das größte Kaufhaus Dinslakens vor dem zweiten Weltkrieg betrieb. Er wurde mir seiner Ehefrau nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Der vierte Mahnstein (Standort vor der Evangelischen Stadtkirche) erinnert an die Familien Julius und Josef Jacob. Sie lebten an der Brückstraße und der Duisburger Straße 7. Julius Jacob war verheiratet mit der 12 Jahre jüngeren Frieda Coppel. Die Eheleute und Tochter Elisabeth wurden in Riga und Stutthoff ermordet. Sohn Fritz und Tochter Trude flohen nach Uruguay. Josef Jacob war verheiratet mit Amanda Gompertz, geboren 1896). Alle Familienmitglieder wurden 1941 nach Litzmannstadt (Lodz) deportiert und ermordet.

27. März 2013, Stadtpanorama » Originalartikel öffnen

„Ja, die wohnten einmal hier“

Die Mahnsteine von Alfred Grimm erinnern und mahnen in Dinslaken

DINSLAKEN – Seit dem Mittelalter erstreckt sich die Neustraße östlich der Altstadt, seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist sie Geschäftsstraße und mit den anliegenden Straßen Zentrum der Kleinstadt. Eine Entwicklung, an der die Mitglieder der jüdischen Gemeinde einen bedeutenden Anteil hatten.

Bereits 1993, als viele deutsche Städte noch gar nicht an solch eine intensive Aufarbeitung ihrer Geschichte dachten, schuf der Beuys-Schüler Grimm (geb. 1943) für den Platz vor dem Dinslakener Rathaus ein Mahnmal im Gedenken an die Kinder des ebenfalls in der Neustraße gelegenen jüdischen Waisenhauses. Am 11. Oktober 1938 brannte in Dinslaken, wie in fast allen Städten in Deutschland mit einer großen jüdischen Gemeinde, die Synagoge. Der Hünxer Künstler Grimm entwarf eine schonungslose, ja verstörende Großplastik: Durch die ausgesparte Silhouette eines SS-Manns blickt man auf einen Leiterwagen voller Koffer, Kleidung, Schuhe und Knochenresten. Das Denkmal von Alfred Grimm erinnert direkt an diesen „Judenzug“. Das war die erste, frühe Erinnerungsstätte in Dinslaken. Zu Enthüllung des Mahnmals 1993 wurden damals aus aller Welt viele ehemalige jüdische Bürger Dinslakens eingeladen, diesem Festakt beizuwohnen. Seit einigen Jahren arbeiten engagierte Dinslakener Bürger, Historikerinnen und Vereine die Zeit des Nationalsozialismus und das Schicksal der jüdischen Bevölkerung systematisch wissenschaftlich auf und publizieren die Ergebnisse. Dabei wurde mehr und mehr bewusst, wie tief verwurzelt die jüdische Gemeinde und die Geschäftswelt in Dinslaken war. Nun soll die Erinnerung an diese ehemalige, blühende jüdische Gemeinde wieder im Stadtbild mit Hilfe von Kunstwerken sichtbar werden. Deshalb wurde Alfred Grimm ein neues Projekt angetragen. Geplant sind Erinnerungen die an die jüdischen Bürger von einst in ihrem beruflichen Kontext. Seine Mahnsteine wollen jüdische Bürger und deren berufliche Welt sichtbar machen. Rat und Verwaltung der Stadt Dinslaken sind im Rahmen des Projekts „Wider das Vergessen“ unter Leitung der ersten Beigeordneten Christa Jahnke-Horstmann in das Vorhaben eingebunden. Die beiden christlichen Kirchen, das Stadtarchiv, das Museum und die Israel-AG des Theodor-Heuss-Gymnasiums unterstützen die Mahnsteine. Der Ausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit des Kirchenkreises und die jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen beteiligen sich an dem Vorhaben. Das Projekt wird vom Kulturkreis Dinslaken mit der neuen Vorsitzenden Magdalene Schwan-Storost betreut und vertraglich abgewickelt.

30. März 2013, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Kunst mit Kopf, Herz und Hand

Der Hünxer Künstler Alfred Grimm glaubt, dass sich in der Kirche ein Wandel vollzieht.

„Der, der mit seinen Händen arbeitet, ist ein Arbeiter. Der, der mit seinen Händen und seinem Kopf arbeitet, ist ein Handwerker. Der, der mit seinen Händen, deinem Kopf und seinem Herzen arbeitet, ist ein Künstler.“

Hünxe Es mutet doch seltsam an, dass einem evangelischen Christen die Bitte um eine persönliche Stellungnahme zu einem neuen Papst herangetragen wird. Als Schüler am Dinslakener Gymnasium bin ich oft und gerne in den katholischen Gottesdienst gegangen. Vielen katholischen Klassenkameraden wäre es aber nie in den Sinn gekommen, überhaupt die Schwelle einer evangelischen Kirche zu überschreiten. Sie hätten ihr Seelenheil in Gefahr gebracht.

Allein aus dieser Vorbemerkung wird doch schon der große Wandel sichtbar, der in den vergangenen Jahrzehnten im Zusammenleben der Christen eingetreten ist. Der obige Ausspruch des Heiligen Franz von Assisi ist für meine künstlerische Ausbildung umfassend gültig.

Aus den Studienreisen nach Italien und aus Abbildungen und Texten der Kunstgeschichte sind meiner Frau und mir die Fresken von Giotto bekannt, die das Leben des Heiligen Franz von Assisi in einer Serie mit einer neuartigen Bildsprache darstellen.

Die nach traditionellen Regeln erstellten, stilisierten, mittelalterlichen Darstellungen werden von diesem begnadeten Künstler Giotto (1266–1337) aufgebrochen. Ein natürlicher Bildaufbau wird mit einem organischen Tiefenraum verbunden. Die plastisch wiedergegebenen Menschen handeln lebendig, gefühlsbetont und ungekünstelt. Hier ergeben sich unglaubliche Parallelen. Giottos revolutionäre Sicht auf die Welt entspricht genau der neuen, einfachen, völlig prunklosen Lebensform der Mönche des neu gegründeten Franziskanerordens. Offensichtlich will nun der brasilianische Papst Franziskus mit der Annahme des Namens vom Heiligen Franz an diese Tradition anknüpfen, Verhärtungen und Verkrustungen im kirchlichen Aufbau lösen und eine vorsichtige Wandlung und Wendung zu einer weltoffeneren Kirche anstreben. Dass er mit diesem Versuch auf eine erbitterte Gegnerschaft innerhalb des vatikanischen und des strengen, traditionellen, erzkatholisch ausgerichteten Klerus treffen wird, ist wohl vorherzusehen.

Optimistisch könnte ich sein, wenn ich – wahllos herausgegriffen – an die Erfolge des II. Vatikanischen Konzils denke, oder an die unvorhergesehene, völlig überraschend erfolgte deutsche Wiedervereinigung. Hier kamen offensichtlich weltpolitische Grundstimmungen, persönliches, machtpolitisches, mutiges Handeln und vielleicht auch das Wehen des Hegelschen Weltgeistes zusammen. Könnte das nicht auch auf die geschichtliche Epoche und den Wirkungskreis des neuen Papstes zutreffen, wenn es gelingen sollte, dass Hände, Kopf und Herz sinnvoll zusammenarbeiten?

Ein Grundton anderer skeptischer Weltsicht kam nach der Papstwahl neulich in einem Gespräch unter Kollegen auf. Es wurde die Frage in die Runde gestellt, ob jemand wisse, wie lange eigentlich der als „der lachende Papst“ in die Kirchengeschichte eingegangene Pontifex im Amt war, bevor er tot in seinem Bett aufgefunden wurde? Keiner wusste es. Keiner schaute auf einem iPhone nach. War das ein gutes Zeichen?

ALFRED GRIMM

20. September 2013, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Auf den Spuren des jüdischen Großvaters

Aus Buenos Aires reiste Eva Leschinski mit ihrem Ehemann Lutz an, um die Mahnsteine des Künstlers Alfred Grimm anzusehen. Sie ist die Enkelin des jüdischen Klempners Julius Isaacson, der von Dinslaken nach Argentinien floh.

VON FLORIAN LANGHOFF

Dinslaken Es war eigentlich alles ein Zufall. Bei Recherchen im Internet stieß der Neffe von Eva Leschinski auf den Mahnstein von Julius Isaacson. Alfred Grimm hatte ihn im vergangenen Jahr geschaffen und auf der Eppinghovener Straße aufstellen lassen. Er ist einer von insgesamt vier Plastiken, mit denen der Künstler die Erinnerung an die ehemalige blühende jüdische Gemeinde in Dinslaken wachhalten will. Dieser, wie auch die anderen drei Steine in der Dinslakener Innenstadt erinnern an Juden, die hier gelebt und gearbeitet haben, bevor die Nazis sie vertrieben oder ermordeten.

„Meine Nachkommen sollen wissen, wo ihre Familie herkommt.“

Eva Leschinski

„Alfred Grimm hat mir einen Link geschickt, und ich habe mich immer weiter durch die Seite geklickt, bis ich ihm schreiben konnte“, erzählt die 71-jährige. Mit dem Kontakt zum Künstler reifte der Entschluss der Enkelin von Julius Isaacson, selbst aus der argentinischen Hauptstadt nach Dinslaken zu reisen, um sich die ihrem Großvater gewidmeten Skulptur aus Bronze und Stein anzusehen.

„Ich möchte das nicht nur für mich selbst machen, sondern auch Fotos mitbringen, damit ich die Geschichte dieses Kunstwerks meinen Kindern erzählen kann“, sagt Eva Leschinski. „Meine Nachkommen sollen wissen, wo ihre Familie herkommt.“ Sie selbst kannte ihren Großvater nicht. Im Februar 1940 floh er nach Argentinien. 1944 starb er in Buenos Aires.

Dorthin war 1936 schon sein Sohn Max, der Vater von Eva Leschinski geflohen. „Es war nicht möglich, alle Geschwister aus Deutschland wegzubringen“, erklärte die Isaacson-Enkelin. Während ihr Vater und ihre Onkel Otto und Kurt nach Argentinien flüchten konnten, kamen die Isaacson-Kinder Werner, Hans, Günter und Ilse-Henriette in Konzentrationslager. Nur Hans und Ilse überlebten dort.

„Ich selbst habe keine Erinnerungen an die Kriegsjahre, wie die meisten Menschen meiner Generation“, erklärte Eva Leschinski. Die Dinslakener Vergangenheit ihrer Familie, die sich in den Plastiken von Alfred Grimm spiegelt, interessiert sie trotzdem. Gemeinsam mit dem Bruckhausener Künstler steht sie vor den Werken, stellt Fragen nach deren Entstehungsgeschichte und möchte genau wissen, was sich Grimm bei den einzelnen Objekten gedacht hat. Der gibt gerne Auskunft.

Die 71-jährige saugt die Worte des Künstlers auf, betrachtet durch ihre dunkle Sonnenbrille genau die Ensembles aus Bronze und dunklem Basalt, liest die wenigen Sätze auf der Texttafel, die an ihren Großvater Julius, dessen Ehefrau und Kinder erinnern. Ehemann Lutz greift immer wieder zur Kamera und fotografiert die Objekte. „Ich möchte das genau so an meine Kinder weitergeben“, sagt Eva Leschinski. Große Gefühlsausbrüche gibt es beim Anblick der Mahnsteine allerdings nicht. Die hat sie schon hinter sich. „Als ich die Bilder des Mahnsteins zum ersten Mal im Internet gesehen habe, war ich überwältigt“, erklärte die 71-jährige.

ALFRED GRIMM

Skulpturen erinnern an Juden in Dinslaken

Leiterwagen Bereits 1993 schuf Alfred Grimm das Mahnmal im Dinslakener Stadtpark. Es erinnert an die jüdischen Familien in der Stadt und die jüdischen Kinder im Waisenhaus.

Vier Mahnsteine, die an jüdische Bürger erinnern, schuf Grimm im vergangenen Jahr. Sie sind Teil des Dinslakener Skulpturenweges.

28. September 2013, NRZ » Originalartikel öffnen

Auf den Spuren der Familiengeschichte

Eva Leschinski aus Argentinien besuchte mit Ehemann Lutz die Heimat ihres Großvaters Julius Isaacson

Dinslaken. Es war eine Reise in die eigene Vergangenheit für Eva Leschinski aus Argentinien, in eine unbekannte Vergangenheit. Denn die 71-jährige mit dem Geburtsnamen Isaacson ist die Enkelin von Julius Isaacson, der bis 1940 mit Frau Selma und Familie in Dinslaken lebte und als Klempner arbeitete – bis das Paar vor dem Nazi-Terror gegen jüdische Einwohner fliehen musste. Eva Leschinski hat ihre Großeltern, die einige Jahre nach der Flucht starben, nicht mehr kennengelernt. Aber sie hat erfahren, dass ein Künstler namens Alfred Grimm einen Mahnstein entworfen hat und kam mit ihrem Mann Lutz nach Dinslaken, um die Spuren ihrer Familiengeschichte zu besichtigen. “Hier in Dinslaken ist etwas Großes und ganz Wichtiges zum Verständnis der deutschen und jüdischen Geschichte entstanden“, urteilte sie bei ihrem Besuch.

Das Ehepaar Leschinski lebt in Buenos Aires. Eva arbeitet als Übersetzerin. Lutz (74) hat lange für einen spanischen Konzern gearbeitet. Beide sprechen perfekt Deutsch. So war die Verständigung mit Barbara und Alfred Grimm in Dinslaken kein Problem.

Auf dem Mahnstein an der Eppinhovener Straße ist die Geschichte der Familie Isaacson in kurzen Worten dargestellt. Julius, geboren 1875, und seine Frau Selma Luhs (1878) hatten neun Kinder. Max, Evas Vater floh zuerst nach Argentinien, 1940 folgten ihm seine Eltern. „Für die anderen war es zu spät geworden. Man durfte nicht mehr ausreisen“, weiß Eva Leschinski. Kurt und Otte schafften es doch noch nach Argentinien zu gelangen. Vier Geschwister kamen ins Konzentrationslager. Zwei von ihnen, Günter und Werner, verloren dort ihr Leben.

„Wir sind extra nach Dinslaken gekommen, um diese Momente festzuhalten“

Eva Leschinski aus Buenos Aires

Bei ihrem Rundgang durch Dinslaken besichtigte das Ehepaar aus Argentinien auch das Mahnmal im Stadtpark und staunte über dessen Größe. Barbara und Alfred Grimm erzählten über die Entstehung im Rahmen eines Wettbewerbs 1982. Besonders beeindruckend fanden die Gäste das Durchbrechen des Leiterkarrens durch die Wand und die negative Gestalt des Ordnungshüters.

Gräber von Verwandten entdeckt.

Ein bewegender Moment war der Besuch des Mahnsteins für die Familie Isaacson in der Altstadt. Gegenüber der Weinhandlung steht das Haus, in dem Julius Isaacson sein Geschäft geführt hat. Beide Besucher berührten vorsichtig die Bronzeteile des Mahnsteins und die unkende Kröte. Viele Fotos wurden gemacht. „Wir sind extra nach Dinslaken gekommen, um diese Momente festzuhalten. So können wir unseren Kindern und Enkeln von diesen Kunstwerken berichten und sie können etwas von ihrer Herkunft und ihrer Geschichte erfahren“, erklärten sie. Das Ehepaar besichtigte auch die anderen Mahnsteine sowie die Orte, an deren sich früher das Waisenhaus und die Synagoge befanden. Beim Betreten des jüdischen Friedhofs erlebten sie eine freudige Überraschung: Eva Leschinski entdeckte dort die Grabsteine von drei Verwandten. Ihr Mann Lutz dokumentierte alles mit dem Fotoapparat für die Familie daheim. Insgesamt zwölf Stunden verbrachten die Leschinskis in Dinslaken, bevor sie zu Bekannten nach Hamm und später nach Berlin weiterreisten.

Nicht nur die Besucher auch die Gastgeber Barbara und Alfred Grimm waren sehr beeindruckt von dem Tag. “Von Anfang an entwickelte sich zwischen uns ein herzliches, offenes und unkompliziertes Verhältnis“, berichtete Alfred Grimm.

Eva Leschinski und ihr Mann haben den Lieben daheim viel zu erzählen. Von der eigenen Vergangenheit, die sie jetzt ein Stück besser kennen.

rme