Dinslakener Mahnmal

05. November 1993, Rheinische Post

Alfred Grimms Mahnmal steht seit gestern im Stadtpark

Begeisterung und skeptische Blicke

Dinslaken. Alfred Grimms „Judenkarren“ ist in Dinslaken eingetroffen. Das Mahnmal zur Erinnerung an die Reichsprogromnacht am 10. November 1938 „schwebte“ gestern morgen per Kran im Stadtpark ein. Kaum hatte es der Bruckhausener Künstler auf den Betonsockel dirigiert und vom Haken genommen, sammelten sich auch schon Schaulustige. Skeptische Blicke hier und dort, Staunen, Gespräche, spontane Begeisterung und Schulterklopfen für Alfred Grimm. Der nahm die ersten Glückwünsche für seine mehrteilige Bronzeskulptur zufrieden und auch ein wenig erleichtert entgegen.

Greueltaten wachhalten

„Phantastisch, hervorragend“, begeisterte sich ein Passant, während er immer und immer wieder auf den Auslöser seiner Kamera drückte. „Aber das gibt Ärger.“ Wenn er mit Ärger kontroverse Diskussionen meint, dann liegt dies ganz in der Absicht des Künstlers. „Dann hat das Mahnmal seinen Zweck erfüllt“, stellte Grimm fest. Über die Verbrechen der Nazis an den früher in Dinslaken lebenden Juden soll gesprochen werden. Auch heute noch 55 Jahre nach der schrecklichen Nacht, in der die Synagogen brannten. Denn nur das Wachhalten dieser Greueltatel verhindert, dass sie vergessen werden.

Daß diese Art von Vergangenheitsbewältigung unbequem ist, bestreiten weder der Künstler noch die Evangelische Kirchengemeinde, das Dekanat oder die Stadt Dinslaken, die das Mahnmal gemeinsam realisiert haben. Auch erste Reaktionen von Passanten auf die Skulptur, die sicherlich einen zentraleren und damit besser einsehbaren Standort verdient hätte, zeigten, daß das Kapitel Nationalsozialismus noch immer ungern aufgeblättert wird. „Das ist alles so lange her“, sagt Theo Kersken (79) während er den bronzenen Leiterwagen aufmerksam betrachtet. „Aber vergessen werden sollte es nicht!“ Und dann erinnert er sich an den Morgen nach der Brandnacht im November 1938. Kerksen war damals bei der Wehrmacht und hatte zwei Tage Fronturlaub. Mit dem Fahrrad fuhr er duch die Dinslakener Innenstadt. „Es war viertel vor sieben, morgens“, erzählt er. „Überall Feuerwehr, alles brannte, viele Menschen waren auf der Straße. Und keiner sagte etwas, alle waren schockiert.“

Dann deutet Theo Kersken auf die Namen der jüdischen Familien, die auf der Grimm-Skulptur eingraviert sind. Der eine oder andere kommt ihm bekannt vor. Wieder Erinnerungen: „Bei uns gegenüber, da haben auch Juden gewohnt. Das waren liebe nette Nachbarn. Wann die rausgetrieben wurden, weiß ich nicht mehr. Aber die hatten sich nie irgendetwas zuschulden kommen lassen.“ Bei der feierlichen Enthüllung des Mahnmals am 10. November will Theo Kersken dabei sein.

Reporter aus Ohio kommen

Der Besuch ehemaliger Dinslakener Juden, die am Montag, 8. November, zu einem einwöchigen Aufenthalt in Dinslaken erwartet werden, hat nicht nur in der Bundesrepublik ein Medienecho ausgelöst. Der „Cleveland Plain Dealer“, eines der renommiertesten Blätter im Bundesstaat Ohio, will die Einladung in die alte Heimatstadt journalistisch begleiten. Die Reporterin Betsy Sullivan und ein Fotograf haben ihr Kommen angekündigt.

Ralf Schreiner

03. November 1993, Niederrhein Anzeiger » Originalartikel öffnen

Mahnmal erinnert an die Nazi-Greueltaten

Dinslaken. Am 10. November 1938 überfielen etwa 50 Männer das Jüdische Waisenhaus und zerstörten es systematisch, während gleichzeitig die Synagoge und einige Häuser jüdischer Bürger in Flammen aufgingen. Die Kinder des Waisenhauses wurden mehrere Tage lang von dem Nazi-Mob schikaniert und durch die Straßen Dinslakens getrieben. Dabei mußten die Großen die Jüngsten auf einem Leiterwagen durch die Straßen ziehen. An diese Greueltaten erinnert das von Alfred Grimm geschaffene Mahnmal, das am Mittwoch, 10. November, um 11 Uhr, im Beisein ehemaliger jüdischer Mitbürger, die der Nazi-Verfolgung entkommen konnten, und deren Nachfahren im Stadtpark enthüllt wird.

Die Initiative zur Errichtung des Mahnmals ging von dem synodalen Ausschuß für christlich-jüdische Gespräche im Kirchenkreis Dinslaken aus. Am 10. November 1988, zum 50. Jahrestag des Pogroms, hatte dieser Ausschuß unter Mitwirkung der katholischen Gemeinde einen „Weg der Erinnerung“ durchgeführt. Mit einem Leiterwagen und den Namen der 28 Kinder des Waisenhauses waren etwa 1000 Menschen durch die Innenstadt Dinslakens gezogen und hatten des „Judenzugs“ vom 10. November 1938 gedacht.

Unmittelbar danach wurde der Beschluß gefaßt, daß ein Mahnmal an die ehemals blühende jüdische Gemeinde und an die Waisenkinder erinnern sollte.

Das katholische Dekanat und die Stadt Dinslaken unterstützten von Anfang an dieses Projekt. „Bei einem Gespräch Ende 1988 mit Stadtdirektor Fellmeth und Bürgermeister Klingen stießen wir sofort auf ein positives Echo“, erinnert sich Superintendent Bendokat.

Vier Künstler wurden gebeten, ihre Vorstellungen zu einem solchen Mahnmal zu unterbreiten. Der erweiterte Mahnmal-Ausschuß entschied sich mit Mehrheit für den Entwurf des Künstlers Alfred Grimm, Lehrer am Theodor-Heuss-Gymnasium. Sein Entwurf brachte am deutlichsten eine Mahnung an das konkrete Geschehen zum Ausdruck.

Alfred Grimms mehrteilige Bronzeplastik zeigt einen Leiterkarren, der, von einer uniformierten Figur bewacht, eine Mauer durchbricht. Auf dieser Mauer stehen auf der Vorder- und Rückseite in hebräischer und deutscher Schrift zwei Bibeltexte und die Namen der Dinslakener Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Das Mahnmal hat nach der Konzeption des Hünxer Künstlers weder nur symbolisch-sinnhaften noch nur reduziert-formalen Charakter. Die entscheidende Begegnung mit dem Mahnmal soll zuerst sinnlich erlebt werden können.

22. Oktober 1993, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Ehemalige Dinslakener Juden kommen zu Gedenkstunde und Einweihung

Mahnmal weist Spuren in schreckliche Vergangenheit

Von Ralf Schreiner

Dinslaken. Nie wollte Rudolf Kahan einen Fuß auf deutschen Boden setzen. Nie wieder wollte er das Land betreten, in dem Nazis seine Angehörigen und Freunde ermordeten. Kahan ist Jude. Seit seiner Flucht aus Deutschland lebt er in Israel. Bis heute ist der 74jährige seinem Versprechen treu geblieben. Seit 48 Jahren hat er sein Land nicht mehr verlassen. Daß er am 8. November nach Dinslaken kommen wird, hat einen besonderen Grund. Seine ehemalige Heimatstadt hat ihn eingeladen. Anläßlich des 55. Jahrestages des Pogroms gegen die Dinslakener Juden soll im Rathauspark das von Alfred Grimm geschaffene Mahnmal zur Erinnerung an die Jüdische Gemeinde der Öffentlichkeit übergeben werden. Mit Kahan und seinen beiden Töchtern werden 15 weitere ehemalige Dinslakener Juden für eine Woche hierher kommen. Sie wollen Zeuge werden, wie eine Stadt, in der der braune Mob vor 55 Jahren Synagogen und Häuser in Brand setzte und Menschen erschlug, ihre Vergangenheit bewältigt.

Ulrich Bendokat, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises, bezeichnete das bevorstehende Ereignis gestern in einem Pressegespräch als „einmalig für die Stadt Dinslaken und beide Kirchen“. Die Initiative zur Errichtung des Mahnmals ging von dem synodalen Ausschuß für das christlich-jüdische Gespräch aus.

Am 10. November 1988, zum 50. Jahrestag des Pogroms, hatte dieser Ausschuß unter Mitwirkung der katholischen Gemeinden einen „Weg der Erinnerung“ durchgeführt. Mit einem Leiterwagen waren etwa 1000 Menschen durch die Dinslakener Innenstadt gezogen. Ein sympolischer Akt, mit dem des Überfalls der Nazis auf das jüdische Waisenhaus an der Neustraße am 10. November 1938 gedacht werden sollte. 50 Männer waren an diesem Tag in das Waisenhaus eingedrungen, hatten die Kinder auf die Straßen getrieben, geschlagen und schikaniert. Die etwas Älteren hatten die Jüngeren auf einem Leiterwagen durch die Innenstadt ziehen müssen.

Unmittelbar nach dem 50. Jahrestag dieses grauenhaften Überfalls, wurde der Beschluß gefaßt, ein Mahnmal zu errichten, das an die Waisenkinder und die ehemals blühende Jüdische Gemeinde Dinslaken erinnern sollte. Dekanat und Stadt unterstützten das Projekt von Anfang an. Vier Künstler reichten Vorschläge zur Ausführung ein. Der Bruckhausener Alfred Grimm bekam den Zuschlag. Seine vierteilige Bronzeplastik bringe am deutlichsten die Mahnung an das konkrete Geschehen zum Ausdruck, hieß es als Begründung. Die Entscheidung war richtig: Der in Bronze gegossene Leiterkarren, der, bewacht von einer uniformierten Figur eine Mauer durchbricht, auf denen die Namen der Dinslakener Opfer nationalsozialistischer Verfolgung stehen, zielt auf ein sinnliches Nacherleben des Betrachters hin, ohne auf reduziert-formale Elemente zu verzichten. Die auf dem Leiterwagen befindlichen Container mit Schuhen, Taschen, Kleidungsstücken und Knochen spiegeln zum einen das konkrete Ereignis vom 10. November 1938, weisen aber gleichzeitig auf das spätere Schicksal der Juden wie auch anderer Verfolgter und Opfer des Nazi-Regimes in Deuschland und Europa hin. Den Betrachter bezieht Grimm geschickt mit in das Ensemble ein. Je nach Blickwinkel wird er vom Zuschauer zum Mittäter.

„Geistige Verwüstung“

Die Bedeutung eines solchen Mahnmals könne in einer Zeit, „in der die geistige Verwüstung eines Volkes wieder sichtbar wird“, nicht hoch genug bewertet werden, sagte Superintendent Bendokat mit Blick auf die ausländerfeindlichen Anschläge vergangener Wochen und Monate. Die Entscheidung der Stadt, zur Einweihung des Mahnmals ehemalige Juden aus Dinslaken einzuladen, nannte Bendokat vorbildlich. Da diese Einladung auch eine Begleitperson einschloß, hätten so Töchter und Söhne die Möglichkeit, auf die Suche nach den Spuren ihrer Eltern zu gehen.

Eine Spurensuche anderer Art hat Stadtpressesprecher Horst Dickhäuser hinter sich. Er habe fast „detektivische Arbeit“ leisten müssen, um die Adressen ehemaliger jüdischer Dinslakener herauszufinden. Zahlreiche Briefe wurden verschickt – nach Israel, Argentinien, Chile, Uruguay, in die USA. Viele kamen mit dem Hinweis „unbekannt verzogen“ zurück. Auch Absagen trafen im Rathaus ein, die meisten mit dem Hinweis auf den schlechten Gesundheitszustand des Absenders. „Es war nicht ein Brief dabei, aus dem sich Vorbehalte gegen die Stadt hätten entnehmen lassen“, so Dickhäuser. 16 ehemalige Dinslakener Juden sagten schließlich zu.

Sie erwartet vom 8. bis zum 16. November ein ebenso umfangreiches wie abwechslungsreiches Programm in ihrer ehemaligen Heimatstadt. Begegnungen mit früheren Freunden, Bekannten sowie mit jungen Menschen, die heute hier leben, gehören ebenso dazu wie der Besuch einer jüdischen Theateraufführung. Im Mittelpunkt steht die Enthüllung des Mahnmals. Das Betonfundament am Rande des Rathausparks an der Schillerstraße ist bereits gegossen. Am Montag, 4. Oktober, wird die Skulptur von Düsseldorf, wo sie gegossen wurde, nach Dinslaken gebracht.

03. 1992, Israel Nachrichten / Rheinische Post

Bronzeplastik von Alfred Grimm erinnert an Nazi-Überfall auf jüdisches Waisenhaus in Dinslaken

Mahnmal macht Zuschauer zu Mittätern

Von Ralf Schreiner

Dinslaken. Wer Unrecht duldet, wird mitschuldig. Der unbeteiligte Zuschauer am Rande ist immer auch Mitwisser. Und Mitwisser sind Mittäter. So war auch die Bevölkerung Dinslakens mitverantwortlich für das, was am 10. November 1938 in ihrer Stadt geschah. Eine Horde uniformierter Nationalsozialisten überfiel an diesem Tag das jüdische Waisenhaus an der Neustraße. 46 Menschen, darunter 32 Kinder im Alter von sechs bis 16 Jahren, wurden ins Freie gejagt. Die Kleineren pferchten Hitlers Schergen auf einen Leiterwagen. Vier größere Jungen mußten den Karren dann durch das damalige Stadtzentrum ziehen. Menschen wurden wie Vieh abtransportiert. Und die Bevölkerung sah tatenlos zu.

Trauer und Scham

Der Scham und die Trauer über die unsäglichen Greuel, die Juden auch in Dinslaken erleiden mußten, sind noch immer groß, die Erinnerung an die bleckende Fratze des Faschismus noch immer wach. Sie muß es bleiben. Dazu beitragen soll ein Mahnmal, das der Hünxer Künstler Alfred Grimm entworfen hat. Die mehrteilige Bronzeplastik zeigt einen Leiterkarren, der – bewacht von einer Figur – eine Mauer durchbricht. Die Kosten für die 100.000 Mark teure Skulptur wollen sich der evangelische Kirchenkreis und die katholische Kirche mit der Stadt Dinslaken teilen. Als Standort ist der Bereich zwischen dem Dinslakener Rathaus und dem Kreisverkehr Friedrich-Ebert-Straße im Gespräch.

Der Bezug zum eigentlichen historischen Vorgang ist Alfred Grimm besonders wichtig. Das Mahnmal soll weder symbolisch-sinnbildlichen noch zeichenhaft-verweisenden Charakter haben. „Es soll sinnlich erlebt werden können“, erklärte der Künstler bei der Vorstellung des Modells. Deshalb erscheinen die Kinder, die auf diesem Karren zur Schau gestellt wurden nicht. An ihrer Stelle setzt Grimm Kartons, Behälter mit Schuhen, Fischen, Runkelrüben, Knochen, Gebissen, Handtaschen und Jacken. Gegenstände, die auf das spätere Schicksal der Juden in Deutschland und Europa hindeuten, gleichzeitig aber auch an die Verfolgung der Zigeuner, Homosexueller, Künstler, Bibelforscher, Wissenschaftler und anderer Menschen durch die Nationalsozialisten. Damit zielt das Mahnmal weit über die Ereignisse des 10. November 1938 hinaus. Es klagt auch die Untaten an, die nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ an Menschen begangen wurden und täglich wieder neu geschehen können. Der Leiterkarren durchbricht eine Mauer. Auf ihr sollen in Hebräisch die Namen der betroffenen jüdischen Kinder und Opfer der „Reichskristallnacht“ erscheinen.

Dabei macht Grimm den Betrachter zum Mittäter. Er bezieht ihn in das Ensemble ein, um es vollständig und damit lebendig zu machen. Da ist beispielsweise das Absperrgitter vor dem Leiterkarren. Durch den Winkel im Gitter blicken die Betrachter voneinander abgewandt als Außenstehende auf die in Bronze gegossene Szene. Wie früher, so auch heute. Wechselt man einige Schritte nach links, gerät man aus der Rolle des Nur-Zuschauers in die Rolle des aktiven Täters. Die seitlich vom Karren stehende, bedrohlich wirkende Gestalt ist eine Negativfigur. Sie hat keine Körpermaße, sondern wird durch das positive Umfeld des Blocks bestimmt. Der Betrachter blickt durch die Figur hindurch direkt auf den Leiterkarren.

Denkanstöße

Der Blickwinkel allein beunruhigt, liefert Denkanstöße. Diese Beunruhigung wird noch gesteigert durch die Bespielbarkeit der Plastik. Alfred Grimm hat bei dem Leiterwagen bewußt auf scharfe Kanten, Ecken und spitze Winkel verzichtet. Der Grund: Kinder sollen auf der Plastik klettern und herumtoben können. Sie sollen das Mahnmal beleben, indem sie ein Teil davon werden. Eine Aufgabe, die eine starre Bronzefigur niemals hätte erfüllen können.

Das Mahnmal hat viele Väter. An der Ausarbeitung der Idee bis zum Entwurf wirkten der Ausschuß „Juden und Christen“, die evangelische und die katholische Kirche in Dinslaken, Ratsmitglieder und Vertreter der Fraktionen sowie eine Reihe sachkundiger Bürger mit. Um den Zuschlag für die Ausführung der Plastik hatten sich insgesamt vier Künstler beworben. Daß die Entscheidung für Alfred Grimm ausfiel, lag unter anderem daran, daß sein Entwurf „der mit Abstand konkreteste war“ wie Superintendent Ulrich Bendokat bei der Vorstellung des Modells erklärte. Für Finanzierung des Mahnmals liegen 50.000 Mark bereits auf dem Tisch. 30.000 Mark hat der Kirchenkreis per Synodalbeschluß bewilligt. Ebenfalls „so gut wie sicher“ seien 20.000 Mark, mit denen sich die katholische Kirche an den Kosten beteiligen will, so Dechant Bernhard Kösters. Ein kleines Fragezeichen steht nur noch hinter den 50.000 Mark, mit der sich die Stadt an dem Projekt beteiligen will. Das Geld soll im Juni über den Nachtragshaushalt bewilligt werden. Dies bedarf allerdings noch der Zustimmung des Rates.

28. November 1993, Der Weg » Originalartikel öffnen

Mahnmal wurde in Dinslaken übergeben

1000 kamen in die Stadthalle

Zum Gedenken an die Dinslakener Juden und deren Vertreibung übergaben der evangelische Kirchenkreis und das katholische Dekanat Dinslaken, die jüdische Gemeinde in Mülheim/Ruhr sowie die Stadt Dinslaken das von Alfred Grimm geschaffene Mahnmal der Öffentlichkeit.

Superintendent Ulrich Bendokat forderte in der mit 1000 Besuchern überfüllten Stadthalle, die Geschichte Dinslakens zwischen 1933 und 1945 neu zu erforschen. Insbesondere müsse die Frage geklärt werden, wie der ehemalige jüdische Besitz in andere Hände geraten sei und warum der in diesem Zusammenhang den rechtmäßigen Eigentümern zugefügte Schaden später nicht wieder gutgemacht worden sei. Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Mülheim, Jacques Marx, betonte, daß die Geschichte nicht verjähre und wieder bei Null anfangen könne. Wer auf einen Goethe stolz sei, müsse sich eines Hitlers schämen.

Viele der jüdischen Gäste aus Israel, Nord- und Südamerika, die der Einladung zu der Übergabe des Mahnmals gefolgt waren, hätten beim Kaddisch, dem jüdischen Totengebet, geweint, berichtete Marx: „Ob Worte fassen können, was diese Menschen erlitten haben und was sie heute quält?“ Für Juden bedeute die Erinnerung an die Nazizeit Trauer um sechs Millionen Angehörige, darunter 1,5 Millionen Kinder.

Den 1938 auf einem Leiterwagen aus dem jüdischen Waisenhaus in Dinslaken abtransportierten Kinder ist das von Alfred Grimm geschaffene Mahnmal vor allem gewidmet. Der in Bronze nachgebildete Wagen bildet den zentralen Teil der plastischen Gruppe.

Ronny Schneider