Kruzifixe

9. März 2016, West Anzeiger » Originalartikel öffnen

Ist das Kunst? Oder kann das weg?

Kruzifix-Objekte in Frohnhausen sind nicht schön, laden aber zur Diskussion ein.

Ist das Kunst? Oder kann das weg? – Die Frage stellt sich dem Besucher der jüngsten Ausstellung im Frohnhauser Kunstraum Notkirche: KREUZUNDQUER mit Kruzifix-Objekten von Alfred Grimm.

VON FRANK BLUM

42 Objekte werden gezeigt, entstanden in über drei Jahrzehnten. Alltagsgegenstände wurden gemeinsam mit Kruzifixen zu Objekten verarbeitet, denen eines gemeinsam ist: Sie wirken auf den Betrachter verstörend.

„Sie sind im üblichen Sinne wahrlich nicht schön“, gibt Künstler und Beuys-Schüler Alfred Grimm zu. „Sie laden aber zur Diskussion über die Bedeutung des Kreuzes und des Glaubens ein“, ergänzt Kunsthistoriker Joachim Schneider.

Das älteste Werk in der Ausstellung stammt bereits aus dem Jahr 1975: Christus mit Ketchup.

Pfarrer Werner Sonnenberg, Kurator des Kunstraumes Notkirche, freut sich besonders über die Neuauflage der provokanten Ausstellung im Jahr 1989, die in Frohnhausen für Protest und Diskussion über Kunst in der Kirche gesorgt hat.

„Es ist die 99. Ausstellung, die mit KREUZUNDQUER gezeigt wird“, so Pfarrer Sonnenberg, der sich auf das Jubiläum in diesem Jahr freut. Und ganz gespannt ist, ob die Diskussion über die Kruzifix-Objekte im Jahr 2016 genauso intensiv sein wird wie vor 25 Jahren.

Allein schon die Namen wie Säuferchristus, Anstreicherchristus oder Theologische Einheitssuppe klingen in einem Kirchenraum sehr gewagt. Die Umsetzung ist es noch mehr. Eine zerschnittene Christusfigur mit Messer und Gabel oder gesammelte Kreuze im Mülleimer sind nicht jedermanns Sache.

Kunsthistoriker Joachim Schneider möchte dennoch Lust darauf machen, die Ausstellung zu besuchen: „Die Objekte stellen gewohnte Sichtweisen in Frage und fordern den Betrachter zu eigenen Interpretationen auf. Alfred Grimm setzt sich mit der Figur Jesu, seinem Kreuzestod und dem Umgang mit Kruzifixen in unseren Tagen künstlerisch auseinander.“

Christus mit Ketchup

Mit anspruchsvollen und nicht minder verstörenden Klängen begleitete das Gitarren-Duo Judith und Volker Niehusmann die Frohnhauser Vernissage.?Und bot damit bereits einen Vorgeschmack auf die im Jahr 2015 komponierte Passionsmusik zum Johannes-Evangelium. Pfarrer Werner Sonnenberg: „Eine der ersten Aufführungen wird am Donnerstag, 3. März, um 19 Uhr im Kunstraum Notkirche stattfinden.“

Und: Wer Kruzifix-Künstler Alfred Grimm einmal auf den Zahn fühlen möchte, ist zur Ausstellungsführung mit dem Künstler am Donnerstag, 10. März, um 18 Uhr eingeladen.

INFO:

Die Ausstellung KREUZUNDQUER mit Werken von Alfred Grimm ist bis 27. März im Kunstraum Notkirche, Mülheimer Straße 70, geöffnet. Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, Samstag von 10 bis 13 Uhr, Sonntag 12 bis 13 Uhr.?Eine Ausstellungsführung mit dem Künstler findet am Donnerstag, 10. März, um 18 Uhr statt.

20. Februar 2016, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Grimms Kruzifixe in der Notkirche in Essen

Die Kruzifix-Objekte des Hünxer Künstlers haben im vergangenen Jahr bei einer Ausstellung im Kloster Kamp für viel Aufsehen gesorgt. Jetzt wandern die Werke in neuer Zusammenstellung nach Essen.

Hünxe/Essen (RP) In dem prächtigen Kunstraum der Notkirche in Essen-Frohnhausen schaut Pfarrer Werner Sonnenberg sich zufrieden um. Spannend fügen sich die Kruzifixobjekte von Alfred Grimm in den Ausstellungsraum ein. Kreuze, die beunruhigen, auch schockieren, auch geistig-künstlerische Erbauung bieten, die aber alles andere als herkömmliches Handwerk und traditionelle Beliebigkeit darstellen.

1990 hatten Pfarrer Ronny Schneider und das Presbyterium der Evangelischen Stadtkirche in Dinslaken den Mut, 13 ausgewählte Kruzifix-Objekte des Beuys-Schülers Alfred Grimm in einer ersten Ausstellung zu zeigen. Damals gab es aufregende Diskussionen um die gewagten Darstellungen des Kreuzestodes Christi.

Im vergangenen Jahr holte Dr. Peter Hahnen eine ähnlich bestückte Ausstellung mit dem Titel „Kreuzgenossen“ in den schönen Gewölbekeller des Klosters Kamp. Mit über 2000 Besuchern war diese Ausstellung für alle Beteiligten ein großartiger Erfolg. Aber auch hier prallten höchst widersprüchliche Empfindungen der Ausstellungsbesucher heftig aufeinander.

Alfred Grimm hat sich mit der Figur Jesu, seinem Kreuzestod und dem Umgang mit Kruzifixen in unseren Tagen künstlerisch auseinandergesetzt. Die brutale Gewalt eines solchen Kreuzestodes macht er dem heutigen Betrachter mit seinen Kruzifix-Objekten in schockierender Weise bewusst und zeigt das wahre historische Ereignis für den heutigen Gläubigen viel drastischer und plastischer, als die eher verharmlosenden Darstellungen des Corpus Christi am Kreuz, wie wir sie von den üblichen, traditionellen, unter kunsthandwerklichem Interesse hergestellten Kreuze kennen.

Es entstanden in seinem Atelier in Hünxe-Bruckhausen mehr als 80 künstlerische Kruzifix-Arbeiten, die bisher in 32 Ausstellungen in Deutschland und der Schweiz gezeigt wurden.

Nun hat Grimm die Gelegenheit bekommen, im wunderschönen, harmonischen Kunstraum Notkirche in Essen eine neue Zusammenstellung mit 42 seiner Kreuze zu zeigen. Seine Kruzifix-Objekte stellen auch hier gewohnte Sichtweisen in Frage und fordern die Betrachter zu eigenen Interpretationen auf.

In der großen Ausstellung vor einem Jahr im Gewölbekeller des Klosters Kamp konnte man die Spannweite der Anteilnahme der Besucher an den Einträgen im Gästebuch nachvollziehen: „Ich habe schon viel Schwachsinn gesehen. Aber das ist die Krönung.“ „So beeindruckend, aufwühlend, direkt, mutig und intensiv. Ich musste wiederkommen!“ „Für solch einen Dreck würde ich mich schämen: Beleidigung für das Christentum.“ „Eine ungeheuer phantasievolle Interpretation des Themas ’Christus am Kreuz‘“. Pfarrer Werner Sonnenberg, der Kunstbeauftragte der Evangelischen Kirche im Rheinland, und Alfred Grimm werden ab Sonntag erleben können, wie die neue Kruzifix-Ausstellung in Essen bei der Gemeinde und den Besuchern ankommen wird. Für gegensätzliche Positionen und spannende Interpretationen gibt es genug künstlerisches Material.

Ausstellungseröffnung ist am Sonntag, 21. Februar, um 18 Uhr im Kunstraum der Notkirche an der Mühlheimer Straße 70 in Essen. Pfarrer Werner Sonnenberg begrüßt die Gäste, die Einführung übernimmt der Münsteraner Kunsthistoriker Joachim Schneider, den musikalischen Rahmen gestalten das Gitarrenduo Judith und Volker Niehusmann.

Zur Ausstellung bietet Alfred Grimm einen Katalog mit allen bisher erschienenen Kruzifix-Objekten an. Der enthält 76 Abbildungen in Farbe sowie eine Biografie, ein Porträtfoto, eine Ausstellungsübersicht und einen erklärenden Text von Dr. Bernd Krysmanski, Dinslaken. Der Katalog ist in der Ausstellung für 15 Euro zu haben.

Variationsobjekt „Mein ganz persönliches Abendmahl“, 2015, 19 mal 21 Zentimeter, Holzbrett, Corpus, Messer, Gabel, Polyester, Auflage 30, Preis 180 Euro.

Die Ausstellung KREUZUNDQUER dauert bis zum 27. März.

19. Februar 2016, NRZ » Originalartikel öffnen

„Kreuzundquer“: Beuys-Schüler stellt aus

Alfred Grimm führt selbst durch seine Ausstellung im Kunstraum Notkirche. Vernissage am Sonntag

Frohnhausen. „Kreuzundquer“ lautet der Titel einer Ausstellung mit Kruzifix-Objekten von Alfred Grimm, die die Evangelische Kirchengemeinde Frohnhausen vom 21. Februar bis 27. März im Kunstraum Notkirche an der Mülheimer Straße 70 zeigt. Die Vernissage findet dort am Sonntag, 21. Februar, um 18 Uhr statt. Nach einer Begrüßung durch den Kurator, Pfarrer Werner Sonnenberg, führt der Kunsthistoriker Joachim Schneider aus Münster in die Ausstellung ein. Für die Musik sorgt das Niehusmann-Gitarrenduo mit Judith und Volker Niehusmann.

Seit mehreren Jahrzehnten bereichert der Beuys-Schüler Alfred Grimm mit seinen künstlerischen Arbeiten, allen voran seinen Variations-Objekten, die aktuelle Kunstszene. Diese Ausstellung ist vor allem der spirituellen und politischen Komponente im Werk Alfred Grimms gewidmet. Seit rund drei Jahrzehnten hat er sich mit der Figur Jesu, seinem Tod am Kreuz und dem Umgang mit Kruzifixen in der heutigen Zeit künstlerisch auseinandergesetzt.

Im Rahmenprogramm: Am Donnerstag, 3. März, führt das Niehusmann-Gitarrenduo zusammen mit Hubert Röser (Sprecher) um 19 Uhr die von Volker Niehusmann komponierte Passionsmusik zum Johannesevangelium auf; und am Donnerstag, 10. März, führt der Künstler um 18 Uhr durch die Ausstellung.

17. Februar 2016, Niederrhein Anzeiger » Originalartikel öffnen

Grimm-Ausstellung

Mit einer Auswahl seiner Kruzifix-Objekte

Hünxe. Essen. Die Ausstellung „KREUZUNDQUER“ mit Kruzifix-Objekten des hiesigen Künstlers Alfred Grimm wird am Sonntag, 21. Februar, 18 Uhr, im Kunstraum Notkirche an der Mülheimer Straße 70 in Essen eröffnet. Alfred Grimm hat sich mit der Figur Jesu, seinem Kreuzestod und dem Umgang mit Kruzifixen in unseren Tagen künstlerisch auseinandergesetzt. Es entstanden mehr als 80 Kruzifix-Arbeiten, die bisher in Deutschland und der Schweiz gezeigt wurden. Nun zeigt Grimm bis zum 27. März im wunderschönen Kunstraum Notkirche eine neue Zusammenstellung seiner Kreuze. Seine Objekte stellen auch hier gewohnte Sichtweisen in Frage und fordern die Betrachter zu eigenen Interpretationen auf.

24. Juni 2015, Niederrhein Anzeiger » Originalartikel öffnen

„Kreuzgenossen“ – über 2000 Besucher

sahen die durchaus auch provokanten Werke des Hünxer Künstlers Alfred Grimm

Die Ausstellung „Kreuzgenossen“ mit den ausgewählten, brisanten Werken von Alfred Grimm zur künstlerischen Interpretation des Kreuzestodes Christi im Kloster Kamp ging nun zu Ende.

DINSLAKEN. KLOSTER KAMP. Über 2000 Besucher haben die aktuelle Ausstellung mit den Kruzifixobjekten im Gewölbekeller von Zentrum Kloster Kamp besucht. Das ist ein Vielfaches von dem, was an Besuchern zu anderen Ausstellungen zu erwarten ist.

Zentrumsleiter Dr. Peter Hahnen, der die umstrittene Schau des Beuys-Schülers in sein Haus geholt hat, zieht eine positive Bilanz: “Grimms Arbeiten forderten die Besucher zur eigenen Stellungnahme heraus. Damit erreichten diese Kunstwerke mehr als die von den Vorbesitzern achtlos entsorgten oder auf dem Flohmarkt verscherbelten traditionellen Kreuze.“

Dass Alfred Grimms „Kreuzgenossen“ schwer verdauliche Kost sind, merkt man an den ganz unterschiedlichen Reaktionen der Betrachter. Von Entsetzen und schroffer Ablehnung bis zu spiritueller Ergriffenheit ist die ganze Bandbreite an Gefühlen dabei. Im Gästebuch, das zur Ausstellung auslag, findet man Kommentare wie: „Eine verstörend-begeisternde Ausstellung. – Ein großartiger Raum für großartige Kunst. – Furchtbare Ausstellung. Wie kann man Gott so beschmutzen? – Ich habe schon viel Schwachsinn gesehen. Das aber ist die Krönung. – Verstörend, aber heilsam. – Entwürdigend. – Mutig und intensiv. Ich muss wiederkommen.“

Mit diesen widersprüchlichen Empfindungen der Gäste im Klosterkeller kann und will Dr. Hahnen auch zukünftig leben: „Kunst ist Lebensmittel – nicht Schlaftablette.“ Hu

4. April 2015, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Die „Kreuzgenossen“ im Kloster Kamp

Der Hünxer Künstler berichtet über seine jahrelange künstlerische Auseinandersetzung mit dem gekreuzigten Jesus.

Herr Grimm, seit wann beschäftigen Sie sich mit den Kruzifixobjekten?

ALFRED GRIMM Hier im Katalog ist das erste Objekt von 1968. Es gehört allerdings noch nicht in diese große Kruzifixreihe. Seinerzeit hatte Pfarrer Paskert – er hat mich auch konfirmiert – in Lohberg eine Predigt gehalten und hat über den Kreuzestod Christi so blutig und schlimm und schrecklich berichtet, dass ich nach Hause gegangen bin, ein Stück Wachs genommen habe und das, was ich so an Informationen hatte, gestaltet habe. So entstand das erste Kreuz, das jetzt als „Karfreitagsobjekt“ in den Katalog aufgenommen worden ist.

Und seitdem hat Sie das Thema nicht mehr losgelassen. Was fasziniert sie denn an dem Gottessohn am Kreuz?

GRIMM Zunächst einmal leben wir ja in einer Gesellschaft, die geprägt ist vom Christentum, und ich hatte immer eine gute Beziehung zur Kirche. Ich bin jeden Sonntag in die Kirche zum Kindergottesdienst gegangen und ich würde sagen, ich bin bibelfester als mancher moderner Theologe. Das ist jetzt nicht so, dass ich michnach diesem künstlerischen Thema dränge, aber ab und zu meldet sich das Kreuz – durch innere oder durch äußere Anregung. Ich habe jetzt schon wieder auf Zettelchen einige Dinge skizziert, so dass ich wohl noch eine Weile ausgelastet bin mit diesem Thema. Es ist jedoch nicht mein Hauptarbeitsgebiet. Wenn ich nur so kirchlich ausgerichtet arbeiten würde, kämen wahrscheinlich irgendwann zwei betende Hände heraus, irgendetwas Kirchlich-Liebes, und das möchte ich nicht. Mich hat der Kreuzestod immer schon interessiert, weil er nun einmal eine entscheidende Bedeutung innerhalb des christlichen Lebens und Glaubens hat. Was ich überhaupt nicht verstehe, dass irgendwann einmal einer durch die Schulen gegangen ist und gesagt hat, das Kreuz stört mich und dann mussten alle Kreuze abgenommen werden.

Aus Anlass des Bundesverfassungsgerichtsurteils 1995, auf das Sie gerade anspielen, haben Sie ja auch ein Kreuz geschaffen.

GRIMM Ja, da habe ich das Bayrische Schulkreuz gemacht – ein hohes Objekt, bei dem im oberen Teil die Leerstelle zu sehen ist, die das abgenommene Kreuz hinterlassen hat und darunter ist der Eimer, in den die ganzen Kruzifixe reingeworfen werden. Gucken Sie heute mal ins Internet, da bekommen Sie Kreuze oder Weihwasserbecken für einen Euro (zu hunderten) – alles wird verramscht. Und das empfinde ich als einen großen Mangel, dass das alles gar nichts mehr wert zu sein scheint.

Ihre Kruzifixobjekte provozieren und Sie müssen sich über die Jahre hin die Frage gefallen lassen, ob Kunst das darf. Gerade ist die Debatte angesichts des Anschlags auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ wieder mal entfacht worden. Wie beantworten Sie die Frage, was Kunst oder Satire aktuell darf?

GRIMM Ich bin fest davon überzeugt, dass in der Kunst alles gemacht werden kann und darf – vorausgesetzt die Arbeit hat Qualität und ist rundum überzeugend gestaltet.

Ihre Kruzifixe haben auf jeden Fall auch immer Anstoß erregt.

GRIMM Ja, das war so und ich bin gespannt, was jetzt bei der Ausstellung „Kreuzgenossen“ im Kloster Kamp passiert.

Die erste Kruzifix-Ausstellung gab es hier in Dinslaken. Damals gab es besonders heftige Reaktionen…

GRIMM Ja, 1990 hat Ronny Schneider den Mut gehabt, die Kreuze in der Dinslakener Stadtkirche auszustellen. Da müssen Sie mal im Gästebuch durchlesen, was dort an Wut und Anfeindungen zum Ausdruck gebracht worden ist. Eine andere Ausstellung hatte ich in Koblenz und bin dort in eine Auseinandersetzung mit einem Presbyter geraten. Der Mann hatte tatsächlich Schaum vor dem Mund, so sehr hat er sich echauffiert über den „Aufnehmerchristus“, mit dem ich zum Ausdruck bringen wollte, dass Christus den Dreck der Welt auf sich genommen hat. Für diese Arbeit habe ich einen völlig zerfledderten Putzlappen meiner Mutter verwendet. Der Pastor hat damals leider verhindert, dass der Presbyter mich wegen Gotteslästerung angezeigt hat. Jetzt hat sich ein Galerieleiter genau diesen „Aufnehmerchristus“ als Dank für seine langjährige Arbeit ausgesucht. So wankelmütig ist die Beurteilung der Kruzifixobjekte. Der eine sagt, das ist Blasphemie, der andere sagt, das ist ein rundum gelungenes Kunstwerk. Das muss man als Künstler aushalten.

Teilen Sie den Eindruck, dass das „Provokationspotential“ ihrer Arbeiten über die Jahre nachgelassen hat – vielleicht auch weil die Kirche nicht mehr diese Bindungskraft hat wie früher?

GRIMM … vielleicht auch nicht mehr diese Ernsthaftigkeit. Es ist im Umfeld tatsächlich ruhiger geworden, und das ist im Grunde schade – jedenfalls von der theologischen Seite aus betrachtet. Ich weiß gar nicht, wie lange die Kirche gebraucht hat, um auf das oben angesprochene Kruzifix-Urteil zu reagieren. Es hat drei Wochen gedauert, bis es erste Demonstrationen gab. Ich hätte mir das anders vorgestellt. Wenn man an einem so zentralen Punkt angegriffen wird, hätte ich mir energischeren Widerstand vorgestellt.

Ihre Kruzifixe sind Ihr Weg, darauf hinzuweisen, dass Jesus uns auch heute noch etwas zu sagen hat. Ist Ihnen diese Botschaft so wichtig, dass Sie dafür bewusst in Kauf nehmen, dass die Arbeiten auf so manchen anstößig wirken?

GRIMM Ja, diese Arbeiten sollen anstößig sein, im Sinne von Anstoß erregen. Ich mache die Sachen und die mache ich, weil ich sie verantworten kann und weil ich meine, dass sie gemacht werden müssen. Ich habe den Drang danach, und ich kann nicht immer berücksichtigen, wie andere Menschen darauf reagieren.

JÖRG WERNER FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Info

Ein spannendes Seh- und Leseerlebnis

Katalog Alfred Grimm, Kruzifix-Objekte, Kloster Kamp 2015, 104 Seiten, 76 Abbildungen in Farbe, Biografie, Portraitfoto, Ausstellungsübersicht, kunsthistorischer Text von Dr. Bernd Krysmanski, Preis 19,50 Euro

Objekt Zur Ausstellung ist ein Variationsobjekt erschienen „Mein zweites Abendmahl“, Auflage 30 Stück, je 150 Euro

Bezug Der Katalog, der alle bisher entstandenen Kruzifixobjekte enthält, und das Variationsobjekt sind im Kloster Kamp oder über Grimms Homepage zu erhalten: www.alfred-grimm.com

4. April 2015, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Jesus war nicht vorsichtig: Tod auf der Großbaustelle

Christus und die Christen gehören in den „ungesicherten Bereich“, in den Bereich der Liebe und des Vertrauens.

Wie konnte das passieren? Erschlagen und zertrümmert vom eigenen Handwerkszeug. Arbeitsunfall? Das hätte der Sohn eines Zimmermanns aber besser wissen können! Warnungen gab es genug – „Der Aufenthalt im ungesicherten Bereich ist verboten“, so liest man etwas verdeckt als Kreuzesinschrift. Der Gekreuzigte wird das Risiko doch gekannt haben, schließlich war er auf einer Baustelle unterwegs. Großbaustelle. Beauftragt mit Renovierungsarbeiten am maroden Haus der Schöpfung.

Hatte er dazu die passende Ausrüstung? Werkzeug zum Trennen und Verbinden ist da zu sehen.

Auch wenn man Mensch und Gott nicht mit der Schraubzwinge zusammenbringt; auch wenn Mensch und Mensch sich nicht miteinander verschrauben lassen wie zwei Bretter. Aber ein Hinweis, immerhin.

An Jesu klaren Worten scheiden sich die Geister. Als würde die Axt das Holz spalten. Seine heilsamen Taten lassen die einen jubeln und machen die anderen misstrauisch. Mit allen möglichen und unmöglichen Leuten geht Jesus um – da wächst nicht nur zusammen, was nach menschlichem Ermessen zusammengehört. Wenn Schuld vergeben und bedingungsloser Neuanfang geschenkt wird, kommen unsere Bilder von Gott und der Welt und ihrer Ordnung unter den Hammer. Wo das geschieht, beginnt die Gefahrenzone der „ungesicherten Bereiche“. Vorsichtige Menschen erklären den Aufenthalt darin für verboten und passen auf, dass alle sich daran halten.

Jesus war nicht vorsichtig. Er hat sein Werkzeug benutzt – zum Trennen und Verbinden. Jesus hat die Liebe Gotte gelebt. Liebe, die nicht sagt: Alles ist erlaubt. Aber die darauf vertraut: Alles ist möglich bei Gott. Alles ist möglich für den, der glaubt. Wo solche Liebe ist, da zieht Gott ein, da ist das Haus Gottes bei den Menschen kräftig im Bau und wächst auf der Erde in den Himmel.

Auf dieser Großbaustelle, in dieser Gefahrenzone ist der „Zimmermannschristus“ umgekommen. Seine Liebe blieb nicht ohne Folgen. In der Darstellung des Künstlers hinterlässt sie Spuren, blutrot. Axt und Hammer haben den Gekreuzigten noch nachträglich erschlagen. Die Vorsicht hat sich gegen ihn gewendet und mahnend ihr Verbotsschild aufgerichtet: Seht her, ein abschreckendes Beispiel! Wer ihm folgt, dem wird es ähnlich gehen. Nehmt euch bloß in Acht!

Aber ob die Rechnung der Vorsicht aufgeht? Axt und Hammer tun zwar ihr Werk. Aber nach oben zum Himmel lassen sie Platz. Und ein Arm des „Zimmermannschristus“ bleibt unversehrt. Es ist der besonders unvorsichtige linke Arm, der sich um Verbote nicht schert und das entsprechende Schild halb überdeckt. In aller Schwachheit offenbar doch ein starker Arm. Sollte es im „ungesicherten Bereich“ eine Freiheit geben, die nichts und niemand zerstören kann?

Dann wäre das, was wir hier sehen, kein Arbeitsunfall. Sondern bewusst auf sich genommenen Risiko. Und eine Erinnerung daran, wo wir hingehören – Christus und die Christen: in den „ungesicherten Bereich“ nämlich, den Bereich der Liebe und des Vertrauens. Dorthin, wo ich tatsächlich unter die Räder kommen kann, den Kürzeren ziehen und der Dumme sein.

Wo es keine Sicherheit gibt, aber Freiheit, für Gott zu leben, für den Nächsten dazu sein und dabei ich selber zu bleiben. In der Gewissheit, dass oben der Himmel offen steht.

Ortrun Hillebrand

4. April 2015, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Schauen und Denken – Kreuzgenossen

Der Leiter des Geistlichen und Kulturellen Zentrums Kloster Kamp erklärt, warum er Alfred Grimms Kreuze jetzt ins Kloster holte.

VON PETER HAHNEN

Kreis Wesel Jeder erinnert sich an seine Schulzeit, denkt dabei an seine Lieblingslehrer und auch an solche, die man … am liebsten von hinten sah. Mein Kunstlehrer Alfred Grimm gehörte für mich – ich spreche von der Mitte der 1970er Jahre und war in der Unterstufe des Theodor-Heuss-Gymnasiums in Dinslaken – klar zur zweiten Sorte. Zu unterschiedlich waren unsere Temperamente und Einstellungen. So schien es damals zumindest. Heute denke ich: Vielleicht waren wir uns im manchem zu ähnlich? Aber damit greife ich vor.

Umdenken Erst Jahre später wurde ich mit den ersten Kreuzobjekten Alfred Grimms konfrontiert. Sie störten auf, ärgerten mich teilweise auch, trafen mich aber ins Mark. Als Jugendlicher hatte ich nämlich aus einem Müllhaufen vor meiner Heimatkirche St. Vincentius einen Jesus geboren, dem sowohl das Kreuz als auch die Arme abgebrochen waren. Er war eine Replik aus Kunststoff, vielleicht früheren Gruppenräumen des Johannahauses. Dieser verstümmelte Korpus erinnerte mich an das durch Bombenschäden im Zweiten Weltkrieg versehrte Kreuz in Münsters Ludgeri-Kirche: Dem hatte man auf dem nun leeren Querbalken die Worte geschrieben „Ich habe keine anderen Hände als die euren“. Dieser versehrte Jesus begleitete mich durch Ausbildung und Studium und bis heute im Zentrum Kloster Kamp. Es war und ist mein Gebetskreuz.

Grimms Denken Grimm nun begann solch weggeworfene Kruzifixe an sich zu nehmen. Eben solche, die niemand mehr haben wollte oder auf dem Flohmarkt verscherbelte. Wenn man glaubt, man brauche das nicht mehr, kann Grimm zeigen, welches Potenzial in Jesus und seiner Sache steckt. Diese Kruzifixe, gleich mehrere in unserer Ausstellung sind ja erst 2015 entstanden, sind aktueller denn je. Viele Besucher zeigen sich im guten Sinne erschüttert, manche sogar gerührt.

Selber denken, selber handeln Ich werde manchmal gefragt, warum ich derlei (vermeintliche) Skandalobjekte im Kloster Kamp zeige. Ich antworte, dass der eigentliche Skandal längst vor dem Objekt liegt, das der Künstler fertigte: Wenn nämlich unsere Gegenwartsgesellschaft glaubt, man könne die Botschaft Jesu und das Christentum wegräumen. Dass kirchliche Mitarbeiter leider bisweilen selber genug taten und tun, um sie bürokratisch, lieblos, banal oder rigide zu verpacken, lasse ich mal dahingestellt.

Der Künstler Alfred Grimm handelt auf eigenes Risiko. So wie übrigens das Geistliche und Kulturelle Zentrum Kloster Kamp vor einigen Jahren durch private Initiative entstand, als niemand von den Offiziellen noch einen Pfifferling auf das verwaiste Kloster gab. Grimm zeigt, dass die „Sache Jesu“ für uns heute relevant ist. Er stellt die Kruzifixe ins Heute und macht und zu Zeitgenossen dieser Konfrontation. So werden wir als Betrachter zu „Kreuzgenossen“.

Hoffentlich denken wir uns unseren Teil.

Ausstellung

Alfred Grimms Kruzifixobjekte

Öffnungszeiten Die Ausstellung „Kreuzgenossen“ im Gewölbekeller des Zentrums Kloster Kamp (Abteiplatz 13, Kamp-Lintfort) ist täglich geöffnet von 11 bis 17 Uhr, samstags von 14 bis 17 Uhr, sonn- und feiertags von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erbeten.

Führungen Buchungen unter Telefon 028 42–92 75 40.

Parallel Gegenüber vom Gewölbekeller, im Museum Kloster Kamp läuft als perfekte Ergänzung zu Grimms Kruzifixen die Ausstellung „Heiliges Verpacken. Reliquiengefäße fürs Heute“; täglich 14 bis 17 Uhr, sonn- und feiertags 11 bis 17 Uhr. Montags geschlossen.

Gastronomie Ausstellungsbesucher können auch das Spenden-Café des Geistlichen und Kulturellen Zentrums nutzen.

4. April 2015, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Lamm Gottes

Das Objekt stammt aus dem Jahre 1998. Es macht dem Betrachter die brutale Gewalt des Kreuzestodes in schockierender Weise bewusst.

0 Lamm Gottes unschuldig, am Stamm des Kreuzes geschlachtet …“ – so beginnt das lutherische Kirchenlied von Nikolaus Decius, das auch Eingang in das katholische Gesangbuch gefunden hat. Gelegentlich wird Jesus Christus in der Eucharistiefeier mit diesen drastischen Worten als das geschlachtete Gotteslamm besungen.

„Das ist unerträglich … geschmacklos… für einen Gottesdienst mit Jugendlichen völlig ungeeignet…“ – so entrüstet zeigte sich jemand, als ich diese Lied für einen Firmgottesdienst ausgesucht hatte. Sowohl das Lied vom geschlachteten Gotteslamm als auch Alfred Grimms „Schlachtbankchristus“ irritieren und provozieren. Das mag viele Gründe haben: Da ist zunächst dieses unbequeme Wort „Schlachtung“. Schlachtungen geschehen heute im Verborgenen, in riesigen Schlachthöfen, mit hohem technischen Aufwand, vollzogen vor allem durch Arbeiter aus Osteuropa. Vom Sterbevorgang oder gar vom Blut des Tieres ist an der Fleischtheke nichts mehr zu sehen. Wer will es schon sehen?

In Alfred Grimms Installation „Schlachtbankchristus“ geht es aber nicht um ein Tier. Es ist ein menschlicher Leib, es ist der Gekreuzigte, der mit dem Kopf nach unten am Metzgerhaken hängt. Das Blut an den Fliesen zeigt: Hier wurde jemand im wahrsten Sinne des Wortes abgeschlachtet.

Manch einen „Frommen“ mag diese Installation irritieren. Es ist auch für mich nicht wirklich ein Andachtsbild, vor dem ich beten könnte. Aber es sensibilisiert den Betrachter zunächst einmal für das grausame Geschehen, das der domestizierten Sprechweise vom Lamm Gottes zugrunde liegt: die brutale Hinrichtung eines Unschuldigen.

Um die Heils-Bedeutung dieses Geschehend auch nur annähernd verstehen zu können, muss man sich ein anderes Geschehen in Erinnerung rufen. Das Judentum zurzeit Jesu kennt eine ganze Reihe von kultischen Schlachtungen. Das Blut eines sterbenden Lammes soll Schutz, Reinigung, Vergebung und Leben bei denen Bewirken, die sich im Gebet mit diesem Opfer verbinden.

Der Evangelist Johannes stellt ganz bewusst diesen Zusammenhang her: Der blutige und grausame Tod Jesu am Kreuz findet genau in dem Augenblick statt, als im Jerusalemer Tempel die Lämmer geopfert, geschlachtet werden. Nicht in den heiligen Hallen des Tempels, sondern in aller Öffentlichkeit, vor den Augen der Welt, auf der Schlachtbank des Kreuzes findet für den Evangelisten Johannes der alles entscheidende Gottesdienst statt.

Während die meisten Jünger Jesu längst geflohen sind und sich vom schauerlichen Geschehen abgewandt haben, ahnt ausgerechnet ein römischer Soldat, ein Heide, als erster die Tragweite dieses Geschehens: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (MK 15,39) Es wird lange brauchen, bis auch die Jünger Jesu das Erlebte deuten können, bis sie das alttestamentliche Wort „durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes. 53,5) auf Christus beziehen. Bei den späteren Begegnungen, den sogenannten Erscheinungen des Auferstandenen, werden sie ihn gerade an seinen Wunden erkennen. In Alfred Grimms Installation „Schlachtbankchristus“ sind noch zwei Schlachterhaken frei: Sie mögen stehen für die beiden Schächer, die zusammen mit Jesus gekreuzigt wurden: einer von ihnen wendet sich höhnisch von Christus ab; der andere wendet sich an Jesus und bittet ihn um Erbarmen (Lk 23,39-43) Die Schlachterhaken können auch stehen für die ungezählten Menschen aller Jahrhunderte, die auf der Schlachtbank der Geschichte hingemetzelt wurden und werden. Die Leidensgeschichten der Menschen sind Gott nicht fremd; er hat sie in seinem Sohn selbst erlitten, durchlitten.

Heute ist Karsamstag: Tag der Grabesruhe, Tag des Dazwischen, Tag zwischen Leben und Tod. In der heutigen Nacht werden sich Christen auf dem ganzen Erdkreis an einem Feuer versammeln, um dort die Osterkerze zu entzünden. Sie stehen für Christus, den Auferstandenen. Bevor die Kerze am Feuer entzündet wird, werden fünf rote, manchmal auch goldene Wachsnägel in die Kerze gedrückt: sie symbolisieren die Wunden Jesu, die des geschlachteten Lammes. Wir werden wohl kaum wirklich Ostern feiern können, wenn wir unsere Augen vor der Realität des geschlachteten Lammes und den Schlachtopfern der Geschichte verschließen. „Gib deinen Frieden, o Jesu“ – mit dieser Bitte endet das Lied von Nikolaus Decius. Die Antwort des Auferstandenen ist „Der Friede sei mit euch!“

Bernd Holtkamp

4. April 2015, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Er ist bei denen, die in der Gosse liegen

Eine Nähe zum ursprünglichen Empfinden, das die Frauen und Männer überfiel, als sie Jesus angenagelt am Kreuz sahen.

Kreuze mit und ohne Corpus Christi. Sie stehen wie natürlich auf Friedhöfen, in Kirchen und Kapellen, auf Wanderwegen und Wegkreuzungen. Man kann sie entdecken über Hauseingängen und mancherorts in Hausmauernischen. Vertraut sind sie uns, wir haben uns daran gewöhnt, sie gehören zu unserer Kultur und Prägung. In den Todesanzeigen entdeckt man sie. Holzkreuze, Steinkreuze, Stahlkreuze, kleine Kreuze als Schmuckstück. Symbole des Todes, Zeichen der Trauer, Mahnungen des Abschieds vom Leben.

Erfassen wir allerdings damit die Grausamkeit des Kreuzes noch?

Die allerersten Christen mochten es nicht so benutzen, wie wir es tun. Ihnen standen die vielen Kreuze der ersten ermordeten Christen noch nah vor Augen. Das Mordwerkzeug der Henker lehnten sie als Symbol ab. Der Tod Jesu am Kreuz, sein elendes, langes Sterben, seine Qual zum Ende hin war für die, die Jesus vertraut hatten, unvorstellbar. Aus seinen Worten und Taten hatten sie Hoffnung und Vertrauen geschöpft.

Jesus wurde für sie zur Kraftquelle des Lebens. Er verwies sie auf Gott, den er „unseren Vater im Himmel“ nannte, den Schöpfer, Bewahrer und Liebhaber des Lebens.

Jesus, den Rabbi, den Weisen, den Lehrer, den Verehrten und Geachteten, den Geliebten so am Kreuz zu sehen: ungeheuerlich! Wie kann das sein? Das darf nicht sein! Empörung macht sich breit, Unverständnis. Das Kreuz: eine Beleidigung, Verhöhnung, Missachtung aller religiösen Gefühle, Blasphemie. Gott wird durch den Dreck gezogen. Keiner theologischen Interpretation wird es gelingen, aus dem widerlichsten Marterinstrument der Geschichte auch nur einen Schimmer an Verehrungswürdigem herauszudichten.

Ich habe lange vor dem von Alfred Grimm geschaffenen Werk „Christus in der Gosse“ gesessen, es auf mich wirken lassen und empfand Abscheu und Empörung und habe mich gefragt, kann man so mit einem Kruzifix umgehen, es in die Gosse neben Kehricht und Unrat legen, in den Schmutz und den Gestank?

Alfred Grimm aber schenkt uns mit seinem „Christus in der Gosse“ eine Nähe zum ursprünglichen Empfinden von Empörung, Wut, Enttäuschung und Trauer über das Unglaubliche und Unfassbare, das die Frauen und Männer überfiel, als sie Jesus angenagelt am Kreuz sahen. Somit hilft uns auch Grimms Arbeit zu begreifen, wie unser Gott in Jesus ist, ja, wie er von Anfang seiner Menschwerdung war. In einem Weihnachtslied heißt es:“…er liegt dort elend, nackt und bloß…“ in einem Futtertrog in einem stinkenden Stall.

ER ist bei denen die in der Gosse liegen, die ausgegrenzt, verstoßen, ausgenutzt werden, die nicht hineinpassen in die ordentliche, geordnete, kalte und unbarmherzige Gesellschaft der Besserwissenden und Selbstgerechten. Zu denen, die mittellos, übersehen und entrechtet sind, einsam und abgeschrieben, gesellt er sich. Mitten unter ihnen ist ER.

Ostern – morgen! – feiern wir dieses Wunder wieder. Ein Wunder der Zuwendung und Liebe, dass er da herausgeholt wurde und die mitnimmt, die nah am Abgrund sind, wie ER selbst es war und ER zu neuem Leben auferstand, damit die zu neuem Leben auferstehen, denen es richtig dreckig geht.

„Das Reich Gottes ist mitten untere euch“ hat Jesus gesagt. Und so endet nichts am Karfreitag, es fing in Wirklichkeit an.

Halleluja.

ER ist auferstanden.

ER ist wahrhaftig auferstanden.

Halleluja.

Friedhelm Waldhausen

4. April 2015, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Auf der Suche nach der verborgenen Botschaft

An das auslösende Moment kann ich mich noch gut erinnern. Alfred Grimm hört 1989 eine salbungsvolle Morgenandacht eines Weihbischofs im Autoradio und ärgert sich schwarz. Wie kann man den Gekreuzigten mit salbungsvollen Worten nur so zuschleimen?

Alfred Grimm fragt sich, ist das Christus nicht immer wieder passiert? Hat sich seine Kreuzigung in ihrer brutalen Realität in den Goldkettchen verflüchtigt, schön, glatt und wertvoll? Grimm beschließt, sich mit dem Gekreuzigten inhaltlich auseinanderzusetzen und schafft den Spaghettichristus als Antwort auf den Weihbischof. Der Gekreuzigte ist völlig zugeschleimt, seine Realität, seine Botschaft ist verborgen. Jetzt könnte der Künstler das Thema abhaken, doch siehe da, das Thema lässt ihn nicht los, genauer gesagt, der Gekreuzigte lässt ihn nicht los. 13 Arbeiten entstehen bis zum Frühjahr 1990. Die Presbyter der evangelischen Kirchengemeinde Dinslaken hatten den Mut, in der Karwoche 1990 die ersten 13 Kruzifixe in der Stadtkirche auszustellen. Der Fotograf Klaus Michael Lehmann erinnerte in seiner Einführung an Goethe, der im EWIGWN JUDEN sagen lässt: “Er war nunmehr der Länder satt, wo man so viele Kreuze hat, und man für lauter Kreuz und Christ IHN eben und SEIN Kreuz vergisst!“

Spannend an Alfred Grimms Kreuzigungsdarstellungen finde ich, dass er Über-Setzung leistet. Das macht neben dem künstlerischen Rang auch den theologischen Rang dieser Arbeiten aus. Wenn Grimm traditionelle Kruzifixe aktuell deutet, ist er Jesus nahe. Denn Jesus selbst ist mit der Tradition, die er vorfand, ähnlich umgegangen. Obwohl er als frommer Jude die Bücher der Thora mit den Weisungen des Gesetzes genau kannte und achtete, hat er die alten Gesetze aktualisiert und so seinen Zeitgenossen näher gebracht.

In der Bergpredigt sagt er: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist… Ich aber sage euch…“

Wie sehr Grimms Kruzifixe zum Denken und Umdenken einladen, zeigt das Echo der Besucher der ersten Ausstellung in der Evangelischen Stadtkirche in Dinslaken. “Grimms Kruzifixe bringen die Widersprüche dieser Welt auf den optischen Nenner.“

„Ist es nicht mehr als konsequent, wenn Alfred Grimm sehr engagiert uns mit seinen Arbeiten auf unsere Welt, die eben nicht heil ist, auf unser Verhalten, das nicht immer christlich ist, aufmerksam macht?“ oder „will uns die Ausstellung fragen, ob es noch einmal 2000 Jahre dauert, bis die Menschen zur Vernunft kommen?“

Ronny Schneider

4. April 2015, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Versteckter Schmerz unterm Schrubberlappen

Alfred Grimm enthüllt in seiner Kunst, was das Kreuz wirklich ist.

Die meisten Menschen in Deutschland haben sich an den Anblick eines Kreuzes gewöhnt. Manche tragen es sogar als persönlichen Schmuck und nur wenige wehren sich gegen dieses Zeichen in der Öffentlichkeit.

Ganz ähnlich haben wir uns auch an das Leiden der Menschen in der Welt gewöhnt, auch die schlimmsten Nachrichten des Tages gehören zum regelmäßigen Abendprogramm. Die Terrorgruppen aus dem Kalifat müssen schon immer grausamere Bilde bringen, um noch genügend Aufmerksamkeit zu generieren. Doch manchmal rückt uns der Schmerz anderer Menschen auch persönlich auf die Pelle, so wie jetzt, wo so viele (auch von hier) beim Absturz eines Airbus A320 in den französischen Alpen jäh aus dem Leben gerissen wurden. Sonderbar, man gewöhnt sich sogar daran; an Gewalt, an schlimmste Bilder, an Leid, ans Kreuz, ja man stumpft ab.

Alfred Grimm enthüllt uns in seiner Kunst, was das Kreuz wirklich ist. Ich mag seine Kruzifixe eigentlich nicht, aber sie lenken meine Aufmerksamkeit auf das, was das Kreuz mir sagen will. Beim Aufnehmerchristus muss man schon genauer hinschauen! Der Gekreuzigte entzieht sich unsren Blicken unter einem schmutzigen Lappen. In manchem Putzraum sieht es nicht anders aus. Mir kommt das Wort Jesajas in den Sinn: „Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden… Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzen ihn nicht.“ Auch Grimms Christus verbirgt sich vor unseren Augen unter einem Schrubberlappen. Irgendwo sauber zu machen, Dreck, Blut und Schweiß anderer wegzumachen, das gilt nicht als edelste aller Aufgaben und wird oft beschämend schlecht bezahlt. „Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“, schreibt Paulus über Jesus und „er wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich“. Das ist doch mit Christus unter dem Aufnehmer wunderbar ausgedrückt. Er ist sich nicht zu schade, auch unser Leid zu sehen und unseren verborgenen Schmerz. Er ist sich nicht zu schade, mein kleines, wenig aufregendes Leben zu teilen. Christus mit Schrubber und Schrubbereimer bringen mir einen etwas rätselhaften Psalmvers in Erinnerung: „Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde!...Entsündige mich mit Ysop, dann werde ich rein; wasche mich, dann werde ich weißer als Schnee.“ Wer wünscht sich das nicht manchmal: von allem befreit, was früher war… einen neuen Anfang machen zu können. Ich denke, das wäre ganz im Sinne Jesu.

Aber den Schrubber muss ich – in seiner Nachfolge – schon selbst in die Hand nehmen. Und einfach mal Reinemachen bei mir. Und dabei kommt er mir auch ein wenig näher, der Gottessohn. Mir scheint, dieser „schäbige“ Christus enthüllt uns mehr über den wahren Christus als so manche kostbare und schöne Darstellung des verherrlichten Herrn.

Markus Gehling

4. April 2015, Niederrhein Anzeiger » Originalartikel öffnen

Axt der Barbarei

Ja, die Kruzifix-Ausstellung von Alfred Grimm im Kloster Kamp ist brutal. Nein, sie will Jesus nicht verunglimpfen. Sie zeigt, was sein Tod auch war: eine Hinrichtung.

Von Ingo Plaschke

Am Niederrhein. Man ist im Namen der Kunst ja so einiges gewöhnt. Joseph Beuys erklärte einem toten Hasen die Bilder. Christoph Schlingensief rief lauthals „Tötet Helmut Kohl!“ Jonathan Meese grüßte bei Gelegenheit Adolf Hitler. Und immer wieder bringen Religionen und vor allem deren Vertreter Künstler auf provozierende und tabubrechende Ideen. In München wurde eine Buddha-Statue umgestürzt, in Pulheim wurde eine Synagoge mit Autoabgasen vergast, nicht nur in Paris wurde der Prophet Mohammed karikiert. Das muss man nicht alles gut, das darf man durchaus auch geschmacklos finden.

Wo aber endet die Freiheit der Kunst, die in Deutschland immerhin durch den fünften Artikel des Grundgesetzes geschützt ist?

Diese Frage mag man sich stellen, wenn man die steinigen Stufen zum Gewölbekeller neben dem Kloster Kamp hinuntergeht. Schließlich stellt hier gerade Alfred Grimm aus. Jener Künstler, der 1943 in Dinslaken geboren wurde und seit langem schon mit seiner Frau Barbara auf dem Land in Bruckhausen bei Hünxe wohnt. Das klingt zunächst einmal ziemlich harmlos, dabei sorgt dieser Mann regelmäßig und weit über die keinen Welten des Ruhrgebiets hinaus für große Schlagzeilen. Weil er schon seit Jahrzehnten Jesus Christus kreuzigt – auf seine ureigene Art, und weise.

Wie genau, das zeigen 30 seiner Kreuzgenossen, die aus seiner Endlos-Serie von mittlerweile 70 Kruzifix-Werken stammen. 14 weitere sind schon in Arbeit, zumindest im Kopf des ehemaligen Studenten der Kunstakademie Düsseldorf, bei Professor Karl Bobek und, das Etikett benutzt er nach eigener Aussage hemmungslos, bei Professor Joseph Beuys.

Seine Kreuzgenossen sind tatsächlich Kreuze aus Holz oder Metall, häufiger jedoch Kruzifixe, also künstlerische Darstellungen des gekreuzigten Christus. Die Kernsymbole seiner Kunstwerke sammelt der pensionierte Kunstlehrer des Dinslakener Theodor-Heuss-Gymnasiums auf Flohmärkten und übers Internet. Dabei kommt ihm ein drastischer Werteverfall zugute, 2015 nach Christi Geburt werden Jesus-Figuren oft schon für einen Euro gehandelt.

In seinem Atelier legt er dann, nicht selten nach einem tagträumerischen Einfall am Morgen, Hand an das Kind Gottes.

Mal legt er es zwischen zwei Brötchenhälften, mal beschmiert er es mit Ketchup, mal zerstückelt er es mit einem Messer und einer Gabel, mal hängt er es verkehrt herum an eine mit Hakenkreuzen beschmierten Häuserwand, mal sperr er es hinter eine Zielscheibe an einer durchlöcherten Wand, malkehrt er es in einen dreckigen Besenhaufen, mal wirft er es neben einem aus Polyester nachgebildeten Haufen Hundekot auf einem Gullydeckel.

Nein, die Kunst von Alfred Grimm ist für manche Menschen schwer verdaulich, unerträglich, nicht zu verstehen – und Gotteslästerung. Das weiß der Herr natürlich, er hat es bei seinen Ausstellungen genug erfahren. In ein altes Gästebuch wurde in Sütterlin-Schrift „Pfui!“ eingeschrieben, er erzählt von Besuchern, die ihm mit Schaum vor dem Mund eine Anzeige wegen Gotteslästerung androhten, sowie von der Frau, die dies die ekelhafteste Ausstellung sei, die sie je gesehen hätte.

Ja, die Kreuzgenossen von Alfred Grimm können provozieren und polarisieren, sie können verstören und verletzen. Aber nein, sie wollen nicht verunglimpfen. Weil das getaufte, konfirmierte und steuerzahlende Mitglied der evangelischen Kirche zwar bewusst aneckt, aber nicht um der Provokation, sondern um der Sache willen.

Selbstverständlich ist auch das Bild auf dem Ausstellungsplakat mit Bedacht gewählt. Es zeigt einen blutverschmierten Jesus am Kreuz. Daneben schlägt eine riesige Axt ein. Ein brutales Bild. Alfred Grimm hat es so gestaltet, weil auch die Kreuzigung Jesu eine brutale Tat war, eine Hinrichtung.

Der Künstler verhält sich wie viele seiner Kollegen, er sagt nicht viel zu seinen Werken. Das macht es dem Betrachter nicht immer einfach. Anderseits: Beim Anblick seines „Chemiechristus“, der vollgepumpt mit Arzneien am Kreuz hängt, ist der Gedanke an die Sterbehilfe nicht weit.

Alfred Grimm möchte, dass sich jeder ein Bild von seiner Kunst macht. Welches das sein kann, steht im Gästebuch: “Erschreckende Bilder, die zum Nachdenken anregen.“ – „Tolle Bilder, auch meine Jungs (16+14) waren sehr angetan. Danke!“.

13. März 2015, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

„Kreuzgenossen“ stellen Sichtweisen in Frage

Ab Samstag werden im Gewölbekeller des Kloster Kamps zahlreiche Kreuzobjekte des Hünxer Künstlers Alfred Grimm gezeigt. Die Ausstellungsstücke provozieren und machen nachdenklich.

Von Markus Plüm

Der Künstler Alfred Grimm ist am Niederrhein alles andere als unbekannt. Aus Hünxe stammend, stellt der Beuys-Schüler schon seit mehreren Dekaden seine Objekte nicht nur in der Region und ganz Deutschland, sondern auch im Ausland aus. So waren seine Werke auch schon in New York zu bestaunen. Seit bereits drei Jahrzehnten widmet er sich in seinen Arbeiten auch der Figur Jesu und seinem Kreuzestod.

Eine Auswahl der entstandenen Kruzifixe wird nun ab morgen im Gewölbekeller des Kloster Kamps ausgestellt. Denn das „Geistliche und Kulturelle Zentrum Kloster Kamp“ konnte Grimm und seine Kreuzobjekte für die Ausstellung „Kreuzgenossen“ gewinnen, die bis zum 7. Mai zu besuchen sein wird.

„Jesus ist in die Welt gekommen, er ist also unser Zeitgenosse. Ebenso muss Kirche heutzutage Zeitgenosse sein. Daher rührt der Ausstellungstitel ,Kreuzgenossen' “, sagt Peter Hahnen, der Leiter des Geistlichen und Kulturellen Zentrums auf dem Abteiberg. Bei seiner Arbeit gehe es immer um die Verbindung von Tradition und Gegenwart, daher sei der Gewölbekeller auch der ideale Ausstellungsort für die Kruzifixe: „Dieser alte Lagerkeller wird nun auch neu genutzt, wurde neu hergerichtet.“

Der Kontakt zwischen Hahnen und Grimm besteht schon seit Jahrzehnten: „Alfred Grimm war mein sehr gehasster Kunstlehrer. Erst nach vielen Jahren habe ich dann Zugang zu seinen Arbeiten gefunden“, sagt Hahnen schmunzelnd. Es sei aber nicht so, dass jetzt der Schüler die Werke seines Lehrers ausstelle. „Dafür liegt meine Schulzeit einfach zu lange zurück.“

Hahnen wird die Ausstellung am Samstag um 15.30 Uhr gemeinsam mit dem Münsteraner Kunsthistoriker Joachim Schneider eröffnen. Die Choralschola der Gemeinde St. Vincentius aus Dinslaken ist für die musikalische Gestaltung verantwortlich. Die Schau im Gewölbekeller widme sich dabei vor allem der spirituellen und politischen Komponente in Grimms Werken. „Sie stellen gewohnte Sichtweisen in Frage und fordern den Betrachter zu eigenen Interpretationen auf“, lautet es im Flyer zur Ausstellung. Gewohnte Sichtweisen infrage stellen - dieser Anspruch wird bereits beim ersten Anblick der zahlreichen Kruzifixe deutlich. In einer Ecke ist ein stilisierter Straßenkanal mit Gullydeckel zu sehen, neben einem Haufen Hundekot liegt ein schmutziges Kruzifix. An anderer Stelle ist ein Hakenkreuz auf Mauerwerk geschmiert, daneben hängt vor einem Papierfetzen mit den Worten „Juden fragen: Müssen wir wieder Angst haben?“ ein Kruzifix auf dem Kopf. „Auch wenn dieses Werk bereits vor ein paar Jahren entstanden ist, lässt sich die Brisanz zur aktuellen Situation nicht verleugnen“, sagt Peter Hahnen.

Alfred Grimm betont, dass er nicht bewusst provoziere: „Ich mache Sachen, die ich für richtig halte. Das muss allerdings nicht jedem gefallen.“ Gefallen hat der 71-Jährige am Ausstellungsort gefunden: „Der Gewölbekeller ist ein sehr stimmungsvoller und passender Ort, sehr professionell eingerichtet.“ Wer seine Werke einmal betrachten möchte, kann dies im Ausstellungszeitraum täglich tun. Von Sonntag bis Freitag ist der Gewölbekeller von 11 bis 17 Uhr, samstags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei, am Eingang kann jedoch eine Spende hinterlassen werden.

Info

Eingebettet in die Reihe „Himmelwärts“

Im Kloster Kamp Vom 28. März bis 31. Mai wird im Museum Kloster Kamp die Ausstellung „Heiliges verpacken – Reliquiengefäße fürs Heute“ zu sehen sein. Diese Schau ist in die Reihe „Himmelwärts“ des Museumsnetzwerkes Niederrhein eingebettet.

Lesung Peter Hahnen veranstaltet zudem am Sonntag, 22. März, ab 11.30 Uhr die Lesung „Feuer oder Marmelade“ in der Abteikirche Kamp. Thema ist Jesus in alten und neuen Texten. 12. März 2015, NRZ » Originalartikel öffnen

„Kreuzgenossen“ im Klosterkamp

Ab Samstag zeigt der Bruckhausener Objektkünstler Alfred Grimm eine Auswahl seiner teils provokanten Kruzifixobjekte im Gewölbekeller. Sie sind gesellschaftliche wie spirituelle Denkanstöße

Von Bettina Schack

Hünxe / Kamp-Lintfort. Sie provozieren und polarisieren, verstören und zeugen zugleich von einem unerschöpflichen Ideenreichtum: die Kruzifixobjekte gehören zu den großen Serien des Objektkünstlers Alfred Grimm. Vom 14. März bis 7. Juni ist ihnen eine eigene Ausstellung im Gewölbekeller des Klosters Kamp gewidmet. Titel der Werkschau: „Kreuzgenossen“.

Alfred Grimm weiß, wie man mit Kunst Denkprozesse anstößt. Die Ankündigung zur Ausstellung kam im Pizzakarton in die Redaktionen. „Karfreitag-Pizza“, belegt mit Bildern, nicht mit Fleisch, aber eben auch nicht liturgisch Brot und Wein, sondern ein Basislebensmittel von heute. Und wieder einmal steckte mehr in der Verpackung als nur ein schnelles Konsumieren von gestalteter Kunst.

In seinen Kreuzobjekten, genagelt, geklebt und übermalt aus Kruzifixen vom Flohmarkt, Eisenwaren und Objekten, die Alfred Grimm in seinem Atelier in Bruckhausen in endlosen Regalreihen ansammelte, stehen die Auseinandersetzungen eines Suchenden und Zweifelnden an eine höhere Macht und Kritik an die Mechanismen des Irdischen eng beieinander. Ein Geldberg wird zu Golgatha, Maria Magdalena sammelt Folterobjekte a lá „Fifty Shades of Grey“, Christus wird mit einer blutigen Axt am Kreuz in aller Drastik dahingeschlachtet oder in eine Reihe mit afrikanischen Voodoo-Masken gestellt.

Die Frage nach dem Warum?

Dem Schock folgt die Frage des Betrachters nach dem Warum? Manchmal ist diese Frage primär an den Künstler gerichtet, oft dringt sie aber tiefer in theologische und gesellschaftliche Dimensionen vor. Alfred Grimms Kruzifixobjekte wurden in den vergangen Jahren an vielen Orten in Deutschland und auch in der Schweiz ausgestellt. Und nun der Gewölbekeller im Kloster Kamp. Ein wenig schließt sich auch ein Kreis, Peter Hahnen, der Leiter des Klosters, war Schüler des Kunstlehrers Alfred Grimm am Dinslakener THG. Mehr als 80 Einzelwerke kleinen und großen Formates, als Hänge- oder Standobjekte konzipiert, entstanden seit der ersten Kruzifix-Ausstellung in der Ev. Stadtkirche in Dinslaken im Jahre 1990.

Alfred Grimm beruft sich dabei auf historische Vorbilder. Im Mittelalter änderte sich das Jesus-Bild der Menschen. Wurde in der frühen Romanik Jesus am Kreuz als triumphierender Sieger über Leid und Tod dargestellt, gewann in der Gotik eine realistische Darstellung des leidenden Menschen mehr und mehr an Bedeutung. Im Kölner Raum wurde das Bild des Schmerzenmanns bis an die Grenze des Erträglichen gesteigert, jene Darstellungen von Leid, Schmerz und Folter treffen den Betrachter ebenso, wie wenn der Beuys-Schüler Grimm sinnbildlich zur Axt greift.

Nun also werden Grimms „Kreuzgenossen“ im Gewölbekeller des Geistlichen und Kulturellen Zentrums Kloster Kamp in Kamp-Lintfort, dem europaweit bekannten, ersten Zisterzienser-Kloster auf deutschem Boden, über einen Zeitraum von zweieinhalb Monaten gezeigt. Die Einführung im Rahmen der Vernissage am Samstag, 14. März, um 15 Uhr hält Joachim Schneider aus Münster, ein trefflicher Kenner des künstlerischen Werkes von Alfred Grimm, der Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte in Münster studiert hat.

Rahmenprogramm zur Ausstellung

Am Sonntag, 22. März, um 11.30 Uhr, findet aus Anlass der Ausstellung eine musikalisch-literarische Matinee mit dem Titel „Feuer oder Marmelade? Die Figur Jesu in alten und neuen Texten“ in der Marienkapelle der Abteikirche statt (www.kloster-kamp.eu).

Im Anschluss daran führt Alfred Grimm durch seine Ausstellung. Und wer Grimm kennt, der weiß, wie seine kleinen „Dönneken“ die informative Diskussion beleben.

11. März 2015, Niederrhein Anzeiger » Originalartikel öffnen

Kreuzgenossen

Vom 14. März bis 7. Juni 2015: Kruzifix-Objekte von Alfred Grimm im Kloster Kamp

Die mehr als 80 Einzelwerke wurden seit der ersten Ausstellung in der Ev. Stadtkirche in Dinslaken im Jahre 1990 gestaltet und sorgten in über 25 Ausstellungen in ganz Deutschland für Furore. Nun nach 30 Jahren ein Wiedersehen im Gewölbekeller des Kloster Kamp, der Abtei in Kamp-Lintfort:

Dinslaken.Kamp-Lintfort Im Geistlichen und Kulturellen Zentrum Kloster Kamp e.V. in Kamp-Lintfort am Niederrhein (www.kloster-kamp.eu) dem europaweit bekannten ersten Zisterzienser-Kloster auf deutschem Boden, wird in den schönen Räumen des Gewölbekellers vom 14. März bis 6. Juni 2015, also über einen Zeitraum von zweieinhalb Monaten, eine Ausstellung mit einer Auswahl der Kruzifixobjekte des niederrheinischen Künstlers Alfred Grimm gezeigt. Dieser lange Zeitraum ist möglich, da das Museum an keine kirchlichen Feieretage gebunden ist. Joachim Schneider M.A. aus Münster (trefflicher Kenner des künstlerischen Werkes von Alfred Grimm, studierte Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte in Münster) wird zur künstlerischen Gestaltung und der geschichtlich-theologischen Wirkung der Kruzifixserie von Alfred Grimm eine Einführung geben.

Am Sonntag, 22. März, findet aus Anlass der Ausstellung „Kreuzgenossen“ eine musikalisch-literarische Matinee in der Marienkapelle der Abteikirche statt. „Feuer oder Marmelade? Die Figur Jesu in alten und neuen Texten.“ (Rezitation & Blockflöte, diverse Mitwirkende) Beginn ist 11.30, Ende 12.30 Uhr. Im Anschluss daran (ca. 12.45 Uhr) führt Alfred Grimm durch seine Ausstellung.

Wer sich umfassender mit den Kruzifix-Objekten auseinandersetzen will, hat Gelegenheit im Gespräch über Grimms künstlerischen Werdegang u.a. über seine Schulzeit am Gymnasium in Dinslaken beim Kunsterzieher Helmut Drees, als Beuys-Schüler an der Düsseldorfer Kunstakademie, über Werkentstehung, aus Leben und dem künstlerischen Schaffen in den verschiedenen Ateliers ausführliche Hintergrundinformationen zu erfahren.

Künstlerische Sachfragen, theologische Probleme und Fragen zum Verständnis der Werke, die bei der Betrachtung der Kruzifixobjekte entstehen, können mit dem Künstler in einem freien Gespräch und in allgemeiner Diskussion geklärt werden.

Und wer Grimm kennt, der weiß auch, wie ein kleines „Dönneken“, ein munteres Erlebnis, glücklich ausgegangene Missgeschicke – hier und da eingefügt – die informative Diskussion beleben und erheitern können.

09. März 2015, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Grimms Kreuze reisen ins Kloster Kamp

Am 14. März eröffnet im Kellergewölbe des Kulturzentrums die Ausstellung „Kreuzgenossen“, in der 26 Kreuzobjekte des Künstlers Alfred Grimm zu sehen sein werden. Dazu müssen die Kunstwerke nach Kamp-Lintfort transportiert werden.

Von Florian Langhoff

Hünxe Im Lager von Künstler Alfred Grimm stapeln sich Holzkisten unterschiedlicher Größe. Darin lagern einige der Kreuzobjekte, die ihren Weg nach Kamp-Lintfort zur Ausstellung im Kloster Kamp antreten sollen. „Extra verpackt habe ich die Objekte nicht“, erklärt der Künstler. „Bilder könnte man einfach stapeln oder gegeneinander legen. Dis Objekte würden sich gegenseitig zerstören.“ Dann hebt er eine der Kisten auf ein Rollbrett und fährt sie zu seinem Transporter. „Die Objekte fahre ich selbst nach Kamp-Lintfort. Einige sind allerdings so schwer, dass ich zum Verladen und Entladen Hilfe brauchte“, sagt der Künstler. Die Ausstellung „Kreuzgenossen“, die für drei Monate im Kellergewölbe des Klosters Kamp zu sehen sein wird, erfordert vollen Einsatz.

Wie es dazu kam? Als Alfred Grimm erfuhr, dass mit Dr. Peter Hahnen einer seiner ehemaligen Schüler, der Leiter des Klosters wurde, nahm er sofort Kontakt auf. „Noch bevor er an seinem neuen Schreibtisch saß, hatte er schon eine Mail von mir“, sagt Grimm scherzend. Die beiden sprachen über eine mögliche Ausstellung und mit der Osterzeit 2015 war schnell ein Termin gefunden. Was Alfred Grimm zu einem neuen Produktivitätsschub verhalf. „Einige der Kreuzobjekte erblickten erst in den vergangenen drei Monaten das Licht der Welt“, erläutert der Künstler.

Doch nicht nur zum Erstellen weiterer Objekten nutzte er die Zeit vor der Ausstellung. „Ich musste schauen, was überhaupt ausgestellt werden kann. Und dazu habe ich mir erstmal einen Überblick über die Kreuzobjekte in meinem Lager verschafft“, sagt der Schüler von Joseph Beuys. Eine schweißtreibende Angelegenheit, in deren Rahmen Alfred Grimm nicht nur genau die Maße seiner Objekte nahm, sondern diese auch Fotografieren lies. Aus den Fotos ist der Katalog „Kruzifix-Objekte“ entstanden, in der gut 80 der Kunstwerke festgehalten sind, teilweise mit mehreren Detailaufnahmen.

Die Auswahl der Werke, die in der Ausstellung zu sehen sein werden, überlies der Künstler dem Leiter des geistlichen und kulturellen Zentrums, Dr. Peter Hahnen. „Er hat mir einen Vorschlag gemacht, welche Werke man ausstellen könnte und ich habe nur ein paar weitere Werke ergänzt, von denen ich glaubte, dass sie passen könnten“, erklärt Alfred Grimm. Der Künstler setzt sich seit vielen Jahren mit dem Kreuzestod Christi auseinander. Die ausgestellten Objekte stellen einen Querschnitt seiner Arbeiten dar. Seine Objekte muten extrem an: Mal liegt Christus inmitten einer Ansammlung von Müll vor den Borsten eines Besens, mal wird er von einem Beil gespalten, und blutrote Farbe bedeckt seinen ganzen Körper. Provokant? Ungewöhnlich? Sicherlich, aber hinter den Bildern stecken ernste Gedanken. „Ich wollte die Qualen und das Leid, das dieser Mensch erlebt hat, sichtbar machen“, erklärt Alfred Grimm das gespaltene und mit roter Farbe gestaltete Abbild Christi. Er hofft, dass seine Arbeiten Anstöße geben, sich mit dem Lebens- und Leidensweg Jesu auseinanderzusetzen.

„Ich möchte eine gute Ausstellung machen. Ich weiß nicht, wer kommen wird, um sich das anzuschauen. Vielleicht kommt ja jemand und kauft die gesamte Ausstellung“, ulkt Grimm mit Blick auf seinen ehemaligen Lehrer Joseph Beuys, bei dem der Kauf einer kompletten Ausstellung den Erfolg auf dem Kunstmarkt begründete. „Das wäre natürlich nicht verkehrt.“

27. November 2006, NRZ » Originalartikel öffnen

Die Krux mit Grimms Kreuzen

Seit 20 Jahren regt der Künstler mit seinen Objekten zum Nachdenken an. Für „Kunst macht Geschichte“ entstanden zwei neue

Bettina Schack

Dinslaken. Steuern kann er seine künstlerischen Einfälle nicht. Doch dann ist es ein Bild, ein Traum im Halbschlaf oder ein beiläufiges Wort, das Alfred Grimm zupacken lässt. Zu Holz und Metall, zu Pinsel und Acryl, zu den tausenden von Fundstücken, die er in seinem Atelier in langen Regalreihen verwahrt. Dann entstehen Tortenstücke und Autounfälle, Grimms Mädchen oder Grimms Kruzifixe. Kreuze, an denen sich die Geister scheiden, provokant, anders und engagiert. Unbequeme Kunst für ein unbequemes Christentum, bohrende Stachel gegen die Verletzungen von Menschlichkeit. Der Ausgangspunkt für Grimms Kruzifixe ist der von Menschen erniedrigte, zum Tode verurteilte Mensch.

Ein Heiligenschein aus Patronenhülsen

Ein Heiligenschein aus Patronenhülsen, ein Christus im Müll. Blasphemisch? Schockierend? Oder Kunst, die mit Sehgewohnheiten bricht, aufrüttelt und zum Nachdenken anregt? Vor zwanzig Jahren, im April 1990, lud Pfarrer Ronny Schneider Alfred Grimm ein, erstmals 13 seiner Kruzifixe öffentlich zu zeigen. „Es ist ein großes Wagnis gewesen“, sagt der Künstler heute über die Entscheidung des Pastors für die Ausstellung in der evangelischen Stadtkirche. Die kontroversen Einträge im Gästebuch geben davon Zeugnis.

Genau diese Art Widerspruch ist es, was Grimm als Künstler braucht. „Es war, als hätte man das Blättchen einer Granate aktiviert“, erklärt er heute in seiner temperamentvollen Art. „Das Ding ging los: eine richtige Initialzündung“.

Zwanzig Jahre später listet Alfred Grimm an die 70 Kruzifix-Objekte auf. Nun sind zwei neue entstanden, Ende offen. Inspirationsquelle dieses Mal war ein Text mit einem der Grimmschen Herangehensweise ganz ähnlich veränderten Blickwinkel. Interessant: dieser Text war wiederum von einem Bild inspiriert.

Für die Ausstellung „Dinslaken – Kunst macht Geschichte“, in der vom 12. Dezember an 15 Künstler und Autoren aus Dinslaken ihre persönlichen Auseinandersetzungen mit historischen Fotos aus dem Stadtarchiv präsentieren, hat Martina Weinem eine Kurzgeschichte über das Hagelkreuz in Eppinghoven geschrieben. Christus am Kreuz spricht als Ich-Erzähler. Bei Wind und Wetter hänge er kaum bekleidet am Straßenrand, nur ein Schuljunge hätte Mitleid und Fantasie, wärme ihn mit einem Mantel und träume davon, ihn auf einen Kaffee einzuladen. „Ich war unbekleidet, ihr habt mir Kleidung gegeben, ich war gefangen, ihr habt mich besucht“, heißt es im Evangelium, „Nein“, sagt Martina Weinem, sie sei nicht bibelfest, kenne die Worte Jesu „was ihr an einen der Geringsten getan habt, habt ihr mir selbst getan“, nicht. Der Mensch am Kreuz habe sie einfach als Mensch berührt.

Und Grimm packte die Geschichte. Für die Ausstellung schuf er ein dem vorgegeben Format 60 × 80 Zentimeter entsprechendes Objektbild und ein zwei Meter hohes Kruzifix-Objekt.

Keine Ausstellung in katholischen Kirchen

Grimms Kruzifix in einer Gemeinschaftsausstellung. 21 Einzelausstellungen widmeten sich zwischen 1990 und 2003 dem Thema. Immer wieder waren Kirchen die Ausstellungsorte. „Aber nie waren es katholische“, stellt Grimm bedauernd fest. Drei Kirchen kauften Kruzifixe an, darunter die „Arche“ in Bruckhausen. Demgegenüber stehen vier Schulbuchverlage, die Kruzifixe von Grimm zum Aufhänger von Aufgaben machten.

Die Provokation schreckt halt doch, solange „Beuys-Schüler“ in Gästebüchern tatsächlich als Schmähung auftaucht. Für seinen „Aufnehmerchristus“, eine Christusfigur am Besenstil mit Wischmopp, „der den ganzen Dreck der Welt wegwischt“ habe ihn ein Presbyter in Koblenz beinahe wegen Blasphemie angezeigt, erzählt Grimm mit Bedauern, dass es nicht zum Rechtsstreit um die Kunst kam.

Irgendwann kommt halt die Aussage an. Wie bei Grimms Lieblingsobjekt „Christus in der Gosse“. In der Dinslakener Ausstellung 1990 wurde die Installation eines Kruzifixes im Dreck am Rand eines Gullideckels nicht gezeigt. Etwas später machte es die Hiesfelder Pfarrerin Lore Sagel zum Gegenstand einer Osterpredigt.

Die Ausstellung „Kunst macht Geschichte“

Die Ausstellung „Dinslaken – Kunst macht Geschichte“ im Museum Voswinckelshof wird am Sonntag, 12. Dezember, um 11 Uhr eröffnet.

Beteiligt an der künstlerischen Auseinandersetzung mit historischem Material aus dem Stadtarchiv Dinslaken in Wort und Bild sind Udo Buschmann, Annette Brands, Gudrun Bröckerhoff, Jess Geiger, Barbara Grimm, Alfred Grimm, Ingrid Hassmann, Asmaa Mengesha, Martina Reimann, Walburga Schild-Griesbeck, Marco Schmidt, Jutta Ulrich, Martina Weinem, Ruth Wendt und Margret Zehrfeld.

26. November 2006, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Frühstück für Christus

Manche bezeichnen Alfred Grimms Kruzifix-Objekte als mutige Kunst. Andere nennen sie abstoßend und gotteslästerlich. Erstmals zu sehen waren 13 Arbeiten 1990 in der Stadtkirche. Die Serie ist gewachsen. Das 70. Werk heißt „Hagelkreuzobjekt“ und steht demnächst im Museum Voswinckelshof.

Von Ralf Schreiner

Dinslaken/Hünxe Ein kahler Baum, ein leeres Holzkreuz. Davor ein Junge. Er hat die Christusfigur abgenommen und hält sie in seinen Armen. Neben ihm ein Hocker. Darauf ein Brötchen, eine Kaffeetasse und eine Jacke. Der Gottessohn soll beim Frühstück nicht frieren. „Hagelkreuzobjekt“ nennt Alfred Grimm seine neue Kruzifixvariation. Sie erzählt eine rührende Geschichte.

Geschrieben hat sie Martina Weinem (siehe nebenstehender Text). Die Dinslakener Sozialwissenschaftlerin und freie Autorin berichtet darin von Christus, der an einem Kreuz am Straßenrand hängt und über einen Jungen nachdenkt, der ihn jeden Tag besucht. Das Kind hat Mitleid mit dem halb nackten Mann. Es bringt ihm einen Mantel, ein heißes Getränk und etwas zu essen.

„Die Geschichte hat mich sofort auf eine Idee gebracht“, sagt Alfred Grimm. Die steht nun als raumgreifendes Kunstobjekt in seinem Atelier in Bruckhausen und wartet auf den Transport ins Museum Voswinckelshof. Dort ist das Werk – gemeinsam mit einem Objektbild, in dem Grimm dasselbe Thema in Acryl auf Leinwand variiert – ab 12. Dezember in der Ausstellung „Kunst macht Geschichte(n)“ zu sehen.

„Pfui!“ in Sütterlinschrift

Das „Hagelkreuz“ gehört nicht zu den Kunstwerken, die dem Betrachter die Zornesröte ins Gesicht treiben. Es ist harmlos, irritiert nicht einmal. Das war bei früheren Kruzifixobjekten anders. Das „Pfui!“ in Sütterlinschrift, das ein erregter Ausstellungsbesucher dem Künstler vor 20 Jahren ins Gästebuch schrieb, hat Alfred Grimm bis heute nicht vergessen. Er hat die alte Kladde aufbewahrt. Sie enthält eine Vielzahl ähnlich abfälliger Kommentare. Wo immer Grimm seine Kruzifixobjekte ausgestellt hat, verstörten sie die Menschen, stießen ab oder verletzten religiöse Gefühle.

Das verwundert nicht. Alfred Grimm konfrontiert den Gekreuzigten konsequent mit den Themen unserer Zeit. Er schießt auf ihn, seziert ihn, dreht ihn durch den Fleischwolf und rührt ihn in die Suppe. Mal liegt Christus auf dem Hackklotz, mal unter der Brotmaschine oder auf dem Komposthaufen. Der Künstler verwendet für seine Variationsobjekte, die allesamt den Opfertod des Gottessohnes als barbarischen Akt darstellen, industriell gefertigte Kruzifixe. Ein Symbol christlichen Glaubens also, das in seiner Entfremdung für Irritationen sorgen soll und muss.

In einem Interview mit der Rheinischen Post hat Alfred Grimm einmal gesagt: „Ich habe bei meinen Kruzifixausstellungen Besucher erlebt, die hatten vor Erregung Schaum vor dem Mund und haben – unter Androhung einer Anzeige wegen Gotteslästerung – die sofortige Beseitigung bestimmter Kreuzobjekte verlangt. Das Ganze gipfelte in der Aussage: Das sei die ekelhafteste Ausstellung, die sie je gesehen hätten.“

„Ein ganz großes Wagnis“

Es gibt andere Stimmen. Die Kruzifixobjekte haben auch Lob und Anerkennung bekommen. Viele Menschen sind beeindruckt, auf welch vielfältige, ja einzigartige Weise es dem Künstler gelungen ist, ein so traditionsreiches Thema wie den Kreuzestod Christi zu interpretieren. Alfred Grimm erinnert sich gern an die erste Ausstellung in der evangelischen Stadtkirche in Dinslaken. Die Vernissage war am 8. April 1990, einem Palmsonntag.

Dass Pastor Ronny Schneider ihm damals das Gotteshaus zur Verfügung stellte, rechnet Grimm ihm bis heute hoch an. „Das war ein ganz großes Wagnis“, sagt der Künstler. Zugleich war die Ausstellung für den 67-jährigen so etwas wie eine Initialzündung. Immer neuen Ideen folgten immer neue Kruzifixobjekte. Die 1968 mit einem „Karfreitagobjekt“ begonnene Serie ist in den vergangenen 20 Jahren mächtig gewachsen. Mittlerweile umfasst sie 70 Objekte. Zwei davon hat der Künstler verschenkt, acht hat er verkauft – drei davon an Kirchen.

INFO

Kunst-Geschichte(n)

Auf der Grundlage von historischem Bildmaterial aus den Beständen des Stadtarchivs haben 15 Künstler das Thema „Kunst macht Geschichte(n)“ an Beispielen aus dieser Stadt in Bild und Wort interpretiert.

Es geht um die gute alte Zeit, beziehungsweise das, was man sich gemeinhin darunter vorstellt, um Dinslaken in Bilddokumenten aus der Epoche von 1870 bis 1945, genauer: um Momentaufnahmen jener Zeit. Der Blick in die Vergangenheit erkläre die Gegenwart und verweise auf Künftiges, heißt es bei den Ausstellungsmachern, zu denen Martina Reimann und Ingrid Hassmann aus Voerde gehören. Zwischen den teils verfremdeten Exponaten von Udo Buschmann, Annette Brands, Gudrun Bröckerhoff, Barbara und Alfred Grimm, Asmaa Menghesha, Martina Reimann, Walburga Schild-Griesbeck, Marco Schmidt und Margret Zehrfeld werden Papierfahnen hängen mit lyrischen Texten und Gesichten von Jess Geiger, Ingrid Hassmann, Jutta Ulrich, Martina Weinem und Ruth Wendt.

Die Ausstellung mit Begleitprogramm wird von Sonntag, 12. Dezember, bis 23. Januar kommenden Jahres laufen.

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11. Februar 2006, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Man muss die Menschen aufregen

INTERVIEW Der Karikaturen-Streit wirft Fragen auf: Was darf Satire? Was darf Kunst? Alfred Grimm hat mit seiner Kunst oft Grenzen überschritten, auch die des guten Geschmacks. Ralf Schreiner sprach mit dem Künstler.

Ihre Kruzifix-Objekte haben, wo immer sie zu sehen waren, heftige Reaktionen hervorgerufen. Sie haben verstört, abgestoßen, religiöse Gefühle verletzt. Als Sie den „Laib Christi“ – ein in Brot gebackenes Kruzifix – im Vinzenz-Hospital röntgen ließen, war das Geschrei besonders groß. Beim Anblick einer Christusfigur auf dem Hackklotz hieß es: Gotteslästerung! Wie begegnen Sie solchen Vorwürfen?

Grimm Wenn man Schüler ist, oder als VHS-Mutti einen Malkurs belegt, dann malt man erst nur so vor sich hin, will Techniken erproben, malerische Übergänge vom Schatten zum Licht erzielen und ein schönes Bild malen. Im Laufe der Zeit vertieft und verbreitet sich dann das künstlerische Arbeitsfeld und da kann es sein, dass man dann Dinge macht, die bei anderen auf großen Unwillen oder echt empfundene Ablehnung stoßen. Dann beginnt der Kampf, dann steht das eigene Werk konträr zu den Erwartungen anderer Menschen. Ich habe bei meinen Kruzifixausstellungen Besucher erlebt, die hatten vor Erregung Schaum vor dem Mund und haben – unter Androhung einer Anzeige wegen Gotteslästerung – die sofortige Beseitigung bestimmter Kreuzobjekte verlangt und gipfelten das Ganze mit der Aussage: Das sei die ekelhafteste Ausstellung, die sie je gesehen hätten. Über den „eingemachten Christus“ war eine ganze Gruppe der Frauenhilfe hell empört. Für mich kam dieser Protest gerade für dieses kleine und bescheidene Objektchen völlig überraschend.

Aber Sie mögen Überraschungen.

Grimm Lege ich den Schwerpunkt auf das „Künstlerische“, dann ist die Frage ja in ein allgemeines, menschlich-positives System gerückt, dann darf man der Kunst keine Grenzen setzen und ich muss das machen, was ich für notwendig und erforderlich halte. Ich meine das so, wie es der Heilige Augustin sagt: „Dillige et quod vis vac.“ (Liebe, dann kannst du tun, was du willst). Es gibt andere radikalere Positionen, wie, wenn ich mich recht entsinne, Harald Szeemann, der schweizerische Ausstellungsmacher, sie einmal formuliert hat: Die Freiheit der Kunst muss sogar bis zu einem Mord gehen können, wenn dies der Entfaltung und der Arbeit des Künstlers notwendig dient. Das müsste man offen diskutieren.

Heißt das, Kunst muss sogar Grenzen überschreiten, um überhaupt ernst genommen zu werden?

Grimm Diese Frage ist nicht auf die Kunst beschränkt. Sie bezieht sich auch auf die Philosophie, die Naturwissenschaft, die Politik und – ganz aktuell – auf das Arbeitsgebiet des Fragenden, des Redakteurs: den Journalismus, die freie Presse. Wenn ich nicht im Mittelmäßigen verharren will: Ja, dann muss man bis an die Grenze des Möglichen gehen, muss diese Grenze sogar überschreiten und schauen, was es noch zu entdecken und zu bearbeiten gibt. Das empfinde ich als große Befriedigung, wenn mir das gelingt und ich kann im Unbekannten wühlen und toben, etwas Neues herauskramen … ob ich mich selbst oder damit die anderen Menschen schocken, ärgern oder aufregen werde, das darf mich bei dieser ersten Tätigkeit gar nicht berühren. Der junge Schiller hat auch gefordert: „Man muss die Menschen inkommodieren!“, das heißt: ärgern, aufregen, um es modern zu sagen: Heftig anmachen! Und wer zweifelt daran, dass dem Schiller dies – damals wie heute – gelungen ist.

Oft handelt sich Kunst den Vorwurf ein, nur um des Provozierens willen zu provozieren. Maurizio Cattelans Plastik „La Nona Ora – die neunte Stunde“ zeigt den gestürzten Papst, von einem Meteor erschlagen. Johannes Paul II. blickt zweifelnd zum Himmel. Viele Christen reagieren auf Cattelans Religionskritik schockiert und fühlen sich beleidigt. Wie sollte man mit solcher Kunst umgehen?

Grimm Man kann mit solchen Dingen nicht „umgehen“. Jeder muss die Arbeit auf sich wirken lassen, dazu Stellung nehmen, sich selbst entscheiden, mit anderen diskutieren und dieses Werk beurteilen. Wie die „Kirche“ als gesellschaftliche Institution darauf antwortet, das ist eine ganz andere Frage. Können Sie sich vorstellen, wie riesig die weltweite Reaktion gewesen wäre, wenn nicht der Papst, sondern Mohammed erschlagen auf dem Boden gelegen hätte?

Wenn ein paar Karikaturen in einer dänischen Zeitungen die islamische Welt derart in Aufruhr bringen, dass Fanatiker zum Kampf der Kulturen blasen, kann ich mir das gut vorstellen. Dagegen war die Reaktion auf Cattelan nicht mal ein Sturm im Wasserglas.

Grimm Was kann das aufzeigen?
A: Unsere Kultur ist so weit aufgeklärt, dass diese künstlerischen Werke mit ihrer wie auch immer intendierten Aussage verkraftet wird.
B: Die Bedeutung und die vitale Kraft der christlichen Kirchen sind schon extrem reduziert, dass es zu einem wirksamen öffentlichen Protest gar nicht kommen kann. Ich neige der zweiten Deutung zu.

Ein anderes Beispiel: Dem Künstler Gregor Schneider, der 2001 für sein „Totes Haus Ur“ auf der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen für Deutschland gewann, wurde verboten, auf dem Markus-Platz seinen schwarzen Kubus aufzustellen. Begründung: Der Würfel ähnele zu sehr der Kaaba, dem zentralen Heiligtum des Islam in Mekka, und könnte Ziel eines Anschlags werden. In Deutschland sah man durch das Verbot die Freiheit der Kunst bedroht. Wenn Vorsichtsmaßnahmen dieser Art zur Regel werden, könnte diese Angst berechtigt sein. Wie sehen sie das?

Grimm Na, ja? Die Ähnlichkeit des schwarzen Würfels zur Kaaba ist sehr augenfällig. Aber die Sachen der Kunst sind nie nur Gegenstände, die dem Betrachter entgegenstehen, sie sind immer auch Ausdruck innerer Befindlichkeiten und gleichzeitig gesellschaftlicher Dimensionen. Diese Sache ist doch wie ein Vorgang in der Politik: die Opposition kann leicht dahintraben; sie muss nicht als Ackergaul den Regierungskarren ziehen.

Zurück zum Karikaturenstreit. Es gibt ja nicht nur den Mob, der auf der Straße Hassparolen skandiert und Fahnen verbrennt. Auch gemäßigte Muslime kritisieren den Westen wegen dieser Zeichnungen. Offensichtlich sind die Karikaturen ein willkommener Anlass, den Europäern mal die Meinung zu sagen. Etwa nach dem Motto: Wir fühlen uns schlecht behandelt. Behandelt uns anders. Wie sollte der Westen reagieren?

Grimm Diese Tatsache ist nicht zu leugnen: Die veröffentlichten Bilder zeigen nicht nur das Antlitz von Mohammed, sie verstoßen gegen ein Dogma, ein nicht zu diskutierendes Gesetz des Islam. Ich erinnere an die Dogmen der Katholischen Kirche. Bis in die neueste Zeit haben Küng, Drewermann und der Priester, der mit den Protestanten gemeinsam das Abendmahl gefeiert hat, sich bis in existenzielle Nöte und heftige Kämpfe mit der offiziellen, harten Haltung des Vatikan auseinander setzen und ihre persönlichen Konsequenzen ziehen müssen. Und das 500 Jahre nach Luthers Reformation und rund 200 Jahre nach der für Europa (außer Spanien!) unglaublich bedeutenden Zeit der Aufklärung. Diese für uns befreienden Epochen haben die islamischen Staaten und Menschen nicht durchgemacht. Ebenso wenig zu leugnen ist: Das Angebot verschiedener islamischer Gruppen, zu einem vermittelnden Gespräch auf verschiedenen Ebenen, lange vor der Eskalation durch die Politisierung der angeheizten Stimmung, ist von wichtigen europäischen Menschen nicht angenommen worden. Der Schmerz einer Verletzung ist gut nachzuvollziehen. Jetzt, wo die bildnerischen Äußerungen sich instrumentalisieren lassen, ist das Ganze noch schwerer zu steuern. Es ist aber immer noch unglaublich beeindruckend, welch ungeheure, breite Sprengwirkung eine gezeichnete, interpretierende Darstellung auf einem Stück Papier 2006 noch haben kann. Es zeigt sich dort aufs Neue die ungebrochene Kraft der Kunst.

INFO
Kleine Werkschau

Alfred Grimm eckt gern an und kratzt gern an Tabus. Ein Blick auf einige seiner Arbeiten:
1990: Die Evangelische Stadtkirche Dinslaken zeigt 13 Kruzifix-Objekte. Die Besucher sind irritiert. Manche loben Grimm für seinen Mut, andere reden von „Schweinerei“. Mittlerweile gibt es über 60 Kruzifixe kleinen und großen Formats, die in über 25 Ausstellungen in ganz Deutschland zu sehen waren.
1990: Objektfenster für die Evangelische Kirche „Unsere Arche“ in Hünxe-Bruckhausen.
1993: Mahnmal im Dinslakener Rathauspark
1995: „Mutter-Erde-Stuhl“, 1998 wird das Objekt in Meerbusch zensiert; es fliegt aus der Gemeinschafts-Ausstellung „Kunst grenzenlos“. Frauen fühlten sich beim Anblick des aus einem gynäkologischen Stuhl gefertigten Werks in ihrer Würde verletzt. Der Dinslakener Künstler Udo Buschmann nahm daraufhin aus Protest gegen die Zensur auch seine Bilder ab.
2001: „Die Baustelle“, Beitrag für den Dinslakener Skulpturenweg. Bretter, Sandhaufen, Balken, eine eiserne Absperrung, eine Baugrube mit einer Soldatenplastik darin. Der Künstler buddelte direkt vor der Haustür des Baudezernenten Haverkämper. Ende 2005 wurde das Werk in Bronze gegossen und vor den Stadtwerken aufgestellt.
2003: „Versuchtes Paradies“. Das TV-Objekt zeigt Adam und Eva bei der Erfindung des Liebesspiels.

Ostern 2006, NRZ » Originalartikel öffnen

Die Auferstehung im Kreuz

SAKRALKUNST / Alfred Grimm übergab der evangelischen Kirche Unsere Arche in Bruckhausen ein gläsernes Altarkreuz.

HÜNXE.Die wenigen Sonnenstrahlen des gestrigen Karfreitags fielen durch das bunte Glas des Objektfensters der ev. Kirche Unsere Arche in Bruckhausen und erhellten das neue Glaskreuz auf dem Altar. Sie erfüllten die transparenten Quader mit Licht und brachen sich in den Splittern der Front. Das Altarkreuz, wie das Fenster ein Werk des Künstlers Alfred Grimm, ist nicht heil. Die Vorderansicht ist von tiefen Rissen durchzogen, Zersplitterungen durch vier Schmiedenägel, die in das klare, zerbrechliche Material getrieben wurden. Gewalttätig, brutal. Die Nägel selbst sind von der Wucht der Zerstörung deformiert. Ihre Positionen entsprechen den Stellen, an denen gewöhnlich die Christusfigur mit vier Nägeln ans Kreuz geheftet wird. Doch der Korpus fehlt an dem Glaskreuz Alfred Grimms. Jesus ist nicht im Tod zu finden. Das Altarkreuz macht die Auferstehung sichtbar, ohne das Leid auszublenden.

Mehr als ein Jahr lag zwischen der ersten Anfrage Pfarrer Matthias Schüttes und der feierlichen Übergabe des Werks während des Karfreitagsgottesdienstes. 18 verschiedene Entwürfe stellte Grimm vor, die Entscheidung für ein gläsernes Kreuz ohne Korpus bedeutete auch für ihn einen völlig neuen Zugang zum Kruzifix. Nicht der „fürchterliche Tod“ der Kreuzigung, auf den Grimm in seinen 60, im Internet unter www.alfred-grimm.com einzusehenden Kruzifixen aufmerksam machte, sondern die gleichzeitige Darstellung von Tod und Auferstehung in einem einzigen Objekt. Ein Novum. Die minimalistische Umsetzung lässt der theologischen Aussage des Kunstwerkes den Vortritt. Gedanken zum Kreuz standen im Zentrum des Karfreitaggottesdienstes. „Das Kreuz stellt nicht Gott in Frage, sondern die Weisheit der Menschen: Wo Menschen ihre Herrschaft ausüben, ist Gewalt, zerspringt Leben, bleiben Scherben oder zumindest Risse“, schloss Pfarrer Matthias Schütte seine Betrachtung.

Alfred Grimm stellte das Kreuz in die kunstgeschichtlicher Tradition, setzte den Kruzifixaussagen der Romanik, Gotik und Renaissance seine neue Symbolik entgegen. „Man wird an den Tod erinnert, aber der, der diesen Tod erleiden musste, ist nicht mehr zusehen, ist fort.“ Positive Gedanken formulierten auch Presbyterin Anette Theil und Chorleiter Hans Alefs. Wie das Objektfenster lädt das neue Werk Alfred Grimms zur eigenen Betrachtung und Meditation ein. Das Glas assoziiert göttliche Wahrhaftigkeit und Klarheit, die den Menschen zugewandte Front hat durch ihre Gewalt Schaden erlitten. Das Kreuz reflektiert die dunkle Seite und zeugt zugleich von der Hoffnung, die Jesus Auferstehung in der Welt entzündet.

Ostern 2006

Ein Glaskreuz voller Licht

Vier Nägel, gesplittertes Glas. Vom Gekreuzigten keine Spur. Alfred Grimm hat für die evangelische Kirche „Unsere Arche“ in Bruckhausen ein Glaskreuz mit einer eindeutigen Botschaft gestaltet: Christus ist auferstanden.

HÜNXE Nie war so viel Licht, nie so viel Leichtigkeit in einem Symbol das für Leid und Tod steht. Dunkelheit und Düsternis sind besiegt. Die Helligkeit triumphiert. „Die Kreuzigung kann nicht das Letzte sein“, sagt Alfred Grimm. „Dieses Kreuz steht für die Auferstehung. Christus hat durch seinen Opfertod die Sünden auf sich genommen und die Menschen erlöst. Der Tod ist überwunden,ist nur noch geistige Erinnerung.“

Leuchtende Farben Sicherheitsglas mit Hufnägeln – in einen leichten, zerbrechlichen Werkstoff hat Grimm schweres Eisen getrieben. Die Wucht des Einschlags hat das Material springen lassen. In den Sprüngen brechen sich Farben – es ist das tiefe Blau und glühende Rot, das satte Grün und strahlende Gelb des großen Altarfensters. Wenn die Sonne hindurchscheint, leuchtet es besonders kräftig. Auch dieses Fenster ist ein Werk des Künstlers, der ganz in der Nähe des Gotteshaus lebt und arbeitet. Grimm hat es vor 13 Jahren geschaffen. Eine weitere Arbeit ziert seit 1999 die Turmkrone des Gotteshauses: eine Taube in einem goldenen Bogen, der ein Segelschiff überspannt.

Baumstümpfe und Ketten

Grimm-Kunst für die „Arche“ – das hat schon Tradition. Als Pfarrer Matthias Schütte für den neu gestalteten Chorraum ein passendes Altarkreuz suchte, klopfte er erneut beim Nachbarn an. Das war im Januar 2005. Bereits Ende August lagen die Entwürfe auf dem Tisch – 18 Zeichnungen, und drei Modelle. Das Presbyterium war beeindruckt und entschied sich, für das Glaskreuz – 80 Zentimeter hoch, 50 breit, elf tief. Die Landeskirche genehmigte den Beschluss. Aus dem Modell wurde ein Original. Im Dezember ging der Auftrag an Glasfirma Stricker raus, im Januar fügte der Voerder Kunstschmied Lutz Isselhorst die Nägel ein. Am 1. Februar gab Alfred Grimm das Werk ab. Die Auseinandersetzung mit dem Thema hat bei Grimm neue Ideen freigesetzt. Bislang umfasst seine in den 80er Jahren begonnene Kruzifixserie über 60 Objekte. Demnächst werden wohl noch einige hinzukommen. Die Entwürfe, die auf dem Weg zum Arche-Kreuz entstanden sind, drängen nach Umsetzung. Illuminierte Glaskuben sind da zu sehen, übereinander gestapelte Baumstümpfe, Kruzifixe aus natürlich gewachsenen Ästen, von denen schwere Ketten baumeln. Jesus am Zollstock. Ein Kreuz mit einem Leichentuch aus Glas.

Darunter Leere, absolutes Nichts. Der Tod ist besiegt. Es ist ein vollständiger, endgültiger Sieg, wie ihn der Künstler auch, in seinem „Keilkreuz“ dargestellt hat. Der Entwurf wurde in der Evangelischen Kirchengemeinde als geheimer Favorit gehandelt. Zu Recht. Schon das Modell beeindruckt. In die Spitze des Kreuzes ist ein mächtiger Keil getrieben. Er spaltet den Balken, zerstört das Holz, an dem Jesus den Opfertod starb. Am Fuß des Kreuzes liegt Werkzeug: ein Hammer, eine Zange, Nägel. „Ein schweres, dunkles Altarkreuz wäre das geworden“, erklärt Grimm. Eines aus Eisen. Nicht zu vergleichen mit dem, das der Gemeinde gestern im Karfreitagsgottesdienst übergeben wurde. Darin, fängt sich das Licht. Darin, strahlt österliche Hoffnung.

Über 60 Objekte

In der ersten Ausstellung mit Kruzifixobjekten von Alfred Grimm waren 1990 in der Evangelischen Stadtkirche in Dinslaken 13 Arbeiten zu sehen. Mittlerweile gibt es über 60 dieser Objekte. Das Glaskreuz ist das zweite, das von einer Kirchengemeinde angekauft wurde. Das erste Kruzifix hat die katholische Kirchengemeinde Bochum erworben. Einblick in die Kruzifixserie gibt es auf der Homepage des Künstlers: www.Alfred-Grimm.com

08. März 2003, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Alfred Grimm stellt in Büderich neue Objekte aus

Die letzten Kruzifixe: Jesus im Kugelfang

Von RALF SCHREINER

DINSLAKEN/HÜNXE. Vielleicht hätten sie Jesus zunächst gekreuzigt und dann auf ihn geschossen. Ein sportlicher Wettkampf, nur so zum Spaß. 100 Punkte für einen Treffer ins Herz, 50 für die Dornenkrone. Römer waren grausam. Alfred Grimms Golgatha ist es auch. Seit 1990 führt der Künstler (Jahrgang 1943) aus Hünxe den Betrachter zu Schädelstätten, die die Menschen empören, schockieren, aufrütteln oder sie betroffen schweigen lassen. Über 60 Einzelwerke kleinen und großen Formats, konzipiert als Hänge- und Standobjekte, hat Grimm seit der ersten Ausstellung in der Evangelischen Stadtkirche in Dinslaken geschaffen. In über 25 Ausstellungen in ganz Deutschland sorgten sie für Furore. Jetzt gibt es neue Objekte: „Die letzten Kruzifixe“ sind vom 8. März bis zum 31. April in der Evangelischen Kirche in Büderich zu sehen.

Römische Folterknechte

Der „Römische Christus“ gehört dazu. Alfred Grimm hat den Gottessohn in einen durchlöcherten Kugelfang genagelt. Er macht ihn zur Zielscheibe von Hohn und Spott, zum perfekten Opfer. Dabei spürt er einmal mehr der Frage nach, wie sich dieser Spott hier und heute in einem zivilisierten, modernen Land äßern würde. Wie würde sie ausfallen, die Wahl der Waffen. Pumpgun und Pistole? Beides gab es noch nicht im Jahr 33 des Herrn. Die Folterknechte begnügten sich mit Kreuzigung. Eine zwar legale, aber brutale und schmerzvolle Hinrichtungsmethode für Verbrecher und aufständische Sklaven. Zudem sehr schmachvoll und gesellschaftlich verachtet.

Der Kreuzestod hat viele Gesichter. Alfred Grimm wird nicht müde, möglichst viele davon zu zeigen. Der formale Ausgangspunkt ist immer gleich. Die historischen Kruzifixe gelangen von Trödelmärkten und Dachböden, als Geschenk oder Mitbringsel in die Hand des Künstlers. Bei der Gestaltung der Objekte ist sich Grimm ebenfalls treu geblieben. Er geht den vor 13 Jahren eingeschlagenen Weg konsequent weiter, baut Knochen, Spielzeug und Drogenspritzen, Fernseh- und Computerteile sowie Alltagsmüll und unzählige Gebrauchsgegenstände in seine Werke ein. Grimm provoziert durch Verfremdung; er scheut auch dann nicht vor grotesker Überzeichnung zurück, wenn ihm – wie schon häfig geschehen – der Vorwurf grober Geschmacklosigkeit droht.

Kopfüber stürzt er Christus aus einem zersplitternden Spiegel, macht ihn als Klon zum Objekt wissenschaftlicher Begierde und als Voodoo-Püppchen zur exotischen Wohnzimmerdekoration. Hier baumelt der Heiland an einer brandschwarzen Mauer mit weißem Hakenkreuz, dort spießt ihn der Künstler auf einen Fleischerhaken und lässt ihn ausbluten wie ein geschlachtetes Lamm. So viel Radikalität verstört, wühlt auf und erschreckt. Doch der Schrecken birgt Erkennen und führt damit über die physische Beschaffenheit des Objekts hinaus. Er dringt bis zur Seele vor.

Die Ausstellung in Büderich wird heute um 19.30 Uhr eröffnet. Öffnungszeiten: zu den Gottesdiensten. Am 30. März findet um 11 Uhr nach dem Gottesdienst ein Gespräch mit dem Künstler statt.

2003

Alfred Grimm
Kruzifixe und Mahnmal auf Postkarte

DINSLAKEN. Sechs von Alfred Grimms insgesamt über 60 Kruzifixobjekten gibt es jetzt auch als Postkarte zu kaufen. Ausgesucht hat der Künstler die Motive Spaghettichristus, Afrikanischer Missionschristus, Christus mit Patronennimbus, Schmuckchristus II, Künstlerchristus und Wissenschaftschristus. Ergänzt wird das Set von einer Karte, die das jüdische Mahnmal im Dinslakener Stadtpark zeigt und mit Unterstützung der Stadt Dinslaken erstellt wurde. Die Künstlerkarten kosten drei Euro im Set, 50 Cent im Einzelverkauf. Sie sind in verschiedenen Dinslakener Buchhandlungen sowie in der neuen Galerie an der Lessingstraße zu haben. ras

10. März 2003, NRZ » Originalartikel öffnen

Grimms Werke wollen provozieren

AUSTELLUNG | / Die letzten Kruzifixe in der Büdericher Kirche sollen zum Nachdenken anregen und zu neuen Einsichten führen.

JULIA BERNS (Text)
MARC ALBERS (Fotos)

WESEL. Jesus der blutüberströmt und kopfüber wie Schlachtvieh an einem Fleischerhaken hängt – diese schockierende Darstellung mit dem Titel „Schlachtbankchristus“ gehört zu den Objekten der Austellung „Die letzten Kruzifixe“ des Hünxer Künstlers Alfred Grimm, die seit Samstag in der evangelischen Kirche Büderich zu sehen ist.

Die Werke des Beuys-Schülers Grimm provozieren, rufen Empörung, manchmal auch Entsetzen und Ablehnung hervor, machen gleichzeitig aber auch nachdenklich und führen zu neuen Einsichten. Sie zeigen allesamt einen unwürdigen Tod, stellen die Frage nach Verantwortung und dem Stellenwert der Religion in der heutigen Gesellschaft.

Konfrontation mit dem 21. Jahrhundert

Der Künstler konfrontiert den Kreuzestod Christi mit Themen des 21. Jahrhunderts wie Gewalt, Krieg und Gentechnik. Eine Darstellung wie die des Jesus auf der Schlachtbank ruft ins Bewusstsein zurück, dass das Kreuz, das zum Sinnbild der Christenheit und zum beliebten Schmuckgegenstand geworden ist, einst einen brutalen und menschenverachtenden Akt darstellte.

In der Kombination mit verschiedenen Materialien verfremdet Grimm das Thema, stellt es in neue Sinnzusammenhänge. In der Darstellung eines Versuches, bei dem Kreuze wie Zellen geklont werden, kommt das Allmachtsverlangen des Menschen zum Ausdruck, der Gott zum Gegenstand seiner Schöpfung macht. Die Wissenschaftsgläubigkeit tritt an die Stelle der Religion. Wohin dieser Weg führt, bleibt offen.

Der Betrachter wird einbezogen

Ein anderes Objekt zeigt die Umrisse eines Kreuzes an der Wand, die Kreuze selbst liegen achtlos im Mülleimer. Der Bezug zum Kruzifix-Urteil ist offensichtlich. Manchmal geht der gekreuzigte Christus inmitten von goldenem Kitsch unter, liegt ölverschmiert zwischen rußgeschwärztem Militärspielzeug oder kaum sichtbar in einem Dreckhaufen auf dem Boden.

Die Werke sind eine Herausforderung zur Selbstreflexion an den Betrachter, der durch Spiegel oft direkt in die Darstellung mit einbezogen wird. Die Ausstellung von Alfred Grimm bietet reichlich Diskussionsstoff und stößt sicherlich auch auf heftige Ablehnung, aber sie will nicht belehren.

Die Besucher haben noch bis zum 21. April während der Gottesdienste und Andachten Gelegenheit, sich eine persönliche Meinung zu bilden. Auf Anfrage werden auch Führungen angeboten.

05. März 2003, Der Weseler » Originalartikel öffnen

Die letzten Kruzifixe von Beuys-Schüler Alfred Grimm

Ausstellung in der evangelischen Kirche Büderich

Büderich. Die Kultur- und Kunstreihe „Kleinod“ in der evangelischen Kirche Büderich wartet mit einer ungewöhnlichen Ausstellung auf, die am Samstag, 8. März, um 19.30 Uhr eröffnet wird.

Unter dem Titel „Die letzten Kruzifixe“ werden Werke des Künstlers Alfred Grimm aus Hünxe gezeigt. Joachim Schneider Münster wird am Eröffnungsabend dieser 29. Kleinod-Veranstaltung eine Einführung zum Verständnis der modernen und provozierenden Kruzifix-Objekte geben.

Der Beuys-Schüler Alfred Grimm hat seine Kruzifix-Objekte schon mehrfach ausgestellt und damit gleichermaßen Begeisterung wie entschiedene Ablehnung hervorgerufen. Die Objekte sind, wie das eigentliche Kreuzesgeschehen anstößig und vermitteln einen Eindruck von der brutalen Gewalt, mit der die Römer nicht nur Jesus, sondern zigtausend Menschen haben hinrichten lassen.

Grimms Kruzifixe sind keine industrielle Massenware oder auf Hochglanz polierter religiöser Kitsch. Seine Objekte taugen nicht als modisches Accessoire. Der Künstler versteht seine Werke als kritische Statements zum Umgang mit dem Kreuz. Mit künstlerischen Mitteln leistet er seinen aktuellen Beitrag zur Deutung der Kreuzigung Jesu. Der Künstler hofft, dass seine „letzten Kruzifixe“ Anstöße geben, sich mit dem Lebens- und Leidensweg von Jesus Christus näher auseinander zu setzen.

Die Ausstellung ist bis zum 21. April während der Gottesdienste und Andachten in der evangelischen Kirche zu sehen. Am Sonntag, 30. März, findet im Anschluss an den 10 Uhr-Gottesdienst um 11 Uhr ein Gespräch mit dem Künstler statt. Auf Anfrage gibt es auch Führungen (02803/1007 und 8190).

06. März 2003, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

„Kleinod“ in Büderich: Hünxer Künstler stellt aus

Vom Heilssymbol zum Kitsch: Kruzifix

WESEL. Mit einer ungewöhnlichen Ausstellung wartet die Kultur- und Kunstreihe „Kleinod“ in der Evangelischen Kirche Büderich auf. Ab Samstag, 8. März, 19.30 Uhr, werden dort unter dem Titel „Die letzten Kruzifixe“ Werke des Hünxer Künstlers Alfred Grimm gezeigt. Zur Eröffnung der Ausstellung spricht Joachim Schneider aus Münster.

Begeisterung und Ablehnung

Der Beuys-Schüler Grimm hat seine Kruzifix-Objekte schon mehrfach ausgestellt und damit beim Publikum gleichermaßen Begeisterung wie entschiedene Ablehnung hervorgerufen. Seine Kruzifixe sind keine industrielle Massenware oder auf Hochglanz polierter religiöser Kitsch. Der Hünxer versteht seine Werke als kritische Statements zum Umgang mit dem Kreuz. Mit künstlerischen Mitteln leistet er seinen aktuellen Beitrag zur Deutung der Kreuzigung Jesu. Grimm hofft, dass seine „letzten Kruzifixe“ Anstöße geben, sich mit dem Lebens- und Leidensweg Jesu näher auseinander zu setzen.

Die Ausstellung ist bis zum 21. April während der Gottesdienste und Andachten zu sehen, am Sonntag, 30. März findet im Anschluss an den 10-Uhr-Gottesdienst um 11 Uhr ein Gespräch mit dem Künstler statt. Auf Anfrage werden auch Führungen angeboten (Tel: 0 28 03 / 10 07 oder 81 90).

Nähere Informationen gibt es im Internet unter www.alfred-grimm.com.

07. April 1990, NRZ » Originalartikel öffnen

Alfred Grimms Ausstellung

Kruzifixe vom Beuys-Schüler brisant variiert

DINSLAKEN. Eine außergewöhnliche und gleichermaßen delikat-brisante Ausstellung erwartet die Dinslakener Stadtkirche während der Karwoche. Kruzifixe in vielen Variationen, artfremd ergänzt mit allerlei Material von Trödelmärkten und Schrottplätzen: in den Objekten finden sich Autos, Flugzeuge, Spritzen, Ampullen, Plastiksoldaten, Modellpanzer, Farbtöpfe und Elektrokabel-Dinge, die alle ihren speziellen Bezug zur heutigen Zeit haben. Die Kunst stammt von Alfred Grimm, hiesiger Künstler und Kunsterzieher am Dinlakener Theodor-Heuss-Gymnasium, der sich intensiv mit der Kreuzigung Jesu befaßt hat. Bei seinen Arbeiten geht Alfred Grimm von traditionellen Kruzifixen aus. Doch wie ungewöhnlich er dann mit vorgegebenen Kreuzigungsmotiven weiterarbeitet, läßt in ihm den langjährigen Beuys-Schüler erkennen. Er nimmt die Materialien der Kruzifixe auf, lädt aber beispielsweise dem gewaltlosen Messing-Christus noch Messing-Patronenhülsen auf die Schultern. Mit der gewagten Zugabe von Fundstücken erhält der Gekreuzigte unmittelbare Aktualität. Die Werkreihe hat deshalb auch Titel wie „Spaghetti-Christus“, „Künstlerkruzifix“ und „Christus im Leid“.

Die Gestaltung der einzelnen Arbeiten läßt die ernsthafte theologische Auseinandersetzung des Künstlers Grimm mit der Bedeutung des Opfertodes durchscheinen. Für Alfred Grimm sind seine Darstellungen in der Stadtkirche Dinslaken „da, wo sie hingehören“. Auf die Wirkung bei den Besuchern und Gläubigen ist er jetzt schon gespannt.

Eröffnung der Kunstausstellung im Altarraum der Stadtkirche, Duisburger Straße, ist am Palmsonntag, 8. April, um 10.30 Uhr in Anschluß an den Gottesdienst. Zu sehen sind die Kruzifixe bis Ostermontag, 16. April. Die Ausstellung ist täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

25. November 1994, Stadtspiegel Dorsten » Originalartikel öffnen

Radikal und provokant

Gotteslästerung oder brisante Kunst?

Dorsten. Eine außergewöhnliche Ausstellung wird am Sonntag, 29. November, nach dem Gottesdienst um 11.30 Uhr im Ev. Gemeindezentrum Barkenberg Talaue 68, eröffnet. Alfred Grimm, Künstler und Kunsterzieher am Theodor-Heuss-Gymnasium in Dinslaken, stellt die Kreuzigung Jesu in immer neuen Variationen dar. Einen ersten Einblick in die Arbeiten konnte die Öffentlichkeit zur Eröffnung des neuen Ateliers in Hünxe 1989 gewinnen. Inzwischen folgten Ausstellungen in der Dinslakener Stadtkirche und der Apostel-Notkirche in Essen.

Alfred Grimm geht in diesen Objekten von traditionellen Kruzifixen aus. Doch wie ungewöhnlich er dann mit vorgegebenen Kreuzigungsmotiven weiterarbeitet, läßt den Künstler als langjährigen Beuysschüler erkennen. Er nimmt die Materialien der Kruzifixe und lädt zum Beispiel dem gewaltlosen Christus aus Messing Patronenhülsen aus dem gleichen Material auf die Schultern. Und mit so oft gewagten Zugaben von Fundstücken aus Trödelmärkten und Schrottplätzen erhält der Gekreuzigte unmittelbare Aktualität.

Die Gestaltung der einzelnen Arbeiten läßt die ernsthafte theologische Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Kreuzigung erkennen. Für Alfred Grimm sind seine Darstellungen der Kreuzigung im Ev. Gemeindezentrum „da, wo sie hingehören“. Und Pfarrer Bernhard Korn ist auf die Wirkung dieser Kunstwerke auf die Gemeindemitglieder sehr gespannt: „Werden die Objekte auch nicht allen Besuchern gefallen, so können sie doch anregend auf die Gespräche in der Gemeinde wirken und dafür sorgen, daß kirchliche Themen in der Öffentlichkeit diskuiert werden.“ Die Ausstellung bleibt bis zum 4. Januar 1993 im Ev. Gemeindezentrum Barkenberg. Sie ist geöffnet Sonntags von 11.30–13 Uhr, dienstags von 18–20 Uhr, zu den Öffnungszeiten des Gemeindebüros und nach telefonischer Vereinbarung unter 0 23 69/83 56.

25. März 1996, Rhein-Zeitung Koblenz » Originalartikel öffnen

Die Kreuzigung für unsere Zeit gedeutet

Kruzifix-Objekte in der Christuskirche

KOBLENZ. RED. Christus als Zeitgenosse, der in Bayern durch Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus Klassenzimmern ausgegrenzt wurde: Um diese Idee läßt der Künstler Alfred Grimm aus Hünxe/Niederrhein seit mehr als fünf Jahren seine Vorstellungen kreisen, entwickelt Kunstwerke mit hintergründigem, geheimnisvollen Glaubensbekenntnis, mythisch-mystisch verwobenem Credo.

Die Reaktionen der Betrachter auf die Objekte des Beuys-Schülers schwanken zwischen „beeindruckender Kunst auf hohem Niveau“ und „geschmackloser Gotteslästerung“. Grimm geht es darum, mit künstlerischen Mitteln in die Deutung der Kreuzigung für unsere Zeit einzusteigen. Mit seinen Botschaften will er aber keineswegs in Konkurrenz treten zur Geistlichkeit.

Kunstwerke sollen sie sein und bleiben. In Antiquariaten und auf Trödelmärkten „für ein paar Silberlinge“ erworbene Kruzifixe, teils beschädigt, zerbrochen, dem traditionellen Auge unästhetisch geworden, setzt Grimm in Beziehung zu Themen, Problemen unserer Zeit.

Für den kirchlichen Bereich hat Grimm in seinem Wohnort Hünxe ein Kirchenfenster gestaltet, das auf den Farbscheiben Gegenstände des täglichen Lebens in plastischer Dimension als Blickfang und Struktur appliziert hat. So entstand das in der europäischen Glaskunst wohl einmalige „Objektfenster“ im Chorraum des Gemeindezentrums, das sich inzwischen unter Kunstinteressierten zu einem „Wallfahrtsort“ entwickelt hat. Für die evangelische und katholische Kirchengemeinde in Dinslaken hat er ein lebensgroßes Bronzemahnmal gestaltet, das mit bedrückendem Tiefgang an die Deportation der Kinder des jüdischen Waisenhauses in der Reichspogromnacht erinnert.

Die Kruzifix-Objekte von Alfred Grimm sind bis zum 14. April in der Christuskirche zu sehen: dienstags bis freitags, von 14 bis 16 Uhr. Samstags und sonntags, jeweils eine halbe Stunde vor und nach den Gottesdiensten.

17. März 1998, WZ Wuppertal » Originalartikel öffnen

In der Kunst landet Christus in der Gosse

Im Museum der Vereinten Evangelischen Mission sind noch bis zum 3. Mai Kruzifix-Objekte des Beuys-Schülers Alfred Grimm zu sehen.

Von Susanne Bien

Was hätte Christus wohl zu dieser Ausstellung gesagt? „Herr Grimm, ganz großartig. Sie müssen selbst am Kreuz gehangen haben“ – das wäre vielleicht seine Meinung gewesen, meint der Künstler Alfred Grimm, dessen Kruzifixobjekte sicher einige Besucher schockiert. Dabei sind die Exponate keine Blasphemie, vielmehr fragt sich der Hünxer Künstler, welche Bedeutung der christliche Glaube noch hat.

Heidi Koch vom Völkerkundlichen Museum bedauert, daß den Bewohnern der Industrieländer nichts mehr heilig ist und die Medien den pietätlosen Umgang mit menschlichen Werten fördern. Was dem abgestumpften Konsumenten egal ist, überhöht Grimm plastisch und drastisch mit Requisiten vom Flohmarkt. Christus wird beschmutzt, landet in der Gosse, wird auf einer Intensivstation am Leben erhalten, er wird geklont, er liegt im Ölteppich, den der Golfkrieg hinterlassen hat, und im Mülleimer eines bayrischen Klassenzimmers.

Grimm reagiert auf Ereignisse, ohne kopflastig an Theorien zu hängen. Die Exponate der Ausstellung stammen aus einem Kruzifix-Zyklus von über 40 Objekten, an dem Alfred Grimm schon lange arbeitet. Grimm ist ein Schüler von Joseph Beuys.

„Obwohl gelegentlich eine gewisse thematische Verwandschaft zwischen Grimms Arbeiten und denen anderer Künstler besteht, nutzt keiner wie er eine derart große Zahl von vorhandenen, zum Zwecke der Andacht gefertigten Kruzifixen, um diese in gesellschaftskritischer Absicht als Objekte künstlerisch zu ergänzen“, so Dr. Bernd Krysmanski in seiner Einführung. Die Ausstellung im Völkerkundlichen Museum, Missionsstraße 9, dauert bis zum 3. Mai.

31. März 1994, BILD » Originalartikel öffnen

Kunst in der Kirche
Christus im Dreck

Alfred Grimm (51) studierte bei Joseph Beuys, zeigt in der Immanuelkirche (Pionierstraße 61) 21 ungewöhnliche Kruzifixe: Jesus im Dreck, umgeben von Heroin-Spritzen, eine blutige Axt in der Schulter.

Der Künstler: „Meine Auseinandersetzung mit dem Glauben. Die Idee hatte ich bei einer Morgen-Andacht im Radio nur langweiliges labern. Da machte ich den Spaghetti-Christus.“

Pfarrer Martin Tischler (45) holte die Kunst-Objekte in seine Kirche: „Sie sollen die Betrachter zum Nachdenken bringen.“

Die Ausstellung ist bis Ostermontag vor und nach den Gottesdiensten zu sehen

ak

10. August 1996, NRZ » Originalartikel öffnen

Grimm brachte Jesus zum Röntgen

Künstler plant Werk zur „Auferstehung“

Dinslaken. Schlimm steht es um den kleinen Patienten, der gestern zur Röntgenabteilung des St.-Vinzenz-Hospitals gebracht wurde. Seine Knochen sind aus Metall, seine Gedärme nur bunte Kabel, an Händen und Füßen sind Wundmale zu finden: Die Gestalt Christi selbst ist es, die an diesem Morgen auf dem Röntgentisch liegt!

Eine Nachbildung des Künstlers Alfred Grimm, der den Gottessohn unter der fachmännischen Begutachtung der medizinisch-technischen Assistentinnen Luise Bull, Barbara Simon und Anke Hornschuh in die richtige Aufnahmeposition brachte. Zufrieden hielt er schon nach wenigen Minuten die Röntgenaufnahme seines Jesus in den Händen: „Man kann die

Jesus geröntgt

Rippen richtig gut erkennen!“

Die Idee zu der Aufnahme, die später in ein kleines Objekt eingearbeitet werden soll, kam Grimm vor einiger Zeit, als sein Knie geröntgt werden mußte. Er machte sich Gedanken, was wohl mit Jesus geschehen wäre, wenn er in unserer Zeit hingerichtet worden wäre. „Bestimmt hätte man ihn von Amts wegen obduziert und durchleuchtet“, so der Bruckhausener, „um vielleicht etwas Optisches von Wirkung und Wesen des Gottessohnes zu erfahren.“

Zwar hat die Gestalt Christi in den verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Aussehen schon viele differenzierte ästhetische Wertungen und theologische Interpretationen erfahren. Die Durchleuchtung des Körpers Christi aber ist die erste existierende Röntgenaufnahme in der Geschichte der Kunst.

Stephanie Lettgen

15. Februar 1997, Rheinische Post

Konditorei Maier fertigt Brot-Objekte von Alfred Grimm

„Ein Laib Christi“ aus dem Backofen

Dinslaken/Hünxe. Zur morgigen Eröffnung seiner Kruzifix-Ausstellung im Essener Heliand-Zentrum wird Alfred Grimm Brote mitbringen. Kein gewöhnliches Backwerk, sondern „Kunst-Brote“. Titel: „Ein Laib Christi“, Auflage: 15. Die Dinslakener Konditorei Maier hat die Objekte aus Salzteig gebacken. Das Besondere an den Laibern: eine eingeprägte Christusfigur am Kreuz.

Nach der nicht unumstrittenen Röntgen-Aktion im vergangenen Sommer – der Künstler ließ im Vinzenz-Hospital eine Christusfigur röntgen – führt Grimms Suche nach dem „Geheimnis des Glaubens“ den Betrachter nun an den Abendmahlstisch. Daß bei der Fertigung der Objekte kein gewöhnlicher Brotteig verwendet wurde, hat rein konservatorische Gründe. „Bei normalem Teig wäre das alles wahrscheinlich viel zu schnell auseinandergefallen“, so Grimm. Das soll nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Objekt durch die Verwendung nicht traditionellen Materials schon von der Anlage her nicht für die Ewigkeit bestimmt ist. Es will sie lediglich spiegeln, oder besser: mit künstlerischen Mitteln einen Anreiz bieten, ernsthaft nach ihr zu suchen.

Die Ausstellung an der Bochumer Landstraße 270 ist bis zum 28. März, montags bis freitags 9 bis 12 Uhr, mittwochs und donnerstags 14 bis 16 Uhr, sowie sonntags jeweils eine halbe Stunde vor und nach den Gottesdiensten geöffnet. Die Vernissage beginnt morgen um 17 Uhr.