Grimms Mädchen

25. Juli 2008, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

„Grimms Mädchen“

„Grimms Mädchen“ ist der Titel einer Ausstellung, die das Preußen-Museum in Wesel ab 17. August zeigt. Zu sehen sind Objekte, Bleistiftzeichnungen, Gouachen, Acryl- und Ölbilder des Hünxer Künstlers Alfred Grimm.

Von Ralf Schreiner

HÜNXE/WESEL Mädchen, immer wieder Mädchen. Sitzend, stehend, liegend, schweigend, träumend, ins Gespräch vertieft. Alfred Grimms Skizzenbücher sind voll von Porträts, Halb- und Ganzfiguren, von Paaren, Gruppen und Akten. Und damit das Ganze nicht langweilig wird, sind hin und wieder ein paar Jungen dabei.

Junge Menschen

Den Schwerpunkt der Weseler Ausstellung bilden einmal nicht die Objekte 65-jährigen Künstlers. Der Focus richtet sich auf Grimms neue Lust am Zeichnen. Die resultiert aus einer alten. Junge Menschen als Bildthema haben Alfred Grimm schon immer fasziniert. Überraschend ist die Intensität, mit der der Künstler in den zurückliegenden fünf Jahren zu Werke ging, um seinen jugendlichen Modellen all die Bewegungen, Posen und Blicke abzuringen, die er benötigte, um daraus Momentaufnahmen fern jeglicher Eitelkeit zu gestalten. Die Bilder bestechen durch ihre natürliche Schlichtheit. Da ist nichts Spektakuläres oder Laszives, allenfalls ein Hauch versteckter Erotik wird mitunter spürbar, „Grimms Mädchen“ geben sich vollkommen ungezwungen und entspannt.

Am entspannsten ist Eva. Das frivole Püppchen aus Grimms TV-Objekt „Versuchtes Paradies“ treibt’s mit Adam auf Kanal Sex. Es ist das wohl frivolste aller TV-Objekte, die je das Atelier des Künstlers verlassen haben. Und genau deshalb gehört es in diese Ausstellung. Dort zwitschern Vögel, Bienen summen, ein Tiger brüllt und Eva stöhnt. Laut und lustvoll tönt es aus dem illuminierten Farn. Die Versuchung ist blond und barbusig. Adam erliegt ihr stehend. Rythmisch wackelt der Fernseher. Eden-TV. Grimms Schau-Objekt zeigt Adam und Eva nach dem Sündenfall als quietschvergnügtes Pärchen, das sich ungeniert miteinander verlustiert. Es ist die Minute nach dem Apfelbiss, die Zeit des Erwachens aus unschuldigem Schlummer, des Einander-Erkennens, wie es in der Bibel heißt. Anders als van Eyck, Cranach und Michelangelo, Dürer, Rembrandt, Chagall und viele andere Künstler bedeckt Grimm die Szene nicht mit einem Feigenblatt.

Künstliches Paradies

Er lässt – und das ist bislang einmalig in der europäischen Kunstgeschichte – Adam und Eva nicht schamvoll die Blicke senken und keusch den Schoß bedecken. Seine Eva schenkt dem Betrachter das zuckersüße Lächeln einer blond gelockten Barbie-Puppe, die wonnevoll ihren Adam umarmt.

Dieses Lächeln ist so küstlich wie alles in diesem Paradies. Der Frosch, die Maus, die Fliege auf dem Steinpilz. Die Bäume und Blumen. Erst recht die schwarze Gumminatter, die von aufßen ins Chassis kriecht.

Gleich nebenan gibt es eine weitere „Erotik-Show“ der besonderen Art. „Das kleinste Liebespaar der Welt“ treibt’s zwischen Reagenzgläsern. Mit bloßem Auge ist wenig zu erkennen. Aber Grimm sorgt vor. Er hat die Liebenden unter eine Lupe gelegt. Peep!

30. Juli 2008, Der Weseler » Originalartikel öffnen

Die Versuchung inszeniert

Über die „feine Leimrute“ eines „Hünxer Eulenspiegels“

Wesel. Alfred Grimm ist Kunstfreunden im Raum Wesel durchaus bekannt: 1997 zeigte er seine Arbeiten in der Städtischen Galerie im „Centrum“. Seine zeitkritischen Kruzifixe hingen zuletzt im Jahr 2003 in der evangelischen Kirche Büderich im Nikolausstift.

Der vom Meister als Hilfestellung an unkundige Schreiberlinge weitergereichte Pressetext formuliert genüsslich: Grimms neue Lust am Zeichnen resultiert aus einer alten Tradition. Junge Menschen als Bildthema haben den Künstler schon immer fasziniert. Überraschend ist die Intensität, mit der er in den zurückliegenden fünf Jahren zu Werke ging, um seinen jugendlichen Modellen all die lebendigen Bewegungen und freien Blicke abzuringen, die er benötigte, um daraus Momentaufnahmen fern jeglicher Eitelkeit zu gestalten. Ob Porträts, Halb- oder Ganzfiguren, Paare, Gruppen, Akte – die Bilder bestechen durch ihre natürliche Schlichtheit.

„Grimms Mädchen“ – ein paar Jungs sind auch dabei – geben sich vollkommen ungezwungen und entspannt. Eine feine Leimrute hat der Hünxer Eulenspiegel da wieder ausgelegt. Grimm lockt den Betrachter, befriedigt aber nicht dessen voyeuristischen Blick. Ganz Spötter und Spaßvogel, enttarnt er die Peep-Show als harmloses Spiel. Dabei geht es ihm nicht um Mythen, sondern um farbenfrohe Tagesaktualität. Grimm sendet nicht live. Ein Bewegungsmelder lockt den Betrachter in die Endlosschleife jenseits von Eden.

Und wieder dient ein ausgeweideter Fernseher als Rahmen und zugleich zeitgenössische Bühne, um eine alttestamentarische Geschichte nicht neu, aber anders zu erzählen. Grimms Paradies ist eine Baustelle, und als solche macht er sie sichtbar. Es ist der künstlerische Versuch, Versuchung zu inszenieren. Klebepistole, Zange und Schraubendreher zieren den Werktisch, gerade so, als habe er sie soeben erst aus der Hand gelegt.

Diplomatie war nie Alfred Grimms Sache. Der Künstler arbeitet spontan, assoziativ, lustvoll und furchtlos. Er gefällt sich in der Rolle des Provokateurs. Er wäre nicht das erste Mal, dass er mit einem Objekt in die Schusslinie selbst ernannter Sittenwächter gerät. Erinnert sei an den Kunst-Skandal von 1998 in Rees und Meerbusch, als sein „Mutter-Erde-Stuhl“ der Zensur zum Opfer fiel und aus der Ausstellung entfernt wurde.

Ganz offiziell

Ein Provokateur auf Teufel komm raus? Mitnichten! Alfred Grimm wird von offizieller Stelle regelmäß als Auftragskünstler „gebucht“.

Ein Kirchenfenster der evangelischen „Arche“ in Hünxe gestaltete er mit Glasmalerei. Vom ihm stammt das Bronze-Mahnmal als Erinnerung an die ehemalige Jüdische Gemeinde am Dinslakener Stadtpark. Für das dortige St. Vinzenz-Hospital schuf er die Gedenkstätte für die Clemens-Schwester Euthymia.

Auch überregional wirkt Grimm seit 1980.

13. August 2008, Niederrhein Anzeiger » Originalartikel öffnen

Grimms Mädchen im Preußen-Museum

Alfred Grimm zeigt aufwühlende Werke im Rahmen der Rheingold-Reihe

Hünxe. Alfred Grimm ist ein künstlerisches Multitalent, das Wert auf traditionelle zeichnerische Wurzeln legt. Alle Großen des Genres haben natürlich auch Brotjobs gemacht. Michelangelo gar im päpstlichen Dienst eine ganze Kapelle ausgemalt. Es kommt aber auf das Wie und die Haltung an. Denn man kann es ja auch einfach gut machen.

Mit seiner wohldosiert provokanten Haltung ist Alfred Grimm zu einem Markenzeichen über den Niederrhein hinaus geworden. Auch öffentliche Aufträge wie die Gestaltung eines Kirchenfensters der evangelischen „Arche“ in Hünxe oder das Bronze-Mahnmal im Dinslakener Stadtpark zum Gedenken an die ehemalige Jüdische Gemeinde stammen aus seinem Atelier.

Erdung nie verloren

Als Beuys-Schüler kam er auch mit dem internationalen Kunstmarkt in Berührung. Aber er hat seine Erdung „im Hier und Jetzt“ nie verloren. Meister haben immer auch Schüler und so war seine Tätigkeit als Kunstlehrer am Theodor-Heuss-Gymnasium in Dinslaken für ihn künstlerisch ein Geben und Nehmen: Auch Andreas Deja, der inzwischen auf eine Weltkarriere bei Disney zurück blicken kann, ging durch Grimms harte Schule. Die Schüler sind natürlich auch seine Modelle; „Grimms Mädchen“ eben. Aber auch Jungen, Momentaufnahmen – mal betörend schön, mal sachlich und erschreckend. „Je nachdem wie die Modelle drauf waren.“ Stimmungen kann er wirklich einfangen. Züchtig bekleidet, aber dennoch anzüglich: Erotisches, Banales oder Aggressives. Diese Skizzen hat er nachträglich koloriert und zu einer beeindruckenden Serie entwickelt. Die nun neben anderen spannenden Werken und Skulpturen im Preußen-Museum präsentiert werden. Sein großes Thema ist die Versuchung und ihre unterschiedlichen Formen: Wie die Dauerversuchung Fernsehen und seine werbegestützten Versprechungen. Seine Materialien findet er auch schon mal auf dem Sperrmüll und läßt sich davon inspirieren. Das biblische Thema des Sündenfalls wird bei ihm zur bunten TV-Skulptur – inklusive Apfel. Gern lockt er mit Klischees, die er dann ebenso gern bricht und mit viel Selbstironie inszeniert.

Sonderführung

Der Verein r(h)ein-kulturwelt ist stolz, in seiner Rheingold-Reihe am 28. August (Eröffnungstag) um 20 Uhr auch eine Sonderführung durch die Ausstellung von Alfred Grimm anbieten zu können. Seinem Naturell entsprechend wird das sicher eine anekdotenreiche Reise in die Welt der Kunst. cd

15. August 2008, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Kann Grimm noch aufregen

Von Martha Agethen

Hünxe/Wesel Die Ausstellung „Grimms Mädchen“ im Preußen-Museum wurde gestern vorgestellt. Die Werkschau des hochproduktiven Künstlers aus Hünxe ist höchst ausdrucksvoll, brechend voll von Fantasie und nicht immer appetitlich. Ab Sonntag beherrschen sie Vitrinen und Wände im Preußen-Museum: „Grimms Mädchen“ heißt die neue Ausstellung von Künstler Alfred Grimm (65), eine von unzähligen auf seinem Lebensweg. Gouache- und Bleistiftzeichnungen dominieren. Mit dabei sind jedoch auch „Objekte des Weiblichen“, die aufgrund ihres provokativen Charakters schon mancherorts für Irritationen sorgten, jedoch vom Künstler erklärt, im überzeugenden Licht erscheinen.

Christus unter Lappen

Wie der „Aufnehmerchristus“, verborgen unter einem alten Lappen: „Er ist es, der den Dreck der Welt wegnimmt!“, sagt Grimm, der schon vieles für den Sakralraum schuf. Er geht stets ein Stück weiter, als herkömmliche Kunst: Da ist der alte Fernseher mit dem Paradies. „Adam und Eva haben sich in der Kunstgeschichte nie berührt“, sagt Grimm. Hier schon. Mit Barbiepuppen, im Urwald, und zugehöriger Geräuschkulisse. Da gibt es auch die Mutter-Erde-Plastik: ein gynäkologischer Stuhl, oben unberührte Natur, im Bauch die Industrie, deren Schmutzwasser abgeleitet werden. Das Ungeborene beschäftigte ihn: es entstanden der Retortenfötus „Wunschkind“ oder die „Fehlgeburtstagstorte“, Andenken an jene Kinder, die nie Geburtstag feierten. Dazu gehört eine „JVA-Torte“ Werl und eine „Fixertorte“ Berlin. Serielle Kunst dominiert.

Die Materialarbeiten zeigen expressionistische Bezüge. Nicht alles ist appetitlich. Doch liege ihm jegliche Basphemie fern, betont der Künstler. Für seine „Mädchen“ wählte er kleine Formate, passend zur intimen Mädchenwelt. Modell für die Akte standen Schülerinnen – angezogen, wie Grimm betont. Künstlerische Fantasie führte die Arbeiten zu Ende.

Freie Improvisationen über das Weibliche entstanden. Ein Spiel mit Vorstellungen und Linien. Vieles skizzenhaft. Wert lege er auf Natürlichkeit, Posen möge er überhaupt nicht, sagt er. Wie Momentaufnahmen hält er Bewegungen zeichnerisch fest, fügt sie später zusammen oder legt sie übereinander. Höchst ausdrucksvoll und sehr erotisch bisweilen; ausgesprochen kurvenreich. Vollen, schön geschwungenen Lippen ist große Aufmerksamkeit gewidmet. Manchmal bleibt ein Gesicht auch leer: Seelenzustand Nebensache. Rot dominiert.

Erotisches gibt es massig. Partner im Clinch, eher eindeutig als zweideutig. So bleibt der Titel „Grimms Mädchen“ eher ein Wortspiel. Gemeinsam haben die Mädchen und die Märchen die Fantasie. Nebenbei gewährt der Künstler in einer großen Vitrine Einblick in sein 400 Quadratmeter großes Atelier.

22. August 2008, NRZ » Originalartikel öffnen

Und ewig lockt das Weib

Ausstellung. Grimms Mädchen tummeln sich im Weseler Preußenmuseum. Klar, dass manche aus dem Rahmen fallen …

Gabi Gies

Wesel. Spätestens beim Fernsehprogramm aus dem Paradies wäre Dornröschen rot geworden. Da lässt Eva den rechten blanken Barbie-Busen blitzen und der Adam zwischen ihren Schenkeln zeigt Plastik-Popo ohne Feigenblatt – untermalt von Tigergebrüll und Menschengestöhn. Aber Dornröschen ist ja auch keines von Grimms Mädchen, die sich derzeit im Weseler Preußenmuseum tummeln. Die Bilderfrauen des Hünxer Künstlers Alfred Grimm erzählen keine Märchen – eher Alltags-Kurzgeschichten. Alle zusammen sind der rote Faden, der sich durch ein langes Künstlerlebens zieht – der von der Faszination des Weiblichen. „Grimms Mädchen“ – nicht nur die Objekte und Bilder, sondern auch der Titel der großen Ausstellung im Preußen-Museum stammt aus der Feder des Beuys-Schülers.

Kruzifix und Coladose

Eigentlich wollte Grimm sein „Versuchtes Paradies“ nicht nur vertonen, sondern auch noch rhytmisch wackeln lassen. „Mein Kunstobjekt ist ein Novum. Zum ersten Mal in der europäischen Kunstgeschichte erkennt Adam seine Eva“, sagt Grimm und zwinkert dabei ganz und gar unzweideutig. Er habe nur etwas Menschliches ins göttliche Umfeld bringen wollen … Zu provokant für die Provinz? Die hat schon mehr Grimmsche Direktheit zu sehen bekommen und sich mal mehr und mal weniger darüber aufgeregt. Über den „Aufnehmer-Christus“, etwa. Das Objekt aus Grimm’s umstrittenem Kruzifix-Zyklus, bei dem ein Putzlappen über einem Kreuz hängt, ist ebenfalls in Wesel zu sehen. Blasphemie? „Grundgedanke war, dass Christus den Dreck der Welt aufgenommen hat.“ Er wolle nicht provozieren, „aber wenn etwas auffällt, dann ist das okay“, sagt Grimm.

Vergnüglich ist der Blick in das nachgebaute Atelier hinter Glas. Da baumeln Kruzifixe neben Unterhosen und Rentiergeweih, lagern alte Kassettenrecorder neben Puppenkopf und Coladose. Alles Originale aus der echten Vorratskammer für Objekte in Bruckhausen, wo Grimm vor fünf Jahren mit seiner Porträtserie begann. Hier saßen ihm überwiegend junge Mädchen Modell. Während der Sitzungen hat er skizziert und gezeichnet, fertig gemalt aber erst, wenn die Modelle weg waren. Dann hat er überarbeitet, ergänzt, Bewegungen sichtbar gemacht, Erlebtes arrangiert und zu Kurzgeschichten geformt. Grimms Mädchen aus der Abteilung Akt und Eros hingegen sind reine Phantasieprodukte.

Aber Grimm wäre nicht Grimm hätte er seine Faszination des Weiblichen nicht auch mit Heißklebepistole, Hammer und Nagel bearbeitet – und sprachgewandt aufgearbeitet. Bissig sind sie, seine „Objekte des Weiblichen“, hintergründig, manchmal auch nur eindeutig zweideutig. Lassen laut lachen, manchmal auch leise aufseufzen. Wie die Tortenstücke aus dem Zyklus „Ein schönes Stück Deutschland“. Die „Jeans-Torte (JVA Werl)“ mit geöffnetem Reißverschluss, serviert mit Aktbildchen und verklebtem Tempotaschentuch. Oder die „Fehlgeburtstagstorte“, bei der einem auf den ersten Blick jeglicher Appetit vergeht. „Keine Provokation, sondern lieb gemeint – entstanden durch eine Diskussion, wann und wie man ungeborener Kinder gedenkt“, so Grimm.

Fernseher, Schachfiguren, Tortenstücke, Kruzifixe – Grimm ist als Serientäter bekannt. Für die Ausstellung hat er Objekte seiner verschiedenen Zyklen zusammengestellt. Auch der umstrittene „Mutter-Erde-Stuhl“, der einst der Zensur zum Opfer fiel, ist in Wesel zu sehen. So gibt es für Grimm-Kenner manches nette Wiedersehen, für Grimm-Neulinge viele überraschende Begegnungen. Und für alle eine Ausstellung, die Alfred Grimm von beiden Seiten zeigt – der leisen und der lauten.

18. Oktober 2008, NRZ » Originalartikel öffnen

Mehr Mädchen

Kunst. Die Ausstellung im Preußen-Museum mit Werken Alfred Grimms wird verlängert. Manche haben emsig diskutiert, andere sind hinausgelaufen.

Wesel. Mit einem Skandal hat es für Alfred Grimm vor 40 Jahren in Wesel angefangen. Da war der Hünxer Künstler noch junger Student und stellte im alten Rathaus aus. Auf eine Anzeige hin ermittelte der Staatsanwalt – und entschied zugunsten der künstlerischen Freiheit. Jetzt ist Grimm, inzwischen 64, wieder in Wesel. Seine Ausstellung „Grimms Mädchen“ im Preußen-Museum hat einige Besucher verärgert hinauslaufen lassen. Andere, unter anderem Schulklassen, hat sie zu Diskussionen angeregt. Nun wird sie bis zum 9.November verlängert.

Der Beuys-Schüler und frühere Kunsterzieher hat schon oft provoziert und polarisiert. Neue Skandale gab es indes nicht, auch nicht, als er vor fünf Jahren in der evangelischen Kirche Büderich seine Kruzifixe zeigte. Da habe Pfarrer Joachim Wolff viel Mut bewiesen, sagt Grimm.

Er sei überrascht, wie gut die aktuelle Ausstellung angenommen werde: „Die Besucherzahlen stimmen.“ Mehrere Schulklassen des Andreas-Vesalius-Gymnasiums hat er durch die Räume des Museums geführt. Manche Schülerinnen und Schüler hätten sich „munter und fidel“ mit seinen Arbeiten auseinandergesetzt. Andere hatten ihre Probleme mit schonungslos offenen Verbindungen und Perspektiven. „Einige malerische Arbeiten und besonders die Objekte hinterlassen bei vielen Besuchern eindrucksvolle, oft verstörende Spuren und können in Richtungen wirken, die von mir nicht beabsichtigt sind“, sagt Alfred Grimm. Verärgerte Aussteiger „muss man ertragen. Das ist nicht zu ändern.“

Auch während der Verlängerung soll es Führungen durch die Ausstellung geben (Termine können im Museum erfragt werden), die im November ins Mindener Preußen-Museum wandert. (jo)

4. November 2008, Rheinische Post » Originalartikel öffnen

Wen Grimms Mädchen provozieren

An der gut besuchten Ausstellung „Grimms Mädchen“ im Weseler Preußen-Museum scheiden sich die Geister. Einige – auch ältere – Kunstfreunde sind begeistert, andere können sich mit den Aktzeichnungen nicht anfreunden.

VON MARTHA AGETHEN

Wesel/Hünxe Alfred Grimm ist mehr als zufrieden. Seine bisher größte Einzelausstellung „Grimms Mädchen“ lockte Gäste aus Aachen, Velbert oder Düsseldorf, aber auch zahlreiche Weseler Bürger ins Preußen-Museum. Natürlich ließen es sich auch die ehemaligen Kollegen vom THG Dinslaken, an dem der Künstler aus Hünxe-Bruckhausen bis vor drei Jahren als Kunsterzieher wirkte, nicht nehmen, einen Rundgang zu unternehmen. Sogar die jungen Damen, die für die Aktzeichnungen – wohlgemerkt angezogen – Modell gestanden hatten, kamen auf der Suche nach sich selbst und fanden sich verblüfft neben einem völlig fremden Bodybilder wieder. Dies ist Grimms künstlerische Freiheit, die Realität neu zusammenzusetzen.

Erotisch provokant

Er meint grundsätzlich zum erotisch provokanten Charakter seiner Bilder: „Was die Jugend sich manchmal schon mit 13 im Internet reinzieht, ist damit nicht zu vergleichen. Die wissen heute mehr als ich mit 24!“ Dennochgab es sie, die Leute, die schockiert waren und die die Akte als Pornografie empfanden. Das Andreas-Vesalius-Gymnasium schickte seine Oberstufe ins Preußen-Museum. Während die Kunstlehrer begeistert reagiert hätten und die 13-er reichlich Diskussionsstoff für sich entdeckten, hätten die 11er doch teils peinlich berührt den Kopf gesenkt. Die Hamburger Haartorte habe einer Schülerin ein „I, nä!“ entlockt. Da habe offenbar die Distanz gefehlt, meint Grimm, dies als Kunst zu sehen. Statt als Essen! „Dabei ist die Ausstellung beim Rundgang mit Dr. Veltzke schon entschärft worden“, fügt der Künstler hinzu. Verschärft ging es dagegen bei den Objekten zu. Die Zeichnungen seien mit Lyrik, die Objekte eher mit einem Drama zu vergleichen.Da fließe mehr Soziales und Gesellschaftliches ein. Betroffenheit, Wut, Ekel habe er vielfach zu spüren bekommen. Selbst bei den Führungen, sechs insgesamt à zwölf Personen, konnten sich rund die Hälfte der Besucher trotz Aufklärung nicht damit anfreunden. Doch insgesamt erlebe er heute mehr Toleranz. Dr. Arand hätte sich vor elf Iahren noch schlicht geweigert, den „Mutter-Erde-Stuhl“ in seinem Museum auszustellen. Manches wurde mit Humor genommen, besonders das Objekt „Adam und Eva“ (im Clinch, mit Seufzen). Grimm verteidigt den drastischen Charakter seiner Werke: „Ästhetik ist der Feind der Kunst. Es darf Schönheit, aber es muss Biss dabei sein.“

Auf Adressaten hinzuarbeiten liege ihm fern, er verwirklicht seine Weltsicht. Schülern habe er zeitlebens zur Werkbetrachtung empfohlen: „Nehmt den Schlüssel, schließt die Tür auf!“

Es wagten sich auch zahlreiche Senioren in die Ausstellung: Eine Dame hinterließ da im Gästebuch, was ihr ein begeisterter Herr (82) gestand: „Ich hätte nichts dagegen, die Frau von Bild 166 („Frau, sich entkleidend“) mal kennenzulernen.“ Diskussionen könnte da eher folgendes Zitat auslösen: „Wie das wahre Leben, nicht das aus der Konserve, das wir bisweilen dafür halten.“

5. November 2008, Niederrhein Anzeiger » Originalartikel öffnen

„Grimms Mädchen“ ohne Skandal in die Verlängerung

Niederrhein Anzeiger Talk mit Enfant Terrible Alfred Grimm

Dinslaken. Anläßlich der Verlängerung seiner Ausstellung im Preußen Museum stand Dinslakens Enfant Terrible Alfred Grimm dem Niederrhein Anzeiger Rede und Antwort.

NA: Wir gratulieren zum Erfolg im Preußen Museum. Das ist aber nicht ihre erste Ausstellung in der Kreisstadt?

Grimm: Vor genau 40 Jahren hatte ich 1968 schon im Alten Rathaus in Wesel als junger Student mit der Künstlergruppe „Der Kreis“ einige Bilder ausgestellt, die damals einen richtigen Skandal ausgelöst hatten. Aus Zeitungsberichten habe ich erfahren, dass Rolf Opitz, der damalige Kulturdezent. sogar wegen dieser „abszönen Geschmacklosigkeit“ zurücktreten wollte. Der Staatsanwalt wurde eingeschaltet – und die Folge? – die Ausstellung hatte danach großen Zulauf.

NA: Hatten Sie mit solch einer Aufregung oder sogar mit einem Skandal gerechnet?

Grimm: Nein, ich war doch noch jung und in Sachen der Manipulation völlig unerfahren. Das Ganze kam völlig überraschend. Der Kunstkritiker hatte am Abend noch mit uns geplaudert… und dann am nächsten Tag dieses Theater. Heute würde sich keiner mehr über diese Zeichnungen, die ich übrigens noch besitze, aufregen. Das ist alles Schnee von gestern und… NA: …hat der künstlerischen Arbeit keinen Schaden bereitet?

Grimm: Überhaupt nicht. Jahre später habe ich im Obergeschoss des Centrums eine Einzelausstellung gehabt. Dann hat Werner Arand vor 11 Jahren eine große Ausstellung zum Motiv „Baum“ – mit schönem Katalog – unten in den Ausstellungsräumen organisiert und jetzt, als weitere Steigerung: Meine bisher größte Einzelausstellung „Grimms Mädchen“ im überregional bedeutenden Preußenmuseum, diesmal mit einem dickeren und reich bebilderten Katalog.

NA: Und wie sind die Publikums-Reaktionen im Preußenmuseum mit „Grimms Mädchen“?

Grimm: Ich bin selbst überrascht, wie gut diese Ausstellung angenommen wurde. Die Besucherzahlen stimmen, die Presse – allen voran der Niederrhein Anzeiger – hat insgesamt positiv berichtet. Ich mache öffentliche Führungen, begleite den „Rotary-Club“ und „R(h)ein-Kultur-Welt“ und viele Schulklassen durch die Ausstellung. Da ich ja lange Jahre in Dinslaken am Theodor-Heuss-Gymnasium Kunsterzieher war, kann ich nicht nur künstlerische Arbeiten schaffen, sondern auch noch darüber reflektieren und habe große Freude an der Diskussion mit den Besuchern über meine Werke.

NA: …die ja zum Teil nicht einfach zu verdauen sind!

Grimm: Das stimmt. Einige malerische Arbeiten und besonders die Objekte hinterlassen bei vielen Besuchern eindrucksvolle, oft störende Spuren und können in Richtungen wirken, die von mir nicht beabsichtigt sind. Einige Besucher haben verärgert das Museum verlassen. Aber das muss man ertragen. Das ist nicht zu ändern. Dr. Veltzke wird „Grimms Mädchen“ ja noch nach Minden mitnehmen. Dort bin ich ja völlig unbekannt. Ich bin sehr gespannt, wie die Besucher – 200 Kilometer von Wesel entfernt – auf meine Sachen reagieren werden.

NA: Die Ausstellung „Grimms Mädchen“ sollte Mitte Oktober beendet werden. Wir haben gehört, dass sie verlängert werden solI?

Grimm: Wegen der guten Aufnahme und des Erfolges wird in Wesel bis zum 9. November verlängert. Darüber bin ich sehr froh. Bis zur Eröffnung in Minden haben wir immer noch genügend Zeit, die Folgeausstellung dort in Ruhe vorzubereiten.

NA: Wir bedanken uns und wünschen Ihnen weiterhin künstlerischen Erfolg. red

29. November 2008, Mindener Tageblatt » Originalartikel öffnen

Irdisch, nicht märchenhaft

Ausstellung „Grimms Mädchen“ wird im Preußen-Museum eröffnet

Von Ursula Koch

Minden (mt). Nein, mit Märchen haben „Grimms Mädchen“ nichts zu tun. Allenfalls strahlten seine Bilder eine gewisse Versonnenheit und Selbstbezogenheit aus, sagt Alfred Grimm, dessen Ausstellung am Sonntag um 11.30 Uhr im Preußen-Museum Minden eröffnet wird.

Die Präsentation des gebürtigen Dinslakeners, der in Hünxe-Bruckhausen lebt, war beim „Heimspiel“ im Preußen-Museum Wesel auf einer sehr guten Resonanz gestoßen, wie Museumsleiter Dr. Veit Veltzke berichtet. Dem Beuys-Schüler seien vor allem am Niederrhein bereits zahlreiche große Ausstellungen gewidmet gewesen, dazu habe er viele Arbeiten im öffentlichen Raum realisiert.

Die „Mädchen“-Serie habe er vor gut fünf Jahren begonnen, dieses Themenfeld allerdings bislang noch nicht in einer Ausstellung gezeigt. So hängen nun Dutzende der überwiegend kleinformatigen Arbeiten, Zeichnungen, die mit Gouache sparsam coloriert sind, einige Acrylbilder und Ölgemälde die Wände der Sonderausstellungsräume. Sie alle zeigen junge Frauen, mal einzeln, mal in Gruppen, gelegentlich auch junge Männer dabei.

Viele der Blätter strahlen eine gewisse Flüchtigkeit oder auch Dynamik aus, denn Grimm verschmilzt in einer Arbeit durchaus mehrere Posen. Der pensionierte Kunsterzieher – „ich war gerne Lehrer“ – zeigt junge Menschen, wie sie ihn viele Jahre umgeben haben. „Meine eigenen Schüler haben mir nie Modell gesessen“, betont Grimm. Wenn er Paare oder Gruppen abbilde, dann seien das reine Produkte der Phantasie, die dargestellten Personen seien sich so nie begegnet. Der Phantasie entsprungen sind auch seine erotischen Aktbilder.

Als „Objekte des Weiblichen“ bezeichnet Grimm seine Assemblagen (Collagen aus dreidimensionalen Objekten), die einen leidenschaftlichen Sammler erkennen lassen, der die Gesellschaft ironisch bis kritisch kommentiert. Wie mit dem Objekt „Mutter Erde“, in dem er eine Modell-Landschaft auf einem gynäkologischen Stuhl gestaltet, die an medizinische Geräte angeschlossen ist. Ein weiterer Komplex sind die Tortenstücke unter dem Titel „Ein schönes Stück Deutschland“.

„Die beiden großen Vitrinen am Eingang haben mir drei Wochen lang Magengrummeln verursacht“, gesteht Grimm. Dann kam er allerdings auf die Idee, sein gerade verlassenes Atelier als Environment wiederauferstehen zu lassen. Hier offenbart sich die Sammelleidenschaft, die sich in den Objekten bereits andeutet.

Dezember 2008/Januar 2009, Weg & Fähre » Originalartikel öffnen

Alfred Grimm – Grimms Mädchen

Preußen-Museum Minden

Das Preußen Museum Minden zeigt in Wesel und Minden die Ausstellung „Grimms Mädchen“: Keine Illustrationen zu Märchen der Gebrüder Grimm, sondern Frauendarstellungen aus dem umfangreichen Oeuvre des Beuys-Schülers Alfred Grimm. Sonst mehr für seine ironischen Tortenstücke und verstörenden Kruzifix-Objekte bekannt, präsentiert der Künstler diesmal Porträts meist jüngerer Frauen – ob alleine, als Paar oder in der Gruppe – und prickelnd Erotisches: Eine Auswahl von Zeichnungen, Gouachen, Arbeiten in Acryl und Öl sowie Objekten, die in den letzten Jahren in Grimms Atelier in Hünxe-Bruckhausen entstanden sind.

Es ist eine intime Welt des Weiblichen, die mit präziser Stift- und impulsiver Pinselführung sowohl einfühlsam als auch unbekümmert lustvoll oder mit Janusblick erfasst wurde und sich nun poetisch-hintergründig, in dynamischer Intensität oder mit provokativer Zweideutigkeit dem Betrachterauge darbietet. Der 65-jährige niederrheinische Künstler erweist sich in diesen Serienbildern – bei aller Vorliebe fürs Detail – zugleich als Meister der Variation, der spontanen Improvisation und der grafischen Reduzierung. Voller Bewegungsdrang in lebendiger Gestaltung geschaffen, lebt jedes einzelne, den Malbüchern des Künstlers entnommene Blatt gleichermaßen vom Reiz des Unfertigen, von der Zartheit der Koloristik und von der Expressivität der als Empfindungsspur auf die Bildfläche gebannten, sich kraftvoll steigernden Linie. Die Objekte bestechen durch ihre hintersinnige Vielgestaltigkeit und die virtuose Handhabung heterogener Ausgangsmaterialien, die zu neuen verblüffenden Einheiten kombiniert werden. Kurzum: Grimms Arbeiten zeugen sowohl von der Nachdenklichkeit und Intimität eines stillen Zwiegesprächs zwischen Maler und Modell als auch von der sprudelnden Frische und feurigen Dynamik einer nie ruhenden, von innerer Leidenschaft und spielerischer Schaffensfreude durchdrungenen Künstlerpersönlichkeit.

Die Ausstellung ist noch bis zum 1. Februar 2009 zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Donnerstag und Sonnabend und Sonntag von 11.00 bis 17.00 Uhr.