Ausstellung Elmshorn

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24. August 2002 » Originalartikel öffnen

Provozierender Dada-Enkel

Alfred Grimm aus Hünxe gastiert wieder beim Kunstverein im Torhaus

Alltag und Umwelt stehen für Alfred Grimm im Mittelpunkt des künstlerischen Interesses.

Elmshorn (Wu.) Eine niedliche Landschaft in einer angeschmudellten Kloschüssel – bitte nicht wegspülen –, mit eisernen Kreuzen drapierte Tortenstücke, in der Ecke gefesselte Pflastersteine – schon ein wenig provozierend, was Alfred Grimm den Elmshorner Kunstfreunden vorsetzte. Das war im März des Jahres 1991, als der Mann aus dem rheinischen Hünxe zum erstenmal in Elmshorn auftrat und seine Objekte und Bilder beim Kunstverein (KVE) vorführte. Das heimische Publikum reagierte anfangs irritiert, war aber zunehmend auch fasziniert und am Ende durchweg begeistert.

Ob das am kommenden Dienstag auch so sein wird, steht dahin. Fest steht hingegen, dass der KVE die künstlerische Frohnatur Grimm zu einem zweiten Gastspiel eingeladen hat – „weil uns das damals so großartig gefallen hat“, sagt Hans-Jürgen Witte, Vorsitzender des Kunstvereins.

Und auch der Künstler selbst freut sich auf sein Elmshorn-Gastspiel, zu dem er TV-Objekte (siehe Abbildung rechts [im Originalartikel]), Malerei und Objektbilder mitbringen wird. Und ganz sicher hat er auch wieder einige Überraschungen parat …

Alfred Grimm stammt aus Dinslaken, wo er 1943 das bombengeschwängerte Licht der Welt erblickte. Studiert hat er von 1964 bis 1970 an der Kunstakademie in Düsseldorf, bei den Professoren Karl Bodek und Josef Beuys. Vielleicht war Grimm schon deshalb früh dafür bekannt, mit eigenwilligen, spektakulären Mitteln auf sich und seine Kunst aufmerksam zu machen, wobei er mit Vorliebe drückende Probleme des Alltags und der Umwelt in den Mittelpunkt rückte. Seit 1989 lebt der Künstler auf einem eigenen Bauernhof in Hünxe-Bruckhausen, wo er auch sein Atelier hat.

Als radikaler Künstler ist Grimm stets auf emotionale Wirkung aus; seine Sujets gestaltet er meist mit einfachen Mitteln, nicht selten sind es Fundstücke, die Eingang in die spektakulären Kunstwerke finden.

Die Ausstellung Alfred Grimm wird am Dienstag, dem 27. August, 20 Uhr, im Torhaus eröffnet. Auch diesmal gibt der Künstler selbst die Einführung; sie geriet bei seinem letzten Auftritt zu einem wunderbaren Happening (bis 22. September).

24. August 2002, Rheinische Post

Der Hünxer Künstler Alfred Grimm fährt seine Kunst in den Norden

Skandal-Stuhl fährt mit nach Elmshorn

Hünxe. „Golgatha“ ruht im Pappkarton, der „Baum-Christus“ in einer Holzkiste. Kunststoffplanen schützen den „Mutter-Erde-Stuhl“ vor Staub und das „Försterprojekt“ mit dem wehrigen Hirschen, der seine Enden brünftig durch die ölgemalte Waldidylle bohrt, vor Spinnweben. Alfred Grimm hat seine Kunst gut verstaut. In Bauer Bruckmanns Scheune stapeln sich Kisten und Kästen bis zur Decke. Einige davon gehen morgen auf Wanderschaft. Der Künstler transportiert sie nach Elmshorn. Auf Einladung des dortigen Kunstvereins zeigt Grimm vom 28. August bis zum 22. September im Torhaus Probstendamm TV-Objekte, Objektbilder und Malerei.

Zuletzt war der Künstler 1991 dort. Zeit für einen neuen Kunstbesuch. „Ich nehme ausschließlich Arbeiten der vergangenen zehn Jahre mit“, sagte der 59-Jährige. 27 Großobjekte sind darunter, neben „Herbst TV“, „Schweinestall“ und „Öl-Christus“ auch der zu neuer Aktualität gelangte „Hochwassereimer“ von 1995. Der umstrittene „Mutter-Erde-Stuhl“ geht ebenfalls auf die Reise. Das aus einem gynäkologischen Stuhl entwickelte Werk – ein mit Zivilisationsmüll befrachteter, landschaftlich gestalteter weiblicher Torso – sorgte vor vier Jahren in Rees und Meerbusch für handfesten Ärger. Im Reeser Stadtmuseum durfte er nach langem Gezänk bleiben.

Bei der Ausstellung mit dem bezeichnenden Titel „Kunst &ndah; grenzenlos“ in der Teloy-Mühle in Lank-Lantum stieß Grimms Kunst jedoch sehr wohl an Grenzen. Sie wurde zensiert und musste entfernt werden. Frauen hätten sich „in ihrer Würde verletzt“ gefühlt, hieß es zur Begründung. Der Skandal war perfekt.

Ob sich ähnliches in Elmshorn wiederholt? Alfred Grimm ist gespannt. Am Dienstag weiß er mehr.

Ralf Schreiner.

22. August 2002, NRZ » Originalartikel öffnen

Mutter Erde auf dem Stuhl

KUNST / Alfred Grimm stellt insgesamt 26 Objektbilder und TV-Objekte zum Thema Landschaft ab Ende August in Elmshorn und anschließend im Harz aus.

Dinslaken. Aufeinandergestapelte Kartons werden aufgerissen, zur Seite geschoben und in den Lieferwagen geräumt. Der Künstler Alfred Grimm und seine zwei Helfer, Stefan Grimm und Markus Ceh, haben allerhand zu tun, weil für Afred Grimm eine Ausstellung in Elmshorn vor der Tür steht.

Da wird eine auf einem gynäkologischen Stuhl errichtete Berglandschaft mit Miniatur-Häuschen und -Bäumen, einem Tunnel, der ins Schwarze führt, und mit etlichen angebrachten Schläuchen, die an Krankenhaus-Atmosphäre erinnern, in den kleinen Lieferwagen getragen. Dieses Objekt mit der Bezeichnung „Mutter-Erde-Stuhl“ ist eines der insgesamt 26 großen Objekte (Objektbilder und TV-Objekte) von Alfred Grimm, die neben Baummalereien zum Thema „Landschaft“ vom 28. August bis 22. September im Torhaus, Probstendamm in Elmshorn ausgestellt werden.

„Alle Werke sind innerhalb der letzten zehn Jahre entstanden. 1991 hatte ich in Elmshorn schon einmal eine sehr erfolgreiche Ausstellung mit kleineren Objekten, Malereien und Zeichnungen“, erklärt der Künstler, „Im Anschluß an die Ausstellung in Elmshorn stelle ich im Harz aus“, so Alfred Grimm. (NH)

31. August 2002, HAMBURGER ABENDBLATT » Originalartikel öffnen

Christus steht Kopf und Alarm in der Kiste

Beim Kunstverein im Torhaus zeigt Alfred Grimm, was Kunst auch sein kann

Von Dierk Wulf

Elmshorn. Eine niederrheinische Seekuh tritt brüllend in Konkurrenz zu markerschütternden Sirenenklängen, die aus einem verkohlten TV-Gerät drängen – aber keine Sorge: die Feuerwehr ist schon da, tief ragt die Drehleiter ins desolate Gehäuse. Daneben ein Stuhl, der einst eine gynäkologische Abteilung ansehnlich möblierte, jetzt aber einer Spielzeug-Dorfidylle Heimstatt bietet – und außerdem noch schwer definierbarem Figürlichen. Wir sind mitten drin im Gruselkabinett des Alfred Grimm. Der Künstler aus Hünxe am Wesel-Datteln-Kanal (dort hat mans mit dem X, Xanten und Henxel sind nicht weit) ist auch diesmal wieder tief in sein Kuriositäten-Archiv hinabgestiegen, es muss irgendwo dort angesiedelt sein, wo der Herr der Finsternis sein Unwesen zu treiben pflegt …

1991 gastierte Grimm bereits einmal beim Kunstverein, und schon damals erregte er Aufsehen – wie übrigens überall im Lande, wo der Beuys-Schüler seine künstlerischen Fühler spielen lässt. Manches Mal wurde dabei „Skandal“ skandiert – und in der Tat ist bei Grimm auch immer ein heftiger Happen Provokation im Spiel. Bei den Tortenstücken zum Beispiel, die jedes Konditorenherz kobolzen lassen – „Fehlgeburtstagstorte“ ist im Angebot, aber auch eine „Joseph-Beuys-Torte“, mit der Grimm seinen großen Lehrmeister grüßt.

Damit wären wir schon oben im Ausstellungsraum angekommen, wo Grimm ein wenig mehr Milde walten lässt. Hier hängen auch die großformatigen Objektbilder des Künstlers, in denen er eine Geißel der Neuzeit umkurvt: den Straßenverkehr und seine nicht selten tödlichen Folgen. In den „Unfall mit Begrenzungsleuchte“ (1997) hat der Künstler Originalteile von Baustellen und Autofriedhöfen montiert, „Hirschunfall“ (1999) konfrontiert den Betrachter mit Geweih, Tierschädel und lädiertem Autobug. Und ein richtig schöner Schlafzimmerhirsch in Öl hat das ganze unter Kontrolle – sozusagen vom Hirschhimmel aus.

Alfred Grimm liebt die direkte Sprache, auch wenn er manchmal Gefahr läuft, ins Banale zu rutschen. Das nimmt er um des Effektes willen in Kauf, denn seine Anliegen sind von tiefernstem Charakter, einem Ernst, der aber durchaus auch von intellektuellem Witz tangiert ist. Der „Australische Christus“ hängt schlicht auf dem Kopf an seinem Kruzifix, einfacher lässt sich Antipodenglaube bei uns doch kaum vermitteln; die Schulkinder werden im Torhaus ihre Freude haben.

Am Eröffnungsabend machte Grimm deutlich, dass er über erhebliche Qualitäten als Selbstdarsteller verfügt. Wenn es mit dem Video auch nicht recht klappte. Aber das war kaum von Bedeutung. Fernsehen haben wir ja schließlich zu Hause. Aber dies ist dem Künstler gelungen: seine Kunst bietet Raum für emotionale Entfaltung, sie führt Sehen und Denken zusammen.